Ein Drama namens Schröder

Russland, Moskau: Gerhard Schröder (SPD, l.), ehemaliger Bundeskanzler, umarmt Wladimir Putin, Präsident von Russland, nach dem WM-Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien (Archivbild).

Russland, Moskau: Gerhard Schröder (SPD, l.), ehemaliger Bundeskanzler, umarmt Wladimir Putin, Präsident von Russland, nach dem WM-Eröffnungsspiel Russland gegen Saudi-Arabien (Archivbild).

Ein regnerischer Abend in Hannover, zwei Männer im Anzug sitzen an der etwas zu hell beleuchteten Bar des Maritim-Hotels gegenüber vom Rathaus.

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Sie reden nur leise, gestikulieren nicht, lachen nicht. Manchmal blicken beide auch nur gleichzeitig eine Weile stumm auf ihr Bierglas. Drum herum sitzt niemand. Die Szenerie wirkt ein bisschen surreal, modern und leer zugleich, wie das Bild „Nachtschwärmer“ von Edward Hopper.

Man schrieb den 11. April 2005. Der russische Präsident und der deutsche Bundeskanzler hatten die Hannover-Messe eröffnet und steckten nun noch ein bisschen die Köpfe zusammen.

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Das Jahr des Ausstiegs aus der Politik

Für Wladimir Putin ging es damals aufwärts, für Gerhard Schröder abwärts. Der Russe hatte im Jahr zuvor mit 71 Prozent seine Wahl gewonnen und segelte seither auf einer Popularitätswelle wie noch nie. Seine Landsleute kauften sich Putin-Tassen, Putin-T-Shirts und das Buch „Wir lernen Judo mit Wladimir Putin“.

Schröder dagegen war soeben mit seinen Arbeitsmarktreformen in Schwierigkeiten geraten. Die eigenen Leute meuterten. Die Umfragen für die NRW-Landtagswahl im Mai 2005 sahen schlecht aus für die SPD. Wenn Nordrhein-Westfalen kippe, warnte Fraktionschef Franz Müntefering den Kanzler intern, könne er „dem Gerd“ auch im Bundestag vielleicht schon bald nicht mehr die nötigen Mehrheiten garantieren.

Treffen in Moskau im Jahr 2005: Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner damaligen Frau Ljudmila Putina und Gerhard Schröder mit seiner damaligen Frau Doris Schröder-Köpf.

Treffen in Moskau im Jahr 2005: Russlands Präsident Wladimir Putin mit seiner damaligen Frau Ljudmila Putina und Gerhard Schröder mit seiner damaligen Frau Doris Schröder-Köpf.

Heute weiß man: NRW kippte im Mai 2005 tatsächlich – und setzte eine Kettenreaktion in Gang, die die Republik veränderte.

Schröder wirkte auf vorzeitige Neuwahlen hin und verlor die Bundestagswahl im September. Im November wurde Angela Merkel Kanzlerin. Und noch im Dezember desselben Jahres gab der Gazprom-Chef und enge Putin-Vertraute, Alexej Miller, eine Nachricht bekannt, die die SPD bis heute verfolgt wie ein böser Geist: Schröder wird Aufsichtsratschef bei Nord Stream.

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Hatte Schröder dies alles schon im April erwogen, wenn auch nur als bloße Möglichkeit? Man wird es nie erfahren. Der Ausstieg aus der Politik und der Einstieg in die Energiebranche folgten jedenfalls in verblüffendem Tempo aufeinander.

Ist Job Nummer vier „eine Umdrehung zu viel“?

Mittlerweile bekleidet Schröder drei Positionen im Geflecht der russischen Energiewirtschaft, im Juni 2022 könnten es sogar vier werden.

