„Das Dritte Imperium“ von Michail Jurjew

Das Buch, das Putins Krieg vorwegnahm

„Das Dritte Imperium“: Ein Buch von 2006 nimmt detailreich vorweg, wie Wladimir Putin – hier in einer Montage mit dem Buchtitel – die Ukraine angreift und imperialistische Pläne verfolgt.

„Das Dritte Imperium“: Ein Buch von 2006 nimmt detailreich vorweg, wie Wladimir Putin – hier in einer Montage mit dem Buchtitel – die Ukraine angreift und imperialistische Pläne verfolgt.

Will sich Wladimir Putin die gesamte Ukraine einverleiben? Oder begnügt er sich mit Teilen des Landes? Es gibt eine Reihe von Puzzleteilen, die darauf hindeuten, dass sein Plan tatsächlich die Annexion des gesamten Landes vorsieht. Am 26. Februar etwa veröffentlichte die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Novosti für kurze Zeit einen Artikel über einen erfolgreichen Krieg gegen die Ukraine. Autor Petr Akopov, der regelmäßig für RIA schreibt, formulierte in dem nach wenigen Stunden wieder gelöschten Text:

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„Die Ukraine wieder zurück zu Russland zu holen, wäre mit jedem Jahrzehnt schwieriger geworden: Die Umkodierung, die De-Russifizierung von Russen und eine Konfrontation zwischen ihnen und Kleinrussen-Ukrainern hätte zugenommen. Im Falle einer vollumfänglichen militärischen Kontrolle durch den Westen wäre die Rückkehr der Ukraine zu Russland unmöglich geworden. Dann hätte man um die Ukraine kämpfen müssen, gegen den Atlantischen Block. Dieses Problem ist jetzt beseitigt – die Ukraine ist zu Russland zurückgekehrt. Das bedeutet nicht, dass seine Staatlichkeit liquidiert wird, aber sie wird neu organisiert, wieder hergestellt und in ihren natürlichen Zustand als Teil der Russischen Welt zurückgeführt.“

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„De-Russifizierung“, „Umkodierung“, „Wiederherstellung des natürlichen Zustands“ – ja, solche für westliche Ohren propagandistisch klingenden Begriffe gebraucht eine staatliche russische „Nachrichtenagentur“.

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Gleichzeitig gibt es Aussagen der Orthodoxen Kirche in Russland mit dem gleichen Narrativ, etwa von Artemi Wladimirow, einem TV-Prediger und Oberpriester eines Moskauer Frauenklosters: „Wenn es Groß- und Klein- und Weißrussland möglich ist, gemeinsam in einem unsterblichen Regiment von Wladiwostok bis Kaliningrad zu marschieren“, formulierte er es jüngst in einer Predigt, „dann hoffen wir, dass sich in naher Zukunft auch Moldawien, Kasachstan, die unglückliche Ukraine und Georgien – welches sich den Sanktionen gegenüber verwehrt – anschließen werden.

Michail Jurjew: „Russland wie es sein soll“

Und dann gibt es ein Buch von 2006 mit dem Titel „Das Dritte Imperium – Russland wie es sein soll“ (erschienen bei Limbus Press, 2019/2006). Geschrieben hat es Michail Jurjew, der von 1996 bis 1999 als Abgeordneter in der Duma saß und in Zeitungsartikeln mehrfach nationalistische und demokratiefeindliche Töne anstieß, den „Feind im Inneren“ beschrieb, sich für Abschottungspolitik einsetzte und seine Betrachtung eines zukünftigen russischen Imperiums auf 640 Buchseiten dargelegt hat.

„Alles, was ich in diesem Buch aufgeschrieben habe, ist nach meiner Meinung die beste Zukunft, die unser Land haben kann“, so Jurjew im Nachwort. Bereits 2014 haben etwa die „Neue Züricher Zeitung“ und die „Badische Zeitung“ auf Parallelen zwischen Inhalten des Buches und der Krim-Annexion hingewiesen.

Alles, was ich in diesem Buch aufgeschrieben habe, ist nach meiner Meinung die beste Zukunft, die unser Land haben kann.

Autor Michail Jurjew über sein 2006 erschienenes Buch

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Erzählt wird aus der Sicht eines brasilianischen Soziologen, der im Jahr 2053 Europa besucht und hier den Verlauf der Geschichte studiert. Protagonisten sind unter anderem Wladimir II., „Boris der Verfluchte“, immer wieder Oligarchen und ein Diktator namens Lukaschenko.

„Surreale antirussische Hysterie“

Und man reibt sich tatsächlich verdutzt die Augen wenn man im ersten Teil des Buches liest, wie Jurjew erst die real geschehene Orangene Revolution von 2004 beschreibt (natürlich als Coup der Amerikaner) und ab diesem Zeitpunkt in die Zukunft schaut: Er führt aus, wie sich abtrünnige Regionen wie Krim, Donezk und Lugansk per Referendum („82 Prozent stimmten dafür“) von Kiew lossagen, wie im Südosten der Ukraine ein Aufstand beginnt („es ist schwer zu beurteilen, ob Russland diesen angefacht hat, oder ob er komplett hausgemacht war“), wie die Ukraine die Nato um Hilfe bittet, diese auch Truppen in die Westukraine schickt, während Moskau seinerseits 80.000 Soldaten auf den Weg bringt.

