Der Brexit könnte die Labour-Partei zerreißen

Die Parteijugend verehrt Labour-Chef Jeremy Corbyn für dessen linken Positionen. Doch Genossen sehen seinen EU-feindlichen Kurs kritisch und proben den Aufstand.

Die Parteijugend verehrt Labour-Chef Jeremy Corbyn für dessen linken Positionen. Doch Genossen sehen seinen EU-feindlichen Kurs kritisch und proben den Aufstand.

London. Sie wollten ihn in biblische Sphären heben. Nichts Geringeres hatten die Organisatoren des Labour-Parteitags vor, als sie darüber nachdachten, ihren Vorsitzenden Jeremy Corbyn buchstäblich übers Wasser gehen zu lassen. Der Stunt für die Kameras kam zwar nicht zustande. Doch die Jesus-Pläne wurden öffentlich und sie zeigen: An Bescheidenheit mangelt es den britischen Sozialdemokraten derzeit wahrlich nicht.

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Das liegt vor allem am Oppositionsführer Corbyn, der dieser Tage im südenglischen Seebad Brighton wieder einmal für Volksfeststimmung sorgt. Seine Fans stimmen im Konferenzgebäude regelmäßig Corbyn-Gesänge im Stil der Band White Stripes und ihres Hits „Seven Nation Army“ an. Der 68-jährige Altlinke mit dem weißen Vollbart wird vor allem von der Jugend wie ein Superstar bejubelt und gefeiert. Beobachter staunen über den Personenkult um den Sozialisten, der sich angesichts der Umfragen als „Premierminister im Wartestand“ bezeichnet.

In der Arbeiterpartei formieren sich pro-europäische Kräfte

Derweil versammeln sich an der Promenade, über die der typische Geruch von Fish’n’Chips weht, regelmäßig Demonstranten und marschieren gegen den Brexit. Sie fordern, dass die seit den vorgezogenen Neuwahlen erstarkte Opposition Farbe bekennt und sich auf die Seite der Brexit-Gegner schlägt – entweder um den EU-Austritt zu stoppen oder zumindest die von Premierministerin Theresa May offerierte Version eines harten Brexits zu entschärfen. „Wir brauchen endlich einen richtigen Widerstand“, schimpft ein Aktivist in die Kameras.

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Schatten-Finanzminister John McDonnell (links) kann die Querelen in der Partei nur dürftig schön reden.

Schatten-Finanzminister John McDonnell (links) kann die Querelen in der Partei nur dürftig schön reden.

Doch Labour ist tief gespalten in der EU-Frage. Um die Harmonie nicht zu trüben, beschloss die Parteiführung denn auch, in diesen Tagen keine Abstimmung über das emotionale Thema zuzulassen. Es wird schlicht ausgeklammert. Zwar fanden bereits leidenschaftliche Debatten unter den Delegierten statt. Doch ein Votum über eine gemeinsame Linie wurde abgelehnt. Man arbeite an einem Konsens, redete Schatten-Finanzminister John McDonnell die Lage schön.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan will ein EU-Referendum im Parteiprogramm von Labour festschreiben.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan will ein EU-Referendum im Parteiprogramm von Labour festschreiben.

Die Parlamentarierin Heidi Alexander befand dagegen, dass sich die Partei zur Lachnummer mache. Etliche Schwergewichte der Sozialdemokraten, darunter Londons Bürgermeister Sadiq Khan, forderten, im nächsten Parteiprogramm das Versprechen zu einem erneuten EU-Referendum festzuschreiben. Die pro-europäischen Kräfte von Labour wollen die Briten am Ende der Verhandlungen mit Brüssel darüber entscheiden lassen, ob sie den Austrittsdeal befürworten oder doch lieber in der EU bleiben wollen.

Corbyn weicht jeder Diskussion über den Brexit aus

Der lebenslange EU-Skeptiker Corbyn aber, der noch immer dafür kritisiert wird, sich beim Referendum nur halbherzig für einen Verbleib eingesetzt zu haben, windet sich, gestärkt von der Unterstützung aus dem ultralinken Lager. Unangenehmen Diskussionen um das derzeit beherrschende Thema weicht er gerne aus. Das Problem aber liegt noch tiefer: In etlichen Labour-Hochburgen stimmten die Menschen mehrheitlich für den Austritt aus der Union, diese Wähler sollen nicht abgeschreckt werden - genauso wenig wie die Europafreunde auf der Insel.

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Also wird abgewartet. „Labour-Krieg über eine neue Brexit–Abstimmung“, titelte der „Evening Standard“ und verwies auf den Eiertanz in Brighton. Bereits zum Start des viertägigen Parteitags pochten Dutzende Mitglieder, darunter auch viele Parlamentarier, in einem öffentlichen Brief auf den Verbleib des Königreichs im gemeinsamen Binnenmarkt und in der Zollunion und verlangten, dass die Partei den Mut haben sollte, „eine klare Alternative zum destruktiven Brexit“ der konservativen Tories darzustellen. So weit wird es vorerst nicht kommen.

Vordergründig ist Labour vereint

Es ist ein Labour-Jahrestreffen wie es Großbritannien noch nicht erlebt hat und unterscheidet sich grundlegend von den vergangenen zwei Parteitagen, bei denen sich die Sozialdemokraten in der Führungsfrage entzweiten. Am Ende hieß der Sieger stets Jeremy Corbyn und nachdem der kauzige Vorsitzende Labour bei der vorgezogenen Neuwahl im Juni zu einem beachtlichen Erfolg geführt und die Tories unter May in eine Minderheitsregierung gedrängt hat, ist die Kritik an ihm beinahe verstummt.

Die Arbeiterpartei ist derweil so weit nach links gerückt wie nie zuvor und präsentiert sich trotzdem vereint – zumindest vordergründig. „Für die Vielen, nicht die Wenigen“, lautet das Motto. Aber unter der pseudo-harmonischen Oberfläche brodelt es. Labour kämpft ebenso stark mit den Brexit-Geistern wie die konservativen Tories. Nur werden sie zumindest in Brighton vorerst nicht aus der Flasche gelassen.

Von Katrin Pribyl/RND

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