Neue Einkunftsquelle für Landwirtschaft?

Bauernverbandschef Joachim Rukwied: „Ich sehe Deutschland nicht als Mekka des Hanfanbaus“

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, will einen Ausgleich für die vom Ukraine-Krieg verursachten Kostensteigerungen bei den Landwirten.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbands (DBV), Joachim Rukwied, will einen Ausgleich für die vom Ukraine-Krieg verursachten Kostensteigerungen bei den Landwirten.

Berlin. Herr Rukwied, durch den Krieg in der Ukraine steigen Preise, Lebens- und Futtermittelimporte könnten ausfallen, ebenso Dünger. Ist die Nahrungsmittelversorgung in Deutschland gesichert?

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Die Versorgung sehe ich bis zum Frühjahr 2023 gesichert. Für den Zeitraum danach wage ich keine Prognose. Für die jetzige Ernte haben wir zwar exorbitant hohe Betriebsmittelkosten, etwa für Dünger, Strom und Diesel. Und der Dünger wird knapper. Aber der größte Teil ist disponiert und eingekauft. Dadurch können die Landwirte für die Ernte 2022 noch wirtschaften. Wir wissen nicht, in welcher Menge und zu welchen Preisen Dünger und Energie in der zweiten Jahreshälfte zur Verfügung stehen. Und da fängt schon die Bodenbearbeitung für die Ernte 2023 an.

Ist ein gestiegener Weizenpreis nicht ein Vorteil für die Landwirte?

Es profitieren nur wenige. Die Ackerbaubetriebe haben einen großen Teil der letzten Ernte bereits verkauft – zu deutlich niedrigeren Preisen. Es sind nur noch kleine Mengen übrig, für die jetzt diese hohen Preise erzielt werden können. Und wer Schweine, Kühe oder Hühner hält, hat einen Nachteil: Tierhalter müssen mehr zahlen für Futtermittel. Die neue Ernte können wir zu höheren Preisen absichern – aber das brauchen wir auch, weil die Betriebskosten stark gestiegen sind. Die Gewinnmarge wird sich wahrscheinlich nicht sehr ändern.

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In der Landwirtschaft werden Arbeitskräfte gebraucht – setzen Sie auf ukrainische Flüchtlinge?

Ich erwarte keinen starken Zustrom von Arbeitskräften in die Branche. Die Erntehelfer kommen bei uns vor allem aus Rumänien. Schlepperfahrer würden von vielen Betrieben sicher gerne genommen.

Agrarminister Cem Özdemir hat als Reaktion auf die Verknappung den Futtermittelanbau auf ökologischen Vorrangflächen genehmigt. Reicht das?

Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Was wir unbedingt brauchen, ist eine temporäre Streichung der Mineralölsteuer – nicht nur eine Reduktion. Die Feldarbeiten laufen, da brauchen die Landwirte Sprit. Und die Versorgung mit Dünge- und Pflanzenschutzmitteln muss sichergestellt sein. Düngemittelhersteller dürfen ihre Anlagen nicht einfach runterfahren wegen hoher Energiepreise. Da muss der Staat mitdenken und eingreifen.

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Die Bundesregierung hat vergangene Woche den Haushalt vorgelegt. Sind Sie zufrieden mit dem Agraretat?

Mit diesem Haushalt können die Landwirte nicht zufrieden sein. Der staatliche Zuschuss für die landwirtschaftliche Unfallversicherung soll um 77 Millionen Euro gekürzt werden. Diese Reduktion ist indiskutabel. Wegen der hohen Energiekosten ringen die Landwirte gerade sowieso schon um Luft. Die Regierung legt ihnen jetzt noch die Schlinge um den Hals. Und ein weiteres: Eine Milliarde Euro reicht für den Umbau der Tierhaltung bei weitem nicht. Das ist höchstens ein erster Schritt. Wir brauchen mindestens 4 Milliarden Euro, sonst wird das nicht funktionieren. Die Bundesregierung sollte sich da dringend an den Empfehlungen der Borchert-Kommission orientieren. Wer hier bremst, gefährdet den Tierhaltungsstandort Deutschland und vor allem die geforderten hohen Tierwohl-Standards.

Die Bundesregierung ist 100 Tage im Amt, damit auch Agrarminister Cem Özdemir. In der Vergangenheit sind die konventionellen Landwirte mit Ministern der Grünen nicht so gut ausgekommen. Wie läuft es jetzt?

Wir haben ein gutes persönliches Verhältnis und sind in regelmäßigen Austausch. Wenn‘s brennt, erreichen wir uns. Es ist eine gute Arbeitsbasis. Ökothemen sind uns nicht fremd, wir haben viele Mitglieder im Bauernverband, die Ökohöfe bewirtschaften. Tiefe Gräben gibt es nicht. Wenn es Differenzen gab, lag das oft an Personen.