  • Seit Anfang 2006 ist er Vorsitzender des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG mit Sitz in Zug in der Schweiz. Das Unternehmen, an dem anfangs eine Vielzahl europäischer Konzerne beteiligt war, kümmerte sich um die erste, seit 2012 genutzte Pipeline Nord Stream 1.
  • Seit 2016 ist Schröder zudem Vorsitzender des Verwaltungsrats der Nord Stream 2 AG. Diese 100-prozentige Tochter des russischen Gazprom-Konzerns betrieb den Bau einer zweiten Ostseepipeline, die hochumstritten ist und noch nicht genutzt wird; US-Präsident Joe Biden bekräftigte in dieser Woche, dass Nord Stream 2 nicht ans Netz gehen werde, wenn es zu einer russischen Invasion in der Ukraine komme.
  • Seit 2017 ist Schröder Aufsichtsratsvorsitzender des russischen Ölkonzerns Rosneft. Anders als bei den beiden kleinen, projektbezogenen Pipelinefirmen geht es hier um dauerhaften Einfluss bei einem globalen Spieler auf den Energiemärkten, mit 2021 weltweit 117 Milliarden US-Dollar Umsatz und weit über 300.000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen.
  • Im Juni 2022 soll Schröder nach dem Willen Putins auch noch in den Aufsichtsrat von Gazprom gewählt werden – dieser vierte Schritt würde dem Deutschen dann unmittelbaren Einfluss auf das Allerheiligste der russischen Energiewirtschaft geben, das größte Gasförderunternehmen der Welt, mit 470.000 Mitarbeitenden und einem Umsatz in dreistelliger Milliardenhöhe.

Als die Aussicht auf Job Nummer vier bekannt wurde, gingen Deutschlands Sozialdemokraten in Deckung: Das sei nun wirklich „ei­ne Umdrehung zu viel“, sagte ein langjähriger Freund des Altkanzlers.

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Das Allerheiligste der russischen Energiewirtschaft: die Gazprom-Zentrale in Sankt Petersburg.

Das Allerheiligste der russischen Energiewirtschaft: die Gazprom-Zentrale in Sankt Petersburg.

Als Schröder dann auch noch in einem von seinem früheren Regierungssprecher Bela Anda produzierten Podcast der Regierung der Ukra­i­ne „Säbelrasseln“ vorwarf, war er plötzlich auch bei jenen in der SPD unten durch, die sein En­gage­ment in Russland anfangs noch wohlwollend betrachtet hatten.

Witze über „Gas-Gerd“ als Wahlkampfhit?

Der neue SPD-Bundesvorsitzende Lars Klingbeil, der Schröder früher super fand und sogar mal in dessen Wahlkreisbüro in Hannover gearbeitet hatte, ging auf Distanz wie noch nie: Was Schröder sage, sei „absolut falsch“. Auch die sonst eher milde Manuela Dreyer wurde scharf: „Ich kenne niemanden in der Partei, der seine Auffassungen teilt. Es ist ganz klar, dass die Aggression von Russland ausgeht.“

Der lange Schatten des Altkanzlers verfolgt auch den neuen Kanzler auf Schritt und Tritt, im Kreml wie im Weißen Haus.

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Als Olaf Scholz in Washington vor die Kameras von CNN trat, wollte Moderator Jake Tapper wissen, was die russischen Schröder-Jobs in der aktuellen Lage für eine Botschaft senden. Scholz wurde schnippisch: „Er spricht nicht für die Regierung, ich bin jetzt der Kanzler.“

Schröder bringt seine Genossen derzeit in Verlegenheit wie noch nie – in den politischen Salons von Nato- und EU-Staaten ebenso wie am Bratwurststand im Ruhrgebiet. Das Gebaren Schröders sei „ein Skandal“, sagt der Generalsekretär der NRW-CDU, Josef Hovenjürgen.

In Nordrhein-Westfalen steht am 15. Mai die nächste Landtagswahl an. Wird das Thema bis dahin noch zum Wahlkampfhit – wegen der hohen Gaspreise und der erst im Juni anstehenden Wahl Schröders in den Gazprom-Aufsichtsrat?

Landauf, landab, heißt es aus der Führung der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, machten Unionsabgeordnete derzeit in ihren Wahlkreisen die Erfahrung, dass Attacken auf Schröder breiten und schnellen Applaus bringen: „Wenn einer sagt, dass man als Kunde ja leider auch noch die hohen Gehälter des Ex-Kanzlers mitbezahlen muss, hat er die Leute auf seiner Seite.“

Gewählt wird in diesem Jahr nur im Westen

Schröder, dem Populismus nie ganz fremd war, könnte ihm nun seinerseits zum Opfer fallen: als „Gas-Gerd“, dem es „eigentlich um Kohle“ geht – hohoho.

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In Ostdeutschland blicken die Leute milder auf Schröder, viele sehen in ihm einen potenziellen Vermittler zwischen Deutschland und Russland in schwieriger Zeit. In diesem Jahr jedoch finden, Pech für die SPD, alle Landtagswahlen im Westen statt. Auf das Saarland (27. März) folgen Schleswig-Holstein (8. Mai), Nordrhein-Westfalen (15. Mai) und Niedersachsen (9. Oktober).

