Die Opfer des Terroranschlags – “Er war ein Sohn Hanaus”

Ferhat und Gökhan kamen beide beim Anschlag von Hanau ums Leben.

Ferhat und Gökhan kamen beide beim Anschlag von Hanau ums Leben.

Hanau. Es ist der zweite Tag nach den Morden von Hanau. Ali Unvar sitzt in einem Raum des Kurdischen Kulturvereins an einer Ausfallstraße der Stadt, hinter ihm stehen Kerzen und die Fotos seines erschossenen Cousins Ferhat, und plötzlich, inmitten all der Trauer und Düsternis, entdeckt er etwas so Absurdes, dass er für einen Moment bitter auflacht.

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Von Ferhat erzählt er, seinem toten Cousin, und von ihren Vorfahren, dem gemeinsamen Großvater, der 1990 nach Deutschland gekommen war, um hier, in Hanau, als Straßenbauer zu arbeiten. Dann sagt der 27-jährige Ali Unvar: “Genau genommen hat Ferhats Opa also die Straßen gebaut, auf denen der Täter zum Tatort fuhr, um Ferhat zu erschießen.”

Ferhat U. hatte gerade erst seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker beendet.

Ferhat U. hatte gerade erst seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker beendet.

“Wir wollen, dass sich was ändert”

Es ist nur eine Randbemerkung. Aber eine, die viel erzählt über den Irrglauben, dass die vermeintlich Fremden, um die es hier geht, irgendwie zu einer anderen Welt gehörten.

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An diesem zweiten Tag nach den Morden von Hanau ist bereits viel über die Opfer bekannt. Dass unter den neun Toten in der Midnight Bar und der Arena Bar – einer Shisha-Bar und einem Kiosk in Kesselstadt – fünf türkische Staatsangehörige waren. Dass sie 21 bis 44 Jahre alt waren. Dass unter den Menschen, die der 43-jährige Tobias R. in seinem rassistischen Wahn erschoss, auch eine 35-jährige Mutter zweier Kinder war, Mercedes K., die in dem Kiosk neben der Midnight Bar arbeitete. Was noch fehlt, das sind die Geschichten dieser Opfer. Und es ist die Antwort auf die Frage: Wie gehen ihre Angehörigen mit diesem Verbrechen um?

Im Kurdischen Kulturverein sitzen zwei Dutzend Frauen an einer langen Trauertafel, die Fotos von Ferhat U. stehen auf einem Tisch, neben brennenden Kerzen, wie auf einem Altar. Man sieht einen jungen Mann, der lächelnd seinen Daumen hochreckt, als wolle er sagen: alles gut. “Egal zu welcher Uhrzeit, wenn man Ferhat anrief und sagte, komm lass uns zehn Pferde stehlen, dann fragte er nur: Okay, wann und wo?”, sagt sein Cousin Ali. Ferhat hatte Anlagenmechaniker gelernt, eine Woche vor seinem Tod ist er fertig geworden. Er träumte davon, eine eigene Firma zu gründen, erzählt Ali Unvar, und er habe immer gesagt: “Ich bin ein Sohn von Hanau, Hanau kriegt man nie aus mir raus.” Dann, am Mittwochabend in der Arena Bar, wo er sich oft mit Freunden traf, starb er – erschossen von einem Mann, der auf Menschen zielte, die er für Fremde hielt.

Am Donnerstagabend hat Ali Unvar mit dem Bundespräsidenten zusammengesessen, der zur Mahnwache für die Opfer nach Hanau gekommen war und sich davor mit Angehörigen traf. Das Treffen sei nicht lang gewesen, eine Viertelstunde, aber Ali Unvar findet es gut, dass es überhaupt stattfand, “ein wichtiges Zeichen”.

Und jetzt? Ist da neben Trauer auch Wut? Wut auf einen Staat, der rassistische Morde wieder nicht verhindern konnte? “Wir wollen, dass sich was ändert”, sagt Ali Unvar. “Etwas stimmt nicht, und das müssen wir ändern. Und wenn ich von wir spreche, dann meine ich Deutschland insgesamt.”

Das klingt beherrscht, vernünftig. Aber trifft es auch die Stimmung aller?

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Nicht weit entfernt, in einem alten ehemaligen Gebäude der US-Armee, im türkischen Kulturverein Aydd, treffen sich an diesem Tag auch Trauernde. Hier sind es vor allem Männer, sie sitzen an langen Tischen beim Tee. Einer von ihnen ist ein schmaler älterer Herr im grauen Anzug, er hat keine Haare mehr, ist gezeichnet vom Krebs. “Ich bin seit 52 Jahren in Deutschland”, sagt er, “und ich hatte zwei Söhne...” Aber Da bricht er ab, senkt seinen Kopf, sackt zusammen, weint.

Trauer und Wut

Der alte Herr ist der Vater von Gökhan Gültekin, der wie Ferhat Unar in der Arena Bar starb. Gökhan Gültekin war 37 Jahre alt, er war selbstständig, hatte gerade ein kleines Umzugsunternehmen gegründet, aber manchmal arbeitete er immer noch in der Arena Bar, so wie an diesem Abend, als Tobias R. hineinstürmte und auf die Menschen schoss.

Gökhan Gültekin hatte keine Frau, keine Kinder, aber er hatte eine wichtige Aufgabe: Er kümmerte sich um die kranken Eltern, begleitete den Vater zur Chemotherapie. Vor mehr als einem halben Jahrhundert war der Vater nach Hanau gekommen, um in einer Gießerei zu arbeiten. “Es ist unbeschreiblich, wir stehen alle unter Schock”, sagt Gökhans älterer Bruder Cetin; 45 Jahre ist er alt, Schreiner, Vater eines 25-jährigen Sohnes.

Cetin Gültekin, Bruder des Anschlagsopfers Gökhan Gültekin, und dessen Vater.

Cetin Gültekin, Bruder des Anschlagsopfers Gökhan Gültekin, und dessen Vater.

Auch er, Cetin Gültekin, saß am Abend zuvor mit dem Bundespräsidenten zusammen, aber er klingt weniger versöhnlich als Ali Unvar. “Zornig und wütend” sei er, sagt er, zum Beispiel weil die Videos des Todesschützen Tobias R. mit seinen rassistischen Verschwörungstheorien noch immer im Netz kursierten, “Youtube müsste man anklagen”, sagt er. Zornig ist er auch, weil die Behörden noch immer die Leiche seines Bruders nicht freigegeben haben, “dabei müssen wir ihn so schnell wie möglich waschen und begraben”.

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Und dann ist da noch das Misstrauen. Darüber, dass Tobias R. wirklich ein Einzeltäter war. Er glaubt, dass die Behörden etwas verschweigen, “die wollen nur nicht, dass neun Familien auf Rachefeldzug gehen”, sagt er. Es gibt dafür keinerlei Hinweis, kein Anzeichen, auch er hat keines. Und doch hört man diesen Verdacht hier, in dem türkischen Verein, an diesem Tag von vielen hier.

Es mag ein Misstrauen sein, das, nach allem, was man weiß, jeder Grundlage entbehrt. Aber es ist ein Misstrauen, das in langer Zeit gewachsen ist, durch die falschen Verdächtigungen nach den NSU-Morden und das Gefühl, die deutsche Politik sei zu nachsichtig mit denen, die sie aus diesem Land am liebsten wieder verschwinden sähen.

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