Massenpanik mit 154 Toten in Südkorea

Ein Land trauert und fragt sich: Hätte die Katastrophe verhindert werden können?

Menschen trauern um die Toten der Massenpanik in Seoul.

Menschen trauern um die Toten der Massenpanik in Seoul.

Seoul. Wohl jeder, der schon mal im Seouler Itaewon-Viertel feiern war, kennt die kleine Gasse: Direkt vom U-Bahnausgang Nummer vier führt sie bergauf zur berühmten Ausgehmeile mit all ihren Hip-Hop-Clubs und Rooftop-Bars. Auf jenen 45 Metern Asphalt, die zu eng sind für jeden Autoverkehr, wurden am Samstagabend die Partygängerinnen und ‑gänger von ungeheuren Menschenmassen auf beiden Seiten erdrückt. Mindestens 154 von ihnen verloren in jener Nacht ihr Leben.

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Auf der anderen Seite des zentralen Namsan-Bergs, direkt vorm Rathaus der Millionenmetropole, hat die Stadtregierung einen riesigen Traueraltar errichtet. Präsident Yoon Suk Yeol kam als erstes, um den Verstorbenen seinen Respekt zu erweisen. Doch als die Politikerinnen und Politiker, ausländischen Botschafterinnen und Botschafter sowie Fernsehjournalistinnen und ‑journalisten längst wieder abgezogen waren, riss die Schlange an Trauernden bis in die Abendstunden weiterhin nicht ab. Insbesondere viele junge Leute legten mit vertränten Augen ihre Blumensträuße nieder, und immer wieder hörte man den Ausspruch: „Sie waren in meinem Alter“.

In den Medien teilten nun immer mehr Angehörigen die Geschichten der Opfer: Die Mutter, die ihren 18-jährigen, noch pausbackigen Sohn verloren hat. Er träumte davon, einmal bei Samsung Electronics zu arbeiten, um seine Großmutter stolz zu machen. Oder die 24-jährige Wirtschaftsstudentin, die gerade ihren ersten Job begonnen hatte: Auch sie zog am Wochenende nach Itaewon, um nach zwei Pandemiejahren endlich wieder ausgelassen zu feiern. Doch sie überlebte die Massenpanik nicht.

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Niemand fühlte sich für die Sicherheit zuständig

Zwei Tage nach der Tragödie hat die südkoreanische Regierung nun versprochen, eine gründliche Untersuchung einzuleiten. Die Polizei hat ebenfalls begonnen, Zeuginnen und Zeugen zu befragen und ihre Überwachungskameras auszuwerten. Und die Öffentlichkeit, die bereits 2014 vom menschengemachten Schiffsunglück der „Sewol“ mit über 300 Toten aufgerüttelt wurde, schaut mit Argusaugen auf das Tun der staatlichen Autoritäten.

Südkorea: Mehr als 150 Tote nach Massengedränge bei Halloween-Party in Seoul.

Die meisten Opfer sind Jugendliche und junge Erwachsene.

Denn schon jetzt lassen sich Rückschlüsse ziehen, demnach die Itaewon-Tragödie möglicherweise zu verhindern gewesen wäre. Als fatal stellt sich heraus, dass die Halloween-Feierlichkeiten trotz den jährlich Zehntausenden Besucherinnen und Besuchern nicht von einer zentralen Institution organisiert wurde. Deshalb fühlte sich niemand so recht für die Sicherheit verantwortlich, auch die Polizei offenbar nicht ausreichend.

Und die Bezirksregierung gab bereits recht offen zu, dass sie sich im Vorfeld vor allem um die Müllentsorgung am nächsten Morgen und die Verkehrsregelung während des Events gesorgt hatte. Die Sicherheit der Menschenmengen hatte man schlicht nicht auf dem Radar.

Nationale Trauerzeit

Doch viele Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels waren zwar ebenfalls schockiert von den Ereignissen, allerdings weitaus weniger überrascht. Ein Enddreißiger erzählt auf seinem Facebook-Account, dass er die Veranstaltung seit Längerem gemieden hatte, nachdem er sich beim Halloween-Fest vor acht Jahren bereits unsicher gefühlt hat: „Es war dermaßen überfüllt, dass es irgendwann gefährlich schien, also bin ich früher gegangen und auch in den nächsten Jahren nicht mehr wiedergekommen“.

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Doch diesen Herbst hat sich nach Aufhebung der Corona-Auflagen der Drang vieler junger Koreanerinnen und Koreaner noch einmal deutlich erhöht, endlich wieder wie früher zu feiern. Bis vor wenigen Monaten galten schließlich noch Sperrstunden und Kapazitätsbeschränkungen. Das populäre Itaewon-Viertel ist bisweilen zur Geisterstadt verkommen. Einige der Bars haben – wie zur Prohibition – ihren Stammgästen heimlich hinter verschlossenen Türen die Biere ausgeschenkt, um den Stichkontrollen der Polizei zu entgehen.

Nun wird bis zum kommenden Samstag wieder Stille ins Viertel einkehren, denn Präsident Yoon Suk Yeol hat eine nationale Trauerzeit ausgerufen. Wenn die Feiernden danach allmählich wieder nach Itaewon zurückkehren, wird die Schwermut der Tragödie in den Köpfen der Leute wohl noch lange nachhallen.

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