Chaos, Willkürherrschaft, Hungersnot: Afghanistans Apokalypse im Jahr 2021

Flucht in letzter Minute: Afghanen und  Afghaninnen verlassen mit einem US-Transportflugzeug Kabul.

Flucht in letzter Minute: Afghanen und Afghaninnen verlassen mit einem US-Transportflugzeug Kabul.

Hannover/Kabul. Der Westen, heißt es in den Talkshows immer, habe keine Ahnung von Afghanistan. Da nicken dann immer alle beifällig. Und es stimmt ja auch.

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Doch die Komplexität geht sogar noch eine komplette Umdrehung weiter. Auch die Afghanen selbst wussten in diesem Jahr nicht, was mit ihnen und ihrem Land geschieht.

Noch Ende Juli erzählte der 32-jährige afghanische Politikwissenschaftler Enayat Najafizada, ein kluger und gut vernetzter Mann, dem Anrufer aus Deutschland am Telefon, man solle sich nicht allzu viele Sorgen machen. „Die Leute hier in Kabul sind wirklich entspannt“, sagte er. Er selbst sei gerade mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar in einem Lokal essen gegangen. „Da läuft alles ganz normal.“

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Drei Wochen später herrschten die Taliban – überall, auch in der Millionenmetropole Kabul.

Die bärtigen Krieger kamen in wallenden Gewändern und Sandalen. Sie kurvten, drohend mit ihren Gewehren, auf Mopeds durch Dörfer und Städte, nach Art einer Motorradgang. Unbesiegbar wirkten sie nicht. Doch die allseits erwartete Gegenwehr der regulären afghanischen Armee blieb aus.

Historiker werden klären müssen, wie dieser merkwürdige Durchmarsch möglich wurde. Gab es einen geheimen Deal?

Der Einsatz ist beendet: US-Soldaten lassen die amerikanische Flagge herunter.

Der Einsatz ist beendet: US-Soldaten lassen die amerikanische Flagge herunter.

Panzer, Kanonen, auch moderne Kampfhubschrauber: Die afghanische Armee, jahrzehntelang vom Westen bezahlt und aufgerüstet, ließ Waffen und Gerät in Milliardenwert gut geölt in den Kasernen zurück. Den Taliban gelang im August 2021 nicht nur ein Sieg ohne Kampf, sie gebieten nun auch über die modernsten Waffensysteme in der Region.

Wohl niemand hat geahnt, dass alles so schnell gehen würde. Zwar gab es schon seit dem Frühjahr Hinweise auf ein Erstarken der Taliban in den Provinzen. In Kabul aber, einer in weiten Teilen westlich ausgerichteten Metropole mit viereinhalb Millionen Einwohnern, hatten viele sich eine Rückkehr der Fundamentalisten überhaupt nicht mehr vorstellen können. Kein Wunder: Die Dreißigjährigen in Kabul haben die gesamte politisch bewusste Zeit ihres Lebens unter den flatternden Fähnchen der USA, Deutschlands und anderer Nato-Staaten gelebt.

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Was die Sicherheitsprobleme in Afghanistan angeht, werde „vieles übertrieben im europäischen Fernsehen“, sagte noch wenige Wochen vor der Machtübernahme durch die Taliban der junge Mann, der an der Rezeption des Fünfsternehotels Serena in Kabul Anrufe aus dem Ausland entgegennahm. Der Pool, der klimatisierte Fitnessbereich, der oasenhafte Garten: Alles sei gerade bestens in Schuss.

Zur gleichen Zeit kamen aus anderen Teilen des Landes bereits Meldungen über wahllose Erschießungen durch die vorrückenden Taliban. Mal wurden, in der Nähe von Kandahar, rund 300 Menschen zu einem unbekannten Ort abtransportiert und nicht mehr wieder gesehen. Mal quollen, wie in Lashkar Gah, nach Schießereien in Wohnvierteln die Krankenhäuser plötzlich über mit zivilen Verwundeten.

Amnesty International warnte in einer am 6. Dezember verbreiteten Erklärung vor „Tausenden Männern“, die wegen Misshandlung von Frauen ins Gefängnis gekommen waren und jetzt von den Taliban reihenweise entlassen werden. Den betroffenen Frauen, „Überlebenden teils jahrelanger Gewalt“, drohe nun „die Rache dieser Männer“. Schon seit der Machtübernahme durch die Taliban Mitte August häufen sich Übergriffe auf Frauen. Menschenrechtsorganisationen berichteten den Vereinten Nationen „von direkten Drohungen einschließlich geschlechtsspezifischer Drohungen gegen Frauen, von Schlägen, Festnahmen, Verschwindenlassen und Tötungen“, wie UN-Sonderberichterstatterin Mary Lowler sagt.

