Kommentar

Charles, der Krisenkönig

Noch in Vertretung: Prinz Charles verliest die Rede der Königin zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments im House of Lords (Archivfoto).

Noch in Vertretung: Prinz Charles verliest die Rede der Königin zur Eröffnung der neuen Sitzungsperiode des Parlaments im House of Lords (Archivfoto).

Der Zeitpunkt hätte kaum unglücklicher sein können: Das Vereinigte Königreich steckt in einer der schlimmsten Krisen der Nachkriegsgeschichte. Erst drohte die Corona-Pandemie den nationalen Gesundheitsdienst NHS in die Knie zu zwingen. Dann offenbarte der Brexit die ganze Wucht der wirtschaftlichen Abhängigkeit des Landes von seinen europäischen Nachbarn. Nun ächzt auch Großbritannien unter den rapide steigenden Energiekosten – täglich klagen Britinnen und Briten in der BBC und anderen Medien, sie müssten sich nun angesichts der Inflation entscheiden: heizen oder essen?

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Das Land erlebt durch die soziale Unzufriedenheit eine Streikwelle, wie es sie seit dem harten Regierungskurs der damaligen Premierministerin Margaret Thatcher nicht mehr gegeben hat. Und ausgerechnet inmitten dieser turbulenten Zeiten verlieren die Briten jenen Sockel, der ihnen in den vergangenen 70 Jahren selbst in den schlimmsten Zeiten ein Gefühl von Stabilität verlieh: Queen Elizabeth II.

Das Leben von König Charles III.

Der 73-jährige Sohn der verstorbenen Monarchin macht sich bereit, das Amt des britischen Staatsoberhauptes zu übernehmen. Doch wer ist König Charles III.?

Die Queen stiftete schon als Prinzessin Trost

Der Tod der Königin stellt Großbritannien auf eine harte Probe – und dies in vielerlei Hinsicht. Man muss als Britin oder Brite schon deutlich über 70 Jahre alt sein, um jemals bewusst einen anderen Monarchen als Elizabeth II. als Staatsoberhaupt erlebt zu haben. Die Queen stiftete bereits als Prinzessin während des Zweiten Weltkriegs Trost. Ihre Krönung markierte auf der Insel gewissermaßen das Ende der Nachkriegszeit.

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Eine ganze Nation fasste durch sie wieder den Mut, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Die Queen ließ durch bloße Anwesenheit und warme Worte auch die Ärmsten im Land die vielen Jahre des wirtschaftlichen Kahlschlags in den Achtzigerjahren überstehen. Zuletzt brachte sie Zuspruch in den teils dramatischen Monaten der Pandemie. Und wahrscheinlich hat so mancher auch in der aktuellen Krise ein bisschen auf sie als Vorbild gesetzt: Wenn die Queen die Briten durch diese Zeit geleitet, dann kann schon nichts schiefgehen – so die weit verbreitete Ansicht.

+++ Alle Entwicklungen rund um die Trauer können Sie in unserem Liveblog verfolgen +++

Nun muss das Vereinigte Königreich nach sieben Jahrzehnten erstmals wieder ohne die Aura von Elizabeth II. aus einer Krise finden. Manchen erscheint es geradezu symptomatisch, dass Elizabeth II. als letzte große Amtshandlung in dieser Woche noch Liz Truss mit der Regierungsbildung beauftragt hatte. Ohne dass sich die Königin jemals öffentlich zu politischen Fragen geäußert hätte, galt sie doch unter der Hand stets als überzeugte Europäerin. Der maßgeblich von Truss‘ Vorgänger Boris Johnson erkämpfte Brexit lässt insofern darauf schließen, dass sie das vorzeitige Ende seiner Amtszeit kaum bedauert haben wird.

Der Prince of Wales ist erwachsen geworden

Nun muss ihr Sohn, König Charles III., sein Land zumindest mental aus der Krise führen. Noch vor zehn Jahren erschien diese Vorstellung vielen mindestens als eher gewagt. Doch selbst größte Kritiker müssen heute einräumen: Der bisherige Prince of Wales ist erwachsen geworden – nicht nur wegen seiner Lebenserfahrung, die er mit inzwischen 73 Jahren mit in sein Amt bringt. Sein wirtschaftliches und ökologisches Engagement haben ihn geprägt, die mediale Aufmerksamkeit während seiner beiden Ehen mit Diana und Camilla nicht minder. Charles wird längst nicht mehr nur als Familienvater und Sohn der Queen angesehen. Er ist in den vergangenen Jahren zunehmend als Staatsmann in Erscheinung getreten.

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Aber braucht es heutzutage überhaupt noch so etwas wie einen König? Großbritannien sieht sich gern als moderner, zukunftsweisender Staat. Das Land könnte womöglich gut ohne einen König funktionieren, der politisch ohnehin seit Jahrhunderten keinerlei Einfluss mehr nehmen kann. Unverzichtbar dürfte dagegen das demokratisch gewählte Parlament in Westminster sein.

Die Briten bleiben beharrlich Royalisten

Vielleicht ist es genau diese Kombination aus harter Politik und dem Zauber der Monarchie, die die Briten bis heute beharrlich Royalisten bleiben lässt. In Umfragen sprechen sie sich seit Jahrzehnten immer wieder mit großer Mehrheit für den Fortbestand des Königshauses aus. Lag das nur am Charme der Queen, die in jeder Stufe ihres Lebens stets ein Gefühl der Würde und des Respekts ausstrahlte? Der Maßstab hängt hoch für Charles. Gerade in der derzeitigen Krise seines Landes aber kann er sich unter Beweis stellen.

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