Es geht um 18 Millionen Euro

Warum sich zwei Männer um das Sperma eines toten Hengstes streiten

Starb im Alter von 20 Jahren an den Folgen einer Kolik: Wunderpferd Totilas.

Starb im Alter von 20 Jahren an den Folgen einer Kolik: Wunderpferd Totilas.

Er war das wohl teuerste Dressurpferd der Geschichte: der Wunderhengst Totilas, der 2010 für 9,5 Millionen Euro von dem niederländischen Immobilienmakler Simon Cornelis Visser (66), Rufname Kees, an Paul Schockemöhle (77), den wohl größten Pferdezüchter Europas aus dem Landkreis Vechta, verkauft wurde.

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Zehn Jahre später starb er an einer Kolik – die Erwartungen der Pferdesportwelt konnte er nach dem Verkauf an Schockemöhle nicht erfüllen. Er gilt dennoch als Ausnahmepferd, stellte Weltrekorde auf, wurde Welt- und Europameister und zeugte zahlreiche Nachkommen, die heute zur Weltklasse des Reitsports gehören.

Nun, fast zwei Jahre nach dem Tod des Tieres, ist ein Rechtsstreit um das Sperma des Hengstes entbrannt, wie unter anderem der „Spiegel“ berichtet. Im niederländischen Gelderland, einem Bezirksgericht in Arnheim unweit der deutschen Grenze, streiten sich Visser und Schockemöhle um die teuren, eingefrorenen Samen des Pferdes – um genau zu sein um rund 240 Samenhalme, die noch tiefgefroren und damit noch lange haltbar in Kees Vissers Bestand sein sollen. Laut dem Niederländer sind sie „mindestens 18 Millionen Euro“ wert, berichtet das Magazin mit Berufung auf Gerichtsunterlagen. Das Sperma reiche für die Befruchtung Tausender Stuten aus.

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Totilas - der Wunderhengst

Das fragliche Pferd Totilas, das zwei Jahre nach seinem Tod Gegenstand eines Rechtstreits wurde, war ein international erfolgreiches Dressurpferd der Rasse "Niederländisches Warmblut". In seiner Karriere war Totilas so bestaunt und bewundert worden wie kein anderes Dressurpferd vor ihm. Als der Hengst im Herbst 2010 von Schockemöhle in Deutschland vorgestellt wurde, gab es einen riesigen Medienrummel um den schwarzen Schönling und vermeintlichen Gold-Garanten. Die größten Erfolge hatte Totilas mit dem Niederländer Eward Gal. Das Reitpaar wurde 2010 zwei Mal Einzel-Weltmeister und gewann zudem Team-Gold.

Es ist unklar, wem die Samenbestände gehören – Visser oder Schockemöhle?

Das könnte Visser reich, oder besser: noch reicher, machen. Würde Schockemöhle nicht auch Besitzansprüche an das Sperma stellen. Er beansprucht die Zuchtrechte des toten Wunderhengsts exklusiv für sich. Diese wurden schriftlich allerdings nie festgehalten. Visser behauptet indessen, dass er und der Käufer seines einstigen Wunderpferdes nie über die Rechte an dem wertvollen Sperma verhandelt hätten. Schockemöhle hält dagegen, er habe von Visser „sicher verlangt“, dass auch „das Sperma gemeinsam mit Totilas verkauft wird“.

Paul Schockemöhle ist ehemaliger deutscher Springreiter und Unternehmer. Er fungiert als Assistent für das Trainerteam Japan bei der WM.

Paul Schockemöhle ist ehemaliger deutscher Springreiter und Unternehmer. Er fungiert als Assistent für das Trainerteam Japan bei der WM.

