So lief das zweite Halbfinale des ESC

Flotter Auftritt, durchschnittliches Lied: Jessica Mauboy aus Australien schaffte es mit „We Got Love“ ins Finale.

Flotter Auftritt, durchschnittliches Lied: Jessica Mauboy aus Australien schaffte es mit „We Got Love“ ins Finale.

Lissabon. Oft ist es ja allein die Hoffnung, dass die guten Lieder sicher noch kommen, die einen als Zuschauer des Eurovision Song Contest überhaupt in die Lage versetzt, auch Unterirdisches auszusitzen. Da muss doch noch was kommen! Das kann doch nicht alles gewesen sein?! Meinen die das ernst? Das soll eine zeitgemäße Leistungsshow des europäischen Pop im Jahr 2018 sein? Doch das zweite Halbfinale beim ESC 2018 in Lissabon am Donnerstagabend strafte all jene Lügen, die an das Gute in der Musik glauben: Deutlich schwächer als die 19 Kandidaten des ersten Halbfinals war der zweite Durchgang mit seinen 18 Künstlern.

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Am Ende schafften es diese zehn Länder ins Finale am Sonnabend (um 21 Uhr live in der ARD): Serbien, Moldawien, Ungarn, die Ukraine, Schweden, Australien, Norwegen, Dänemark, Slowenien und die Niederlande.

Viel Not und viel Elend

Viel Not, viel Elend gab’s zu sehen und hören auf der großen Bühne vor 11.500 Zuschauern in Lissabon. Ein stolzer Wikinger aus Dänemark, Doppelgesichter aus Rumänien, eine Mittelalterkapelle aus Serbien. Und San Marino gelang das Kunststück, nach Jahren im kreativen Klammergriff von Ralph Siegel in diesem ersten siegellosen Jahr seit langer Zeit noch öder zu sein als zuvor. Ein tanzender Roboter? Ernsthaft? Das war so dermaßen armselige Zeitgeistausbeutung, dass es wohl selbst dem Schlager-Dinosaurier Siegel zu peinlich gewesen wäre. Die verdiente Strafe: kein Finale.

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Schweden schickte mit Erfolg den üblichen Jüngling mit Bettfrisur und Dackelblick ins Rennen, diesmal hieß er Benjamin Ingrosso. Seine Funknummer „Dance You Off“ war ein eiskaltes Designstück von einem Popsong, hergestellt aus dem geballten Wissen der schwedischen Produzentenprofis über die Vorlieben des globalisierten Partyvolks.

Russlands kreativer Offenbarungseid

Und Russland? Die russische Sängerin Yulia Samoylova sollte schon 2017 beim ESC in Kiew für ihr Heimatland antreten, geriet aber im Konflikt um die Halbinsel Krim zwischen Russland und der Ukraine zwischen die Räder. Einreiseverbot, Auftrittsverbot. Russland zog sich beleidigt zurück – und schickte Samoylova 2018 noch mal ins Rennen. Ihr dünnes Stimmchen aber und der seltsame Versuch, ihren Rollstuhl in einer Art Pappmaché-Vulkan zu verstecken, machten ihren Auftritt zum kreativen Offenbarungseid. „I Won’t Break“ hieß ihr Song programmatisch. Es blieb eine reine Behauptung. Tatsächlich verpasste Russland das Finale – zum allerersten Mal seit Einführung der Halbfinals im Jahr 2004.

Überhaupt: die Inszenierungen. Erstmals seit Jahren verzichteten die ESC-Macher auf eine überdimensionale LED-Wand auf der Bühne. Das zwang die Nationen dazu, sich Kulissen, Choreographien, Storys zu überlegen. Manche davon waren clever, viele nicht. Malta zog mit Laserblitzen, Hologrammen, Feuerwerk, Nebel und Kostüm alle Register der internationalen Bühnentechnik – aber es blieb eine seelenlose Materialschlacht. Und warum der ukrainische Vampirjunge Mélovin – der gern zwei unterschiedliche Kontaktlinsen trägt – einem sich öffnenden Sperrholzklavier entstieg, um seine müde Hymne „Under The Ladder“ vorzutragen, blieb ein Geheimnis.

Norwegischer Lausbubencharme mit Geige

Zu den Höhepunkten gehörte der norwegische ESC-Sieger von 2009, Alexander Rybak. Er musste mit seinem Partysong „That’s How You Write A Song“ gleich als Erster ran, schaffte es mit Lausbubencharme und der obligatorischen Geige aber locker ins Finale am Sonnabend. Australiens Diva Jessica Mauboy legte einen flotten Auftritt hin, verfügte aber leider nur über ein höchstens durchschnittliches Lied namens „We Got Love“. Und Hollands Outlaw Waylon – eine Hälfte des unvergessenen Country-Duos Common Linnets – wirkte mit seinem Route-66-Whiskey-and-Freedom-Roadsong wie ein Garagenrocker beim Altstadtfest. Weiter kam er trotzdem.

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Der deutsche Kandidat Michael Schulte hatte in der Show einen Kurzauftritt. Er muss mit seiner Familienballade „You Let Me Walk Alone“ nicht durchs Halbfinale – Deutschland ist als Mitglied der sogenannten „Big Five“ automatisch qualifiziert. Die großen Beitragszahler Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und Frankreich gehören – ebenso wie Gastgeber Portugal – zu den 26 Finalisten am Sonnabend. Bei den Buchmachern ist Schulte zuletzt weiter gestiegen: Am Donnerstag stand er auf Platz zehn.

Ist Deutschlands Schulte das diesjährige „Black Horse?“

Von einem „Black Horse“ ist im Pressezentrum viel die Rede – einem Kandidaten aus dem Mittelfeld also, der das Feld unerwartet von hinten aufrollt, je mehr sich das größte Musikfest der Welt seinem Klimax nähert. Es sind solche Geschichten, die sie lieben in der ESC-Seifenblase. Die Wahrheit freilich gibt es erst am Sonnabend gegen Mitternacht. Auch beim ESC gilt für Erfolg oder Misserfolg, was man in Hollywood seit jeher sagt: Niemand weiß Irgendetwas. Nur eines hat Schulte am Donnerstag verraten: Er und seine Verlobte Katharina bekommen im August einen kleinen Jungen.

Von Imre Grimm/RND

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