In diesem Moment setzt im Buch auf der ganzen Welt eine „surreale antirussische Hysterie“ ein, resultierend auch in Vergleichen mit Dschingis Khan und Hitler. Allerdings bleibt eine große Schlacht zunächst aus, NATO und Russland einigen sich auf eine Teilung des Landes entlang des Dnjepr.

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Durch ein anderes Referendum wird Weißrussland in der Fiktion wieder ein Teil Russlands, die Presse berichtet in der neuen „Russischen Union“ nur noch „patriotisch und regierungsfreundlich“ – und dann präsentiert Wladimir II. im Fernsehen plötzlich „Beweise“, mit denen er die USA für große Terroranschläge in Russland verantwortlich macht.

Es folgen Anschläge in Chicago und Ohio mit tausenden von Toten, später auch die atomare Konfrontation mit den USA, in welcher Russland als ,Warnung‘ Nuklearsprengköpfe über „dünn besiedelten Regionen“ in Nevada, Utah und New Mexico abwirft.

Auch Berlin ist Teil des „Dritten Imperiums“

Man darf keinesfalls den Fehler machen, Jurjews Utopie als eine Art Blaupause für den Kreml zu betrachten. Nicht nur, weil die von ihm fabulierte Ausdehnung des russischen „Dritten Imperiums“ über ganz Europa (übrigens mit Berlin als „westlicher Hauptstadt“) größenwahnsinnig erscheint. Sondern auch, weil Jurjew – der im Nachwort sein Buch als „realistisch“ bezeichnet – gelegentlich in Science-Fiction abdriftet, etwa wenn er von einem „Wahrheitsserum“ spricht, das in Gerichtsverfahren sowohl Angeklagten und Anwälten als auch Zeugen verabreicht wird. Und ob Putin das Buch, vom dem 2019 eine Neuauflage erschien, überhaupt gelesen hat, lässt sich nicht sagen.

Es zu studieren hilft aber dabei, Putins Großmachtgedanken und mögliche Strategien zu verstehen. Dass der russische Präsident imperial denkt, daran gibt es schließlich immer weniger Zweifel, da er nicht nur großes Leid in der Ukraine, sondern auch im eigenen Land für sein Handeln in Kauf nimmt. Jurjew hat an verschiedenen Stellen in seinem Werk Maßnahmen der fiktiven Figur Wladimir II. beschrieben, die real in Russland gerade eintreten, in den letzten Jahren schon eingetreten sind oder möglicherweise bevorstehen:

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  • die Abtrennung des Internet und Einführung eines russischen „Runet“ als Alternativnetz, während der Zugang zum globalen Internet für Russen mit hohen Kosten verbunden ist.
  • Wladimir II. zieht sich aus vielen europäischen und internationalen Abkommen zurück, zudem wird es verboten, Bankkonten im Ausland zu haben.
  • Erlaubte Kontakte mit „ausländischen Subjekten“ werden auf ein Minimum reduziert, ebenso wird die Ein- und Ausreise aus Russland erschwert.
  • Ausländische Investitionen sind im „Dritten Imperium“ verboten. Nichtregierungsorganisationen dürfen keine Verbindungen ins Ausland haben.
  • Russische Athleten und Künstler nehmen nicht an internationalen Wettbewerben teil (was in der realen Welt aktuell freilich kein Moskauer Beschluss ist, sondern nur eine Folge des russischen Angriffs).
„Geht nach Hause“: Ukrainer demonstrieren gegen russische Besatzer

In der südukrainischen Stadt Cherson gehen die Einwohner trotz Beschuss auf die Straße. Auch in Mariupol wurden russische Panzer angegriffen.

Dachte man zu Kriegsbeginn noch, die Isolation Russlands sei ein folgenreicher Nebeneffekt des Konflikts, könnte man sie inzwischen für ein potentielles Ziel des Kremls halten – und nach der Lektüre von Jurjews Buch für eindeutig beabsichtigt.

Sollten Putin und seine politischen Strategen tatsächlich solch einen imperialen Plan verfolgen, gibt es in seinem Buch insbesondere zwei Hinweise, die beunruhigend sind: Zum einen schreibt Jurjew, wie 2007 – dem Jahr, für das er den Kriegsbeginn in der Ukraine ansetzt – in Russland eine „Nacht der Säuberung“ erfolgt, in der 400 „kriminelle Persönlichkeiten“ verhaftet und später erschossen werden. Und zum anderen formuliert er auf Seite 47 (E-Book-Ausgabe), dass mit der Umsetzung einer neuen Verfassung im fiktiven Jahr 2013 „die ukrainische Nationalität nicht mehr existiert“.

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