Er kämpft bei der Wahl am 15. Mai um seine künftige Mehrheit im Parlament des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes: Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU).

Er kämpft bei der Wahl am 15. Mai um seine künftige Mehrheit im Parlament des bevölkerungsreichsten deutschen Bundeslandes: Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU).

Hovenjürgen zum Beispiel war viele Jahre Kreisvorsitzender in Recklinghausen, da hat man es nicht so mit den Russen. Eher kommt dort der Verdacht auf, da wolle sich wieder einmal ein Spitzengenosse die Taschen vollstopfen, wie einst Peer Steinbrück mit seinen hohen Vortragshonoraren.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Matthias Hauer aus dem Essener Süden stochert derzeit in den allerjüngsten Vorgängen herum. So brachte er eine Anfrage ein zu ei­nem Treffen diverser SPD-Politiker mit Schröder am 5. Januar in Hannover, das Johann Saathoff, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, organisiert hatte.

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Die Bundesregierung bestätigte das Treffen inzwischen, wie Hauer gestern mitteilte. Zu den Teilnehmern gehörten der frühere SPD-Bundesvorsitzende Martin Schulz, der frühere brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und der frühere Bundestagsabgeordnete Heino Wiese – allesamt „Russland-Versteher“, jeder auf sei­ne Art.

Ein Punkt, in dem Putin recht hat

Wiese, ein alter Vertrauter Schröders, der im Jahr 2006 ebenfalls ins Beratergeschäft gegangen ist und viele Russland-Kontakte hat, versteht die Aufregung nicht: „Warum eigentlich sollen sich nicht Leute treffen, die sich um die deutsch-russischen Beziehungen Sorgen machen, auch und gerade in diesen Zeiten?“

Tatsächlich liegt das Skandalöse im Auge des Betrachters. Manches im Drama um Schröder lässt sich so betrachten – oder auch ganz anders.

Putin selbst sagte am Dienstag im Kreml, die Deutschen sollten doch froh sein, wenn einer der ihren die Chance habe, in den Gazprom-Aufsichtsrat zu kommen. In diesem Punkt hat Putin sogar recht.

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Während die SPD nach Luft schnappt, ergibt eine kühle geopolitische Draufsicht ein anderes Bild. Wenn demnächst ein Wirtschaftsanwalt aus Deutschland im Gazprom-Aufsichtsrat sitzt, liegt das tatsächlich im deutschen und europäischen Interesse. Es könnte ja auch jemand aus China sein.

Eine Sichtweise wie diese hat bei Angela Merkel stets dazu geführt, mit Blick auf Schröder den Ball flach zu halten. Als jetzt einige CDU-Abgeordnete schon zur Kürzung der staatlichen Bezüge des Altkanzlers schreiten wollten, mahnte intern auch der neue Fraktionschef Frie­drich Merz zur Mäßigung.

Ein Nie-wieder-Krieg-Motiv?

Zum Drama Schröders gehört, dass die ursprünglichen Motive seiner Annäherung an Russland längst verschüttet sind. Wer nimmt die Geopolitik in den Blick? Wer glaubt gar an Idealismus als ausschlaggebenden Faktor, an ein Nie-wieder-Krieg-Motiv?

Nach Ansicht seines alten Freundes Wiese hätte Schröder seinen Weg Richtung Russland nie eingeschlagen, wenn sein Vater nicht im Krieg in Rumänien gefallen wäre. Und wenn ihm nicht auch Putin berührende Dinge über seine eigene ärmliche Herkunft erzählt hätte und über Opfer, auch aus der eigenen Familie, bei der deutschen Belagerung Leningrads. Der Obergefreite Fritz Schröder übrigens starb am 4. Oktober 1944 im Alter von 32 Jahren an der Ostfront. Seinen am ­7. April 1944 geborenen Sohn Gerhard bekam er nie zu Gesicht.

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Das alles interessiert im Augenblick niemanden mehr. Denn Putin droht ja selbst mit Krieg. Kann Schröder dazu beitragen, ihn zu bremsen? Noch existiert eine kleine Chance, dass sich alles dreht – und am Ende sogar Schröders seltsamer Weg in ganz neuem Licht erscheint.

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