Nur noch kleinere Brötchen?

Bäckermeister über Habecks TV-Auftritt: „Eine bodenlose Frechheit“

Bäckermeister Claus Becker

Bäckermeister Claus Becker

Herr Becker, wenn in diesen Tagen von Branchen gesprochen wird, die in der gegenwärtigen Energiekrise „auf der Strecke bleiben“ könnten, wie Marc Tenbieg vom Deutschen Mittelstands-Bund sich ausdrückte, ist überdurchschnittlich oft von Bäckereien die Rede. Warum ist das so?

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Wir backen in unseren Fachgeschäften fast ausschließlich mit Strom – und das den ganzen Tag. Die Backöfen in den Backstuben werden zunächst auch mit Strom gestartet. Aber das ganze sogenannte „Brennwesen“ läuft dort mit Gas. Wenn ich in einem Backofen mit 150 Ein-Pfund-Broten backe, starte ich mit 300 Grad – und das geht nur über Gas. Bei einer einzigen Ofenfüllung gehen da 4 bis 5 Euro drauf.

Das war vor der aktuellen Krise weniger?

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Ich habe in meinem Unternehmen momentan um 20 bis 25 Prozent höhere Energiekosten im Vergleich zu der Zeit vor der Krise. Aber es wird ja davon gesprochen, dass es noch bis zu 150 Prozent werden könnten.

Was ist für Bäcker und Bäckerinnen sonst noch teurer geworden?

Alles ist viel teurer geworden. Ich will es mit einer Zahl am Mehl verdeutlichen. Der Einkaufspreis von Mehl lag vor anderthalb Jahren bei 35 Euro pro Doppelzentner. Heute sind es knapp 80 Euro. Dabei wäre ich sogar bereit, 60 bis 65 Euro zu bezahlen, wenn davon nur die Landwirte profitieren würden.

„Aus Getreide wird immer noch Treibstoff gemacht“

Wie schlägt sich diese Entwicklung in Ihren Geschäften nieder – beispielsweise im Brötchenpreis?

Vorher zahlte man für ein Brötchen, einen sogenannten „Pfälzer“, 40 Cent. Der kostet jetzt 50 Cent. Und wir werden da wohl noch mal nachlegen müssen. Nicht nur die Energiepreise, sondern auch die Getreidepreise sind unwägbar: Mit dem Grundnahrungsmittel Getreide wird an der Börse spekuliert, aus dem Grundnahrungsmittel Getreide wird auch immer noch Treibstoff gemacht – trotz der Krise.

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Robert Habeck will zwei AKWs als Notreserve behalten

Der Bundeswirtschaftsminister öffnet die Tür für einen zeitweisen Weiterbetrieb von zwei Atomkraftwerken – im Notfall.

Wie würden Sie Ihren Betrieb größenmäßig beschreiben?

Ich würde mich zum „kleinen Mittelstand“ zählen. Wir haben 80 Mitarbeiter – Aushilfskräfte und Vollzeitbeschäftigte, alle in unbefristeten Verträgen. Die arbeiten in Backstube, Fachgeschäften, auf Wochenmärkten, im Lieferservice …

Spüren Sie und Ihre Mitarbeitenden schon Konsumveränderungen angesichts der höheren Preise?

Früher gab es eine kleine Umsatzdelle zur Monatsmitte, dann merkte der Kunde, sein Geld reicht doch noch eine Weile und leistete sich noch etwas. Seit zwei Monaten kann ich Ihnen aber genau sagen, wann der Erste des Monats war und wann der Letzte ist. Die Umsätze gehen im Monatsverlauf stetig zurück.

Gehen Leute wegen der Preise auch schon woanders hin – wechseln Kunden und Kundinnen vom Handwerksbäcker zum Discounter oder zum Industrietoast?

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(seufzt) Das ist schwer zu sagen. Unser Brotumsatz ist steigend. Aber ich habe das Gefühl, dass manche Kunden, die sonst morgens Brötchen kaufen, wegbleiben. Und beim Kaffee-Kuchen-Geschäft war zuletzt auch ein spürbarer Rückgang zu verzeichnen.

Wie beurteilen Sie das „dritte Entlastungspaket“ der Bundesregierung?

