Zahl der Einsätze steigt

Die stille Notrufkrise: Warum die Belastung der Rettungsdienste immer weiter zunimmt

Ein Rettungswagen fährt an einem Krankenhaus vorbei (Archivbild).

Ein Rettungswagen fährt an einem Krankenhaus vorbei (Archivbild).

Berlin. Nur noch ein Rettungswagen der Feuerwehr für 3,7 Millionen Menschen – das war vergangene Woche in Berlin Realität. Dieser für viele unbemerkte Ausnahmezustand hielt zwar nur einige Minuten an, doch Rettungsdienste in Deutschland sind schon seit Jahren stark ausgelastet. Die Johanniter-Unfall-Hilfe etwa beobachtet seit langer Zeit eine Zunahme der Einsätze. „Wir sehen seit Jahren ein steigendes Einsatzaufkommen in der Notfallrettung“, teilt eine Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mit.

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2019 verzeichneten die Johanniter rund 747.000 Notfalleinsätze, im untypischen Pandemiejahr 2020 sank die Zahl leicht auf rund 737.000 Notfalleinsätze – der Trend zeigt allerdings nach oben. „In 2021 hatten wir jedoch rund 774.000 Notfalleinsätze abzuarbeiten“, hieß es weiter. „Ein ansteigender Trend zeichnet sich auch für 2022 ab: Im März dieses Jahres hatten wir über 14 Prozent mehr Notfalleinsätze als im Vorjahresvergleichszeitraum.“ Seit Jahren gebe es bereits ein deutliches Gefälle zwischen ländlichen und städtischen Regionen. Die Sprecherin erklärte, in urbanen Regionen werde der Rettungsdienst öfter zu Einsätzen alarmiert, die sich letztlich nicht als Notfalleinsätze herausstellten.

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Länder und Kommunen organisieren Rettungsdienste

Die Rettungsdienste werden in Deutschland durch die Länder und Kommunen organisiert. Neben den Johannitern und der Feuerwehr sind auch das Deutsche Rote Kreuz und weitere Hilfsorganisationen für Notfalleinsätze zuständig. Die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren berichtet von einer ähnlichen Situation wie die Johanniter. „Wir beobachten zwar einen Anstieg von Rettungsdiensteinsätzen, der lässt sich aber nicht pauschal auf ganz Deutschland übertragen“, sagt der Chef der Arbeitsgemeinschaft, Jochen Stein, dem RND. So seien die Fallzahlen je nach Region und Rettungsdienstträger unterschiedlich.

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Doch warum steigt die Zahl der Einsätze weiter an? Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen zieht neben regionaler Besonderheiten auch gesellschaftliche Entwicklungen als Ursachen heran. „Die Gesellschaft wird immer älter und einsamer, auch chronische Krankheiten haben sehr stark zugenommen“, erklärt der Bundestagsabgeordnete, der selbst früher als Arzt beim Rettungsdienst Berlin gearbeitet hat. „Viele gerade ältere und auch arme Menschen sind hilflos, weil sie niemanden haben, der sie in Krankheitsfällen unterstützen kann.“

Dahmen gibt dem deutschen Gesundheitssystem eine Mitschuld, das sich dem Politiker zufolge durch ökonomischen Druck sehr verändert hat. Der regelmäßige Hausbesuch des Hausarztes oder der Hausärztin bei älteren und immobilen Menschen sei heute die Ausnahme, fügt er hinzu. Zudem würden in Deutschland Patientinnen und Patienten durchaus in noch krankem Zustand aus den Kliniken entlassen. „Wenn es ihnen dann plötzlich noch einmal schlechter geht, bleibt oft nur der Anruf bei der 112″, sagt er. „Es hilft niemandem weiter, das ausgerechnet den Betroffenen vorzuwerfen.“

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Das Problem löst man aber nicht nur mit einer Stärkung des Rettungsdienstes, sind sich Expertinnen und Experten sicher. „Eine allgemeine Entlastung beobachten wir in den Regionen, wo die Gesundheitsangebote insofern angepasst worden sind, dass frühzeitige Interventionen möglich sind“, erklärt Stein von der Berufsfeuerwehr. „Wenn ambulante Zentren leistungsfähig sind, dann ist der Anruf beim Rettungsdienst oftmals nicht nötig.“ Essenziell ist für ihn auch die Stärkung des ärztlichen Notdienstes. „Solange die 116117 gut erreichbar ist und die Ärzte schnell vorbeikommen können, entlastet das die Rettungsdienste.“

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Dahmen schlägt Veränderungen in Leitstellen vor

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„Nicht bei allen Patienten ist es die beste oder gar einzige Antwort, einen Rettungswagen zu schicken“, ergänzt er. „Zum Beispiel sollten die Leitstellen die Möglichkeit haben, auch Sozialarbeiter und Fachkräfte der Psychiatrie schicken zu können oder Pflegekräfte in Pflegeheime zu entsenden, die dort beispielsweise direkt vor Ort einen Katheter wechseln können.“ Auch auf die Notfallprävention weist er hin und pocht auf vorbeugende Maßnahmen, darunter eine „bessere Versorgung von Obdachlosen während Hitze- und Kältewellen“ oder bei „frühzeitigem Einschreiten“, wenn es bei Einrichtungen zu immer wiederkehrenden Notrufen komme.

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Zustimmung kommt von den Johannitern, die ebenfalls dafür plädieren, die Rettungsdienste an die neuen Gegebenheiten anzupassen. „Unsere langjährige Erfahrung als einer der großen Träger im deutschen Rettungswesen hat uns gezeigt, dass es sehr schwer ist, auf das Verhalten der Patienten einzuwirken“, sagt Jörg Lüssem, Mitglied des Bundesvorstandes der Johanniter-Unfall-Hilfe, dem RND. „Eine Lösung für einen besseren Umgang mit Einsätzen des Rettungsdienstes, die nicht zeitkritisch sind und die Mitarbeitenden in ihrem Arbeitsalltag belasten, könnte sein, das Rettungssystem besser auf diese Einsätze einzustellen.“

Derweil ist für Krankenhäuserchef Gerald Gaß klar, dass die „ungelösten strukturelle Probleme“ mit der „unvollendeten Notfallreform“ zusammenhängen. Die Reform der Notfallstrukturen in Deutschland wurde schon von der großen Koalition angestrebt, aber in der vergangenen Legislaturperiode auch wegen der Pandemie zurückgestellt.

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Die Ampelkoalition plant 2022 einen neuen Anlauf, wie Grünen-Politiker Dahmen bestätigt. „Die Ampelkoalition will in diesem Jahr bereits einen ersten Gesetzentwurf zur Notfallversorgung ausarbeiten“, sagt er. „Darin und mit weiteren Schritten werden wir auch die Überlastung der Notfallversorgung adressieren und auch für den Rettungsdienst in Deutschland Reformvorschläge machen.“

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