Bericht aus der Folterklinik von Homs: ein Arzt als Mörder?

Der Angeklagte Alaa M. (rechts) mit seinem Anwalt Oussama Al-Agi: „Ich hatte mich mit dem Regime arrangiert.“

Der Angeklagte Alaa M. (rechts) mit seinem Anwalt Oussama Al-Agi: „Ich hatte mich mit dem Regime arrangiert.“

Frankfurt/Main. Die Folter, die Misshandlung, der plötzliche Tod, all das allgegenwärtig in diesem Krankenhaus. Sichtbar für jeden, auch für Alaa M. Die Patienten kamen mit verbundenen Augen, auf den Rücken gebundenen Händen, mit Nummern statt einem Namen, mit Narben und Spuren von Schlägen und Tritten. Der Geheimdienst brachte sie, der Geheimdienst nahm sie wieder mit, und zwischendurch schlug auch das Pflegepersonal zu.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Aber er, der Arzt Alaa M., 37 Jahre alt, will mit alldem nichts zu tun gehabt haben. Will es selbst mit Schrecken beobachtet haben. Patienten zu behandeln, während sie gefesselt sind, nicht sehen können: „Das ist unmenschlich“, sagt er. Aber er selbst habe die Behandlung nicht ablehnen können: „Ich hatte selbst viel zu viel Angst, verhaftet zu werden“, beteuert er.

Prozess in Frankfurt: ein Arzt als Mörder?

Ist Alaa M. also, wie es die Ankläger in Frankfurt beweisen wollen, ein Arzt, der in Syrien selbst Regimegegner getreten, gequält und totgespritzt hat? Oder der unpolitische, machtlose Mediziner, als der er sich selbst schildert?

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

An diesem zweiten Prozesstag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt gegen den mutmaßlichen Folterarzt von Homs, in diesem ungewöhnlichen Prozess, kommt es zu einem ungewöhnlichen Vorgang: Der Angeklagte redet. Ausführlich. Alaa M., der nach seinem Umzug 2015 nach Deutschland auch an Kliniken in Göttingen und Bad Wildungen praktizierte, schildert, in fast fehlerfreiem Deutsch, wie es aus seiner Sicht in den Jahren 2011 und 2012 zuging, im Militärkrankenhaus von Homs, wo er als ziviler Mediziner gearbeitet habe, während des Aufstands gegen den Machthaber Baschir al-Assad.

Die deutsche Generalbundesanwaltschaft wirft M. in 18 Fällen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, darunter auch mindestens einen Mord an einem Häftling. Als brutaler Folterer, der selbst neue Foltermethoden ersann, so steht der zweifache Familienvater, der in Deutschland seinen Facharzt in Orthopädie machte, vor Gericht. Möglich auch, dass noch weitere Fälle dazukommen: Beim Oberlandesgericht hat sich vor diesem Verhandlungstag ein Anwalt gemeldet, dessen Mandant ihm den Mord an seinem Sohn vorwirft.

Was Alaa M. jedoch an diesem Tag schildert, ist die Vita eines ehrgeizigen jungen Arztes, der mit Politik angeblich gar nichts zu tun haben wollte. „Ich habe mich mit diesem Regime arrangiert, wie Millionen andere, um voranzukommen“, sagt er, der aus einer christlichen Familie stammt. „Ich war nie der Superbefürworter.“

Als die Demonstrationen gegen den Präsidenten Assad begannen und die überwiegend muslimischen Aufständischen gerufen hätten: „Tod den Alawiten, Christen nach Beirut“, da sei auch er „an meine Schmerzgrenze“ gekommen – und behauptet zugleich: „Ich war gegen Gewalt, von beiden Seiten.“

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Tod selbst nach einfachen Operationen

Alaa M. stammt aus einer wohlhabenden syrischen Familie. Der Vater war Finanzbeamter, Steuerberater, den Eltern gehörten mehrere Immobilien. Sie hatten vom Regime Assads profitiert. Für die Anklage ist das ein Motiv, warum Alaa M. es folternd verteidigte.

Dass die Militärkrankenhäuser in Syrien keine Heilstätten waren, sondern Orte systematischer Staatsfolter, hatte bereits der Anfang Januar in Koblenz zu Ende gegangene Prozess gegen einen Vernehmungschef aus Damaskus gezeigt. In Frankfurt geht es jetzt um den Alltag in dieser „Klinik“ in Homs, die aus dem Saal 165c des Frankfurter Justizzentrums so befremdlich wie bedrückend wirkt. Manchmal seien Menschen gestorben, sagt Alaa M., selbst nach einer Oberschenkeloperation, als Ursache seien „Herzstillstand“ oder „Lungenembolie“ notiert worden.

Ob er das geglaubt habe? Eher nicht. „Ich hielt es für schlechte Therapie.“ Aber an Mord habe er nicht gedacht.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Wenn es um die Menschen geht, wird es vage

Alaa M., blaues Sakko, weißes Hemd, spricht deutlich, um Exaktheit bemüht, wenn es darum geht, wann er wo gearbeitet hat, Militärkrankenhaus Homs, Militärkrankenhaus Damaskus, stets als ziviler Arzt. Oder wenn es darum geht, wo die Augenstation war, wo die Gynäkologie. Nur wenn es um die Menschen geht, wird es vage.

Das Gericht kommt an diesem Tag aber auch weiter. Weil Alaa M. nicht mehr leugnet, 2011 und 2012 am Militärkrankenhaus in Homs gearbeitet zu haben, in der Notaufnahme. Dort, wo ein Großteil der Taten geschah, die ihm vorgeworfen wurden. In anderen Lebensläufen, die er unter anderem der Ärztekammer in Sachsen und der deutschen Botschaft Beirut präsentiert hat, kommt diese Station nicht vor.

Mal will er von 2010 bis 2015 in Damaskus gearbeitet haben, mal bis 2012. M. erklärt das damit, dass Damaskus das Mutterhaus gewesen sei, die Zentrale. Einen anderen Lebenslauf habe er manipuliert, um eine bessere Stelle zu bekommen. An einen weiteren, den das Gericht ihm vorhält, könne er sich selbst nicht mehr erinnern.

Als Alaa M. selbst bewacht im Krankenhaus lag

Entweder ist alles ein großes Missverständnis. Oder er hat seine Lebensläufe manipuliert, um seine Beteiligung an Mord und Folter zu verschleiern.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Dass Alaa M. ein begrenztes Verständnis für das Unrecht hat, das seinerzeit in Homs geschah, zeigt eine Episode aus dem vergangenen Jahr, die M. auch schildert. Da wurde er hier, während der Untersuchungshaft, an den Nieren operiert. Auch dort, sagt er, „war ich gefesselt, und die ganze Zeit war ein Beamter bei mir“. Ganz so, als sehe er gar keinen so großen Unterschied zwischen den Häftlingen damals in Homs – und ihm selbst heute in Frankfurt.

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Verwandte Themen

Letzte Meldungen