Wenn man nur mal Einzelheiten wüsste. Wir Bäckerbetriebe müssen auf jeden Fall in dieses Energieentlastungspaket mit rein. Wir brauchen Sicherheit. Es darf nicht wieder so werden wie bei der Befreiung von der EEG-Umlage (Anm. der Red.: EEG steht für Erneuerbare-Energien-Gesetz. 2000 wurde eine Ökostromumlage erhoben, um die Förderung des Ausbaus von Solar-, Wind-, Biomasse- und Wasserkraftwerken zu finanzieren), bei der die Großbäckereien gegenüber den Handwerksbäckereien bevorzugt behandelt wurden. Wir Handwerksbäckereien stellen Grundnahrungsmittel her, wir sind systemrelevant, auch wenn ich mich seit gestern Abend als Hersteller von Luxusgütern sehen könnte – seitdem Bundeswirtschaftsminister Habeck die Bäckereien im Fernsehen mit Blumenhändlern in einen Topf geworfen hat. Da warte ich jetzt nur noch auf eine Forderung von 19 Prozent Mehrwertsteuer von Herrn Habeck.

„Habeck muss mal zwei Nächte in einer Backstube mitarbeiten“

Er hat in der ARD-Sendung „Maischberger“ auch auf die günstigeren Backwaren beim Discounter verwiesen.

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Da hat einer die Bodenhaftung verloren, wenn er als einzigen Unterschied des Brötchens vom Bäckerbetrieb gegenüber dem des Lebensmitteleinzelhandels hervorhebt, dass es teurer ist. Soll sich der Kunde zum Discounter trollen, wenn er sich das Bäckerbrötchen nicht mehr leisten kann? Eine bodenlose Frechheit, einen Berufszweig so zu beleidigen. Er hat die Mitarbeiter von weit über 200.000 Fachgeschäften gekränkt – das größte Schaufenster Deutschlands. Habeck muss mal zwei Nächte in einer Backstube mitarbeiten, um zu sehen, was dort geleistet wird. Ich lade ihn ein.

Der Minister hat den angesprochenen Branchen in der selben Sendung geraten, „einfach erst einmal aufzuhören, zu produzieren“. Wörtlich sagte der Minister: „Dann sind die nicht insolvent automatisch, aber sie hören vielleicht auf, zu verkaufen“. Wie sähe das bei Ihnen in der Praxis aus?

Einfach ein paar Wochen dichtmachen? Sagt ein Wirtschaftsminister? Für mich würde ein jeder solcher Tage 6000 bis 7000 Euro kosten. Das würde dann zur Insolvenz führen. Wollen Sie meine persönliche Meinung hören? Der Mann muss weg. Ich habe auch gleich im Büro von Tobias Lindner in Berlin angerufen. Die Mitarbeiterin dort sagte mir, dass nicht jede Äußerung eines grünen Regierungsmitglieds von Herrn Lindner, dem grünen Abgeordneten der Region Südpfalz, gutgeheißen werden könne. Ich habe dann gesagt: „Muss er auch nicht. Aber er muss meine Rücktrittsforderung weitergeben“. (lacht)

„Am Ende werden manche Dörfer keinen Bäcker mehr haben“

Wird diese Krise am Ende zu einem weiteren Verdrängungsprozess der mittelständischen Handwerksbäcker und Handwerksbäckerinnen durch Großbäckereien führen?

Die Großen werden auch von der Krise betroffen sein, zumal ihre Befreiung von der EEG-Umlage inzwischen weg ist. Aber es wird schon einen weiteren Abschmelzungsprozess geben. Früher brauchte ein Bäcker, um davon leben zu können, Dörfer mit 2500 Einwohnern, heute sind das 4500 bis 5000 Einwohner. Am Ende der Krise kann es sein, dass so manche dieser Dörfer keinen Bäcker mehr haben. Das hat auch soziale Auswirkungen: Die Bäckerei ist ein Kommunikationsort – und der fehlt dann. Das darf man nicht vergessen.

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Claus Becker (52) ist seit 26 Jahren selbständiger Bäckermeister, zudem geprüfter Brotsommelier („Ich informiere über das älteste Grundnahrungsmittel Brot, bringe den Menschen das ‚gute Brot‘ näher“). Er ist Obermeister der Bäckerinnung Pfalz-Rheinhessen und Stellvertretender Landesinnungsmeister des Verbandes. Der verheiratete Vater dreier Kinder führt das 1963 von seinem Vater Heinrich Becker gegründete mittelständische Unternehmen De‘ Bäcker Becker in Edenkoben (nahe der französischen Grenze) mit Bäckerei (die „Gläserne Backstube“, bei der man den Bäckern und Bäckerinnen bei der Arbeit zuschauen kann), vier Fachgeschäften (es waren sieben vor der Pandemie), zwei Wochenmärkten und einem Lieferservice, in denen 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen tätig sind. Gebacken wird mit regionalem Getreide aus der Pfalz nach familieneigenen Rezepten. Backen ist – der Name verrät es – eine lange Familientradition. Auch Beckers Mutter stammt aus einer Bäckersfamilie – aus Dortmund.

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