Die Koalition will den Anteil des Ökolandbaus bis 2030 auf 30 Prozent steigern. Ist das erreichbar?

Dieses Ziel ist sehr ambitioniert. Der Anteil im Markt von derzeit rund 7 Prozent müsste sich innerhalb von acht Jahren vervierfachen. Um das zu befördern, wird etwa in öffentlichen Kantinen verstärkt auf ökologische und regionale Produkte gesetzt. Aber am Ende entscheiden die Verbraucher. Von unseren Betrieben haben vor der Ukraine-Krise rund 20 Prozent über eine Umstellung nachgedacht.

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Geplant ist, die Haltungsbedingungen durch ein Label auf tierischen Lebensmitteln deutlich zu machen.

Wir wollen nicht nur eine verpflichtende Haltungs-, sondern auch eine Herkunftskennzeichnung. Wir hoffen, dass viele sich dann für regionale Produkte entscheiden. Dass das Ministerium bei der Herkunftskennzeichnung auf die EU warten will, verzögert die Sache unnötig. Österreich und Frankreich gehen auch voran. Spätestens Ende des Jahres muss Deutschland auch bei der Herkunftskennzeichnung aktiv werden, wenn aus Brüssel nichts kommt.

Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat soll in Deutschland 2023 nicht mehr verwendet werden dürfen. Bleibt es dabei?

Die Entscheidung der Koalition ist fachlich nicht nachvollziehbar. Dieser Wirkstoff kann sehr gezielt eingesetzt werden. Gerade mit Blick auf den Klimaschutz ist er ein wichtiger Baustein bei emissionsärmeren Mulch- und Direktsaatverfahren. Auf EU-Ebene ist noch nicht alles entschieden – das warten wir jetzt ab. Dann reden wir in Deutschland weiter.

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Deutschland hat bei der EU neue Vorschläge zur Umsetzung der Nitratrichtlinie eingereicht. Dabei geht es darum, so genannte rote Gebiete festzulegen, in denen das Düngen eingeschränkt wird. Stimmt die EU zu, gibt es nach langem Streit Sicherheit. Ziehen Sie dann mit?

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Wasserschutz ist wichtig, aber bei den Vorschlägen der Regierung muss nachgebessert werden. Bei der Ausweisung der roten Gebiete muss beispielsweise die Fließrichtung des Grundwassers eine Rolle spielen. Und auch Verursachergerechtigkeit ist wichtig: Wenn ein Landwirt nachweist, dass er ordnungsgemäß wirtschaftet, muss er bei Bedarf auch in roten Gebieten bedarfsgerecht düngen dürfen. Da muss die Bundesregierung also nochmal ran.

In Krisen helfen neue Einkunftsquellen. Die Koalition will den Anbau von medizinischem Hanf erlauben. Setzen Sie darauf?

Landwirte sind offen für Neues. Wenn es einen rechtlichen Rahmen gibt, werden sich Landwirte damit befassen. Aber momentan hat das Thema noch keine Priorität. Es gibt gewisse Absatzchancen. Aber ich sehe Deutschland derzeit nicht als Mekka des Hanfanbaus.

Für Wind- und Sonnenenergie braucht es neue Flächen. Ist das eine Einkommensalternative?

Wenn die Landwirte zu den Betreibern gehören, ist das eine Einkommensalternative. Aber als Landwirt ist mir jeder Hektar, der verbaut wird, einer zu viel. Wir brauchen Flächen zur Lebensmittelversorgung. Und der Flächenverbrauch ist durch Siedlungs- und Infrastrukturbau schon jetzt viel zu hoch. Den Vorschlag der Bundesregierung, für den Ausbau der Photovoltaik Ackerflächen zu nutzen, halten wir für unausgewogen. Auch Grünland, minderwertige Flächen und Konversionsflächen müssen genutzt werden – sonst geht zu viel Ackerland verloren. Wir sehen auch die Gefahr, dass außerlandwirtschaftliche Investoren sich Flächen aneignen und der Erzeugung entziehen. Investoren bieten Verpächtern einen vielfachen Preis, den Landwirte zahlen können. Ein Ausweg ist, Genossenschaftsmodelle zu fördern. Und Kommunen müssen in Bebauungsplänen entsprechende Vorgaben machen.

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Die Koalition will sich auch dem Aufregerthema Wolf widmen. Im Koalitionsvertrag heißt es, das Monitoring solle überarbeitet, der Bestand regional gemanagt werden. Was erwarten Sie genau?

Wer Weidehaltung erhalten will, muss die Entnahme von Wölfen möglich machen. Es muss auch eine Obergrenze für den Bestand geben. Aus Sicht zahlreicher Weidehalter ist in vielen Regionen die kritische Grenze überschritten. Manche erwägen schon, ihre Herden aufzugeben. Hier besteht akuter Handlungsbedarf.

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