Flughafen Kabul: Die US-Truppen sind weg, jetzt ist ein Taliban-Kämpfer auf dem Rollfeld zu sehen.

Flughafen Kabul: Die US-Truppen sind weg, jetzt ist ein Taliban-Kämpfer auf dem Rollfeld zu sehen.

Eine dreistellige Zahl früherer Polizei- und Geheimdienstmitarbeiter soll bereits standrechtlich hingerichtet worden sein. 47 Fälle konnten von Human Rights Watch inzwischen detailliert dokumentiert werden.

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Quer durch Afghanistan werden derzeit Familien aus ihren angestammten Häusern mit Gewalt vertrieben, weil die Taliban mit ihrem Besitz und dem Grund und Boden ihre Kämpfer entlohnen wollen. „Wer die Gewehre hat, bekommt das Land“, sagt Patricia Gossman, Asien-Direktorin von Human Rights Watch.

Demonstrationen, in den Anfangstagen der Taliban-Herrschaft noch geduldet, werden immer häufiger verboten und mit Gewalt aufgelöst. Kritischen Journalisten wird gedroht, wenn es so weitergehe, werde man sie bald „auf dem Marktplatz hängen“.

Nichts ist gut in Afghanistan: Dieser Satz mit fünf Wörtern, ausgesprochen im Jahr 2010 von der evan­gelischen Theologin Margot Käßmann, damals Landesbischöfin in Hannover, bei einer Neujahrspredigt in Dresden, trifft heute noch mehr zu als damals.

Natürlich hatte Käßmann recht, zu ihrer Zeit, auf ihre Art. Die deutschen Soldaten, von einer rot-grünen Koalition im Jahr 2001 nach Afghanistan entsandt, waren im Jahr 2010 in einer Situation unterwegs, die in Deutschland nicht ehrlich beschrieben wurde. Es ging nicht mehr ums Brunnen­bauen und um den Schutz von Mädchen­schulen. Es ging um Krieg gegen die Taliban. Nur wollte sich das niemand eingestehen. Diese Unredlichkeit ließ den Wunsch nach Abzug der Truppen wachsen.

Heute stellt man irritiert fest: Nicht nur der Einsatz, auch der Abzug von Soldaten kann ungeahnte ethische Probleme aufwerfen. Völlig vernachlässigt wurden die afghanischen Ortskräfte, die jahrelang für die Nato tätig waren – und nun unter den Taliban um Leib und Leben fürchten müssen. Viele von ihnen konnten nicht mehr rechtzeitig ausgeflogen werden.

Doch das Problem der Ortskräfte ist nur ein kleiner Ausschnitt des großen Afghanistan-Dilemmas. Gutmeinende, von den US-Demokraten bis zu Deutschlands Grünen, waren sich einig, man müsse „endlich raus aus Afghanistan“. Der Krieg dauere schon viel zu lange. Viel zu wenig wurde über einen zweiten Punkt nachgedacht: Was genau folgt dann, nach dem Abzug?

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Die Lage, da hatte Käßmann damals recht, war schon übel. Doch jetzt wird es höllisch. In Afghanistan kollabieren gerade die Reste eines immerhin seit 2001 mühsam aufrechterhaltenen zivilisatorischen Mindeststandards. Das Ergebnis ist Afghanistans Apokalypse: Eine düstere Willkürherrschaft blüht, die Gefahr von Gräueltaten wächst von Tag zu Tag, und weil Angst und Chaos stets auch die Wirtschaft niederdrücken, droht dem Land inzwischen die größte Hungersnot aller Zeiten.

Die Taliban verhandeln schon diskret mit dem Westen über eine Rückkehr der größten militärischen Transportmaschinen zum Flughafen Kabul: Die sollen dann bitte Hilfsgüter liefern.

Ansonsten aber will sich das neue Regime in Kabul lieber an China halten. Dem dortigen Regime gefallen Afghanistans Bodenschätze, darunter sind Seltene Erden, die man für die Produktion elektrisch betriebener Autos braucht. China hat sich in Afghanistan jahrzehntelang bedeckt gehalten – und greift jetzt zielgerichtet zu.

Der Westen hat es umgekehrt gemacht. 20 Jahre lang ließ er am Hindukusch Truppen patrouillieren und Radars rotieren. Doch jetzt, da das Land rohstoffpolitisch relevant wird, wendet sich die Nato ab. Afghanistans Apokalypse markiert damit ein doppeltes Desaster des Westens: moralisch und geostrategisch.

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