Schockemöhle verhindert, dass Kees Visser die Samen des „Wunderhengstes“ im Internet verkauft

Dass Visser kurz nach dem Tod von Totilas im Internet die Samen des Tieres anbot und verkaufte, wollte sein Kontrahent um jeden Preis verhindern – was ihm auch gelang. Das Landgericht Oldenburg gab seinem Antrag statt: Sollte Visser den Samenonlineshop weiterbetreiben, drohten ihm bis zu sechs Monate Haft oder ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro, heißt es im Urteil vom März 2021.

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Dagegen ging Visser gerichtlich vor, verklagte den Pferdezüchter seinerseits selbst. Laut Prozessunterlagen, die dem „Spiegel“ vorliegen, fordern Vissers Anwälte eine Erklärung, dass es ihrem Mandanten erlaubt sei, Sperma von Totilas anzubieten und zu verkaufen. Außerdem Schadensersatz von Schockemöhle für das aktuelle Verkaufsverbot.

Kuriose Wendung: Ist das Sperma von Totilas kontaminiert?

So weit, so klar die Positionen der Pferdenarren. Doch in dem aktuellen Rechtsstreit geht es nicht nur um die Ansprüche, wem der Samen gehört, sondern auch darum, ob der überhaupt noch etwas taugt. Schockemöhle habe nämlich gar kein Interesse mehr an dem restlichen Pferdesperma von Simon Cornelis Visser.

Der deutsche Reiter Matthias Alexander Rath auf Totilas.

Der deutsche Reiter Matthias Alexander Rath auf Totilas.

Denn, und an dieser Stelle nimmt die Geschichte eine groteske Wendung, die Samen seien völlig unbrauchbar, weil der Hengst zu Lebzeiten eine Geschlechtskrankheit gehabt habe: CEM, eine sogenannte Deckseuche, die sich nur bei den Stuten manifestiert, wohingegen die Hengste asymptomatische Träger bleiben.

Keine starken Evidenzen – fünf von 13 Proben angeblich positiv

Beweisen sollen das laut Schockemöhle Laborergebnisse, die kurz nach dem Kauf des vermeintlichen Wunderhengstes das Bakterium Taylorella equigenitalis nachweisen, das den Erreger überträgt. Immerhin fünf von 13 Proben waren positiv. Das wiederum ist für Visser keine starke Evidenz. Zudem habe er selbst das Tiefgefriersperma von einem veterinärwissenschaftlichen Institut in den Niederlanden testen lassen – welches zu einem ganz anderen Ergebnis kommt, nämlich, dass Totilas Wundersperma einwandfrei und völlig frei von Krankheitserregern ist.

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Besamungswirt beschreibt vor Gericht die Waschung des angeblich infektiösen Penisses des Hengstes

Sollten die Samenbestände trotz Vissers Beteuerungen verseucht sein, ginge die Rechnung des Niederländers nicht auf. Sein Gegenspieler Schockemöhle behauptet außerdem: Niemand wolle mehr Samen von Totilas haben. Er selbst habe seine Bestände sofort vernichtet, den kranken Hengst isoliert als er von der Geschlechtskrankheit erfuhr. Sein Besamungswirt hat bei Gericht sogar die Waschung des angeblich infektiösen Penis geschildert.

Pferdewirtschaftsmeister soll klären, ob der Hengst an einer Geschlechtskrankheit litt

Es ist ein Fall, der Fragen aufwirft und an Absurdität kaum zu überbieten ist. Branchenkenner zeigen sich zumindest verwundert, mit welcher Vehemenz sich Schockemöhle zunächst für ein Verkaufsverbot für Visser einsetzte, wenn dessen Samenvorräte doch angeblich kontaminiert sind und sich daher sowieso nicht verkaufen ließen. Die Wahrheit wird vor Gericht zu erörtern sein. Es bleibt zu klären – und dafür ist ein Pferdewirtschaftsmeister als Zeuge geladen – ob Totilas, das Jahrhundertpferd, das noch viele Nachkommen hinterlassen könnte, denn wirklich an CEM litt.

RND/hsc/fvw

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