Deutschland-Tour: Wie sich das Land in Corona-Zeiten neu sortiert

Die RND-“Deutschland-Tour” in Corona-Zeiten.

Die RND-“Deutschland-Tour” in Corona-Zeiten.

Irgendwann kommen dann doch die Tränen. Es geht nicht mehr. Man soll tapfer sein und geduldig in diesen Tagen, gewiss, aber das ist nicht einfach nach so vielen Wochen außerhalb des gewohnten Lebens. “Die Kinder fehlen mir so”, sagt Katrin Benke. Sie sitzt am Wohnzimmertisch und weint. “Für mich ist das ganz schrecklich.” Benke ist Tagesmutter. Fünf Kinder wuseln in normalen Zeiten durch ihr Haus. Nun ist es still. In der Küche hängt eine bunte Postkarte. Ein Osterhase ist darauf, mit Fingerfarben für sie gemalt. “Der war heute Morgen in der Post.” Sie nimmt Geschichten für die Kinder auf, “damit sie meine Stimme hören”. Aber es ist nicht dasselbe.

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Wie soll man das verstehen als Zwei- oder Dreijähriger, was gerade passiert? Wie sollen Kinder das schaffen, was selbst Erwachsene überfordert?

Ein neuer, seltsamer Alltag hat Einzug gehalten

Normale Zeiten. Sie scheinen endlos lange her. Ein neuer, seltsamer Alltag hat Einzug gehalten. Millionen Leben haben sich verändert, auch das von Katrin Benke. Es ist nicht nur die Sehnsucht nach den Kindern, die sie jetzt umtreibt. Es ist die Sorge um die Existenz, um die Gesundheit der Familie, um die Zukunft des Landes. Es ist ziemlich schwer, emotional im Lot zu bleiben angesichts solcher Fragen.

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Deutschland improvisiert. Solidarisiert sich. Und macht sich Mut. Aber es ist nicht leicht, im Wust der Antragsformulare für Fördergelder, gestresst im Homeoffice, umtobt von den eigenen Kindern, bedrückt von den Weltnachrichten den Kopf oben zu behalten. 53 Prozent der Deutschen haben “große oder sehr große Angst”, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Das ergab eine Infratest-Dimap-Umfrage von Anfang April. 62 Prozent glauben, dass die schlimmste Phase der Epidemie erst in einigen Monaten bevorsteht. Und sicher scheint: Die Folgen werden das Land, den Kontinent und die Weltwirtschaft auf Jahre hinaus beschäftigen.

“Es wird Geduld brauchen", hat Angela Merkel am Donnerstag gesagt. "Bei jeder Maßnahme sind Menschen betroffen. Jedesmal sterben Menschen. Und wenn die Zahlen mal einen Tag besser werden, ist die Epidemie ja nicht verschwunden. Das heißt: Wir leben auf absehbare Zeit in und mit der Pandemie.”

Es ist die Zeit der schnellen Ideen

Es ist die Zeit der schnellen Ideen. Mehrere Bäcker installieren Brötchenrutschen, in Hamburg, in Weil am Rhein: Die Tüten rutschen direkt vom Bäckereifenster ins Auto des Kunden. In Hannover hat eine Kinderärztin einen Drive-in-Schalter für Rezepte eingeführt. Blumenläden zeigen ihre Sträuße bei Instagram und liefern dann per Fahrradkurier aus, Weinläden veranstalten Onlineweinproben. Ein Ginproduzent hat auf Desinfektionsmittel umgestellt. Not macht erfinderisch. Und überall sitzen Frauen (und ein paar Männer) an der Nähmaschine und nähen Mundschutzmasken in bunten Designs.

Das ist die ermutigende Seite der Krise. Aber es gibt eine mächtige düstere Seite. Keine kreative Idee kann die Verluste vollständig ausgleichen. Die Banken knausern bei der Vergabe von Überbrückungskrediten. Ganze Branchen fürchten um ihr Bestehen. Der Tourismus und alles, was mit ihm zu tun hat, liegt brach: Hotels, Gastronomie, Fluggesellschaften, Busunternehmen. Alle Veranstaltungen liegen auf Eis.

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Eine Rezession ist unausweichlich, das Bruttoinlandsprodukt 2020 könnte um bis zu 5,4 Prozent unter dem Vorjahr liegen. Das Mittelstandsbarometer des Ifo-Instituts verzeichnete im Februar ein leichtes Plus von 0,8 Punkten. Im März waren es 19,1 Minuspunkte. Die Corona-Schockwelle lässt viele Branchen erbeben.

26.03.2020, Baden-Württemberg, Weil am Rhein: Bäckermeister Simon Fritz nimmt am Fenster des improvisierten Drive-in seiner Bäckerei mithilfe einer Eigenkonstruktion das Bargeld einer Kundin entgegen. Der Einzelhandel kämpft bereits jetzt mit den Folgen der Corona-Epidemie und des damit in Zusammenhang stehenden Umsatzeinbruchs. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

26.03.2020, Baden-Württemberg, Weil am Rhein: Bäckermeister Simon Fritz nimmt am Fenster des improvisierten Drive-in seiner Bäckerei mithilfe einer Eigenkonstruktion das Bargeld einer Kundin entgegen. Der Einzelhandel kämpft bereits jetzt mit den Folgen der Corona-Epidemie und des damit in Zusammenhang stehenden Umsatzeinbruchs. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ein Wortungetüm von einem Gesetz soll den Sturz abfedern. Es heißt mit vollem Namen “Gesetz für den erleichterten Zugang zu sozialer Sicherung und zum Einsatz und zur Absicherung sozialer Dienstleister aufgrund des Coronavirus Sars-CoV-2 (Sozialschutz-Paket)”. Doch die milliardenschweren Förderprogramme von Bund und Ländern erweisen sich als Tropfen auf dem heißen Stein. Denn kein Staat der Welt kann auf Dauer eine gesunde Wirtschaft mit einem Mix aus Steuergeld und geliehenem Geld simulieren. Das wäre ein ökonomisches Perpetuum Mobile.

Die Krise könnte bis zu 729 Milliarden Euro kosten

Das Ifo-Institut hat in mehreren Szenarien durchgerechnet, was der Corona-Shutdown das Land an Wertschöpfungsverlusten kosten könnte. Dadurch, dass fast niemand mehr Autos oder Fernseher kaufen mag, niemand zum Friseur geht, niemand ein Konzert besucht. All das summiert sich – je nach Szenario – auf bis zu 495 Milliarden Euro (bei zwei Monaten Shutdown). Bei drei Monaten wären es bis zu 729 Milliarden Euro. Das ist Geld, das nicht verdient wird. Die Versorgung mit Gütern ist gesichert, aber das gilt vor allem für das Lebensnotwendige. Amazon priorisiert sein Sortiment ganz neu. Die Logistikbranche tut ihr Möglichstes, um den Warenverkehr in Gang zu halten.

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Noch ist die Gesellschaft geduldig. Die große Mehrheit glaubt an den Nutzen der Einschränkungen. Doch das Murren wird lauter werden. Denn es ist eine Sache, die Kontaktsperre in einem großzügigen Haus mit Garten oder einer geräumigen Altbauwohnung auszuhalten – aber eine andere Sache, wochenlang mit einer großen Familie auf engstem Raum in einer Hochhaussiedlung ausharren zu müssen. Mitunter ohne Zugang zu Bildungsangeboten, ohne Unterstützung von Hausaufgabenhelfern oder Sozialarbeitern.

Was helfen könnte? Ablenkung. Aber es ist ein Teufelskreis. Spielplätze, Sportstätten, Kinos, Schwimmbäder, Badeseen, Trampolinhallen, Freizeitparks und Bolzplätze sind gesperrt. Ausgerechnet das, was die Gedanken und Ängst beim Blick auf die weltweite Krise zerstreuen könnte, ist eben wegen dieser Krise nicht möglich. TV-Shows ohne Publikum sind nur ein behelfsmäßiges Spaßkonzept. Zwar boomen Wohnzimmerkonzerte und digitale Festivals im Netz – aber das Gewohnte, das Übliche ist verloren. Die Bundesregierung erwartet wegen des Coronavirus in der Kultur- und Kreativwirtschaft in diesem Jahr zwischen 14 und 28 Milliarden Euro Verluste. 80 Prozent der Künstler in Berlin befürchten nach einer Umfrage der Krankenkasse BKK, dass sie ihre nächste Miete und ihr Essen nicht mehr bezahlen können.

Steht der deutsche Meister 2019/2020 längst fest?

Auch die Stadien der Bundesliga sind leer, die Trainingsplätze im kleinen Fußball verwaist. Viele Profifußballvereine dagegen haben unter strengen Vorschriften wieder mit dem Training in kleinen Gruppen begonnen. Eine gute Idee? Die Zuschauer sind gespalten. Nur ein gutes Drittel (36 Prozent) der Befragten einer YouGov-Umfrage am Montag befürwortet den Trainingsbeginn in den Bundesligen. Der Rest ist dagegen (43 Prozent) oder hat keine Meinung (21 Prozent). Niemand weiß, wie, wann und ob die Bundesliga ihre Saison zu Ende spielen kann. Und ob der deutsche Meister 2019/2020 nicht längst feststeht, weil gar nicht mehr angepfiffen wird.

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Zu den Suchbegriffen “Corona Angst” findet Google 123 Millionen Treffer. Zu den Suchbegriffen “Corona Hoffnung” sind es nur 57 Millionen. Es ist nur ein spielerisches Indiz, aber es verrät doch etwas über die Befindlichkeiten. Noch sind die Sorgen weitaus mächtiger in Deutschland als die Hoffnung auf bessere Zeiten.

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