Ende eines Traums: Mädchenschule in Afghanistan verbrennt ihre Unterlagen

„Ich bin hier, und ich bin mutig“ - mit solchen Slogans wirbt die afghanische Mädchenschule Sola noch immer im Internet. Inzwischen allerdings greift Angst um sich.

„Ich bin hier, und ich bin mutig“ - mit solchen Slogans wirbt die afghanische Mädchenschule Sola noch immer im Internet. Inzwischen allerdings greift Angst um sich.

Es ist nach 20 Jahren das Ende eines afghanischen Traums. Sola, das einzige Mädchen­pensionat des Landes, verbrennt sämtliche Unterlagen. Damit sollen Schülerinnen und ihre Familien vor Nachforschungen und Angriffen der Taliban geschützt werden.

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„Mir geht es um die Sicherheit und das Wohlergehen meiner Studenten“, schrieb die Gründerin des weltweit bekannt gewordenen feministischen Projekts, Shabana Basij-Rasikh, in einer Erklärung, die auf der Website der Schule und auf Twitter verbreitet wurde.

„Ich fühle mich am Boden zerstört“

Basij-Rasikh schrieb, sie selbst sei inzwischen in Sicherheit. Ohne Einzelheiten zu nennen, deutete sie auf Hilfe aus dem Ausland. Sie sei „unserem sehr lebendigen globalen Dorf enorm dankbar“. Es gebe aber viele, „die sich nicht oder zunehmend nicht sicher fühlen“.

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Im Gedanken an diese Schülerinnen, schreibt Basij-Rasikh, fühle sie sich „gebrochen und am Boden zerstört“.

Tatsächlich könnten Sola-Absolventinnen den Taliban in besonderer Weise ein Dorn im Auge sein. Die Schule hatte sich in der 20 Jahre langen Phase, in der die Taliban in die Defensive gedrängt waren, nicht nur allgemeinen Bildungs­aufgaben gewidmet, sondern sich vorgenommen, talentierte Mädchen auf Führungs­aufgaben in Afghanistan vorzubereiten.

Hinzu kommt, dass die Gründerin der Schule, die in Kabul geborene Basij-Rasikh, seit Jahrzehnten mit klarer Abneigung auf die Taliban blickt.

+++ Alle Entwicklungen in Afghanistan hier im Liveblog +++

In ihrer Kindheit, in den Neunzigerjahren, herrschten noch die Taliban. Um an Schulunterricht teilnehmen zu können, verkleidete sich Basij-Rasikh als Junge. Und um von den damaligen Religions­wächtern nicht aufgespürt zu werden, nahm sie täglich wechselnde Wege zur Schule. Andere Mädchen machten es genauso: „Wir riskierten damals unser Leben.“

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Ein Bild aus besseren Tagen: Schulgründerin Shabana Basij-Rasikh.

Ein Bild aus besseren Tagen: Schulgründerin Shabana Basij-Rasikh.

Die Verbrennung der Schul­unterlagen markiert jetzt den Abschied von einer Vision der Gleich­berechtigung, die bis heute auf der Website der Schule beschrieben wird. Zu den Zielen von Sola gehört es, junge Frauen durch Erziehung zu ertüchtigen für ein Leben, in dem sie nicht nur eine Familie gründen, sondern sich weiterentwickeln können „zu kritischen Denkern und Führungs­kräften, die verstehen, dass sie die Macht haben, die Zukunft ihres Landes zu gestalten“.

Noch im Juli dieses Jahres machte die Schule Pläne zur Erweiterung, man wollte mehr Mädchen aufnehmen denn je.

Im Jahr 2015 trat Schul­gründerin Basij-Rasikh bei einer Konferenz weiblicher Führungskräfte in London auf – und bewegte schon damals die Herzen.

Ihren Vater, der ihr beim Bemühen um eine gute Bildung auch in schwierigsten Zeiten stets den Rücken stärkte, zitierte sie mit den Worten: „Schau mal, Shabana. Vielleicht wirst du in deinem Leben eines Tages alles verlieren, was du hast. Aber es gibt etwas, das dir niemand wegnehmen kann, und das ist deine Bildung.“

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Freiheit für Frauen „im Rahmen der Scharia“

Wie die Taliban nach ihrer Rückkehr an die Macht konkret mit dem Thema Schulbildung für Mädchen umgehen werden, ist noch unklar. Offiziell heißt es, Frauen stünden alle Rechte offen „im Rahmen der Scharia“ – also des islamischen Rechts. Dessen konkrete Ausdeutung steht noch aus. Auf schnelle Änderungen scheint die Taliban­führung verzichten zu wollen, Fachleute befürchten aber mittelfristig Beschränkungen bei Schulbesuch und Studium sowie den Ausschluss von Frauen aus einer Vielzahl von Berufen.

Misstrauen erregte jüngst der Fall der afghanischen TV-Moderatorin Shabnam Dawran: Die Taliban verboten ihr am Mittwoch den Zutritt zu den Studios. „Sie haben mir gesagt: ‚Geh nach Hause‘“, berichtete Dawran. Die männlichen Kollegen hätten weiterarbeiten dürfen.

Noch am Vortag hatten die Taliban in einer Presse­konferenz eine neue Offenheit für Frauen beteuert: „Frauen sind ein wichtiger Bestandteil unserer Gesellschaft“, hatte Taliban-Presse­sprecher Zabiullah Mujahid gesagt. „Sie können arbeiten, sie können sich bilden und sie werden von unserer Gesellschaft gebraucht.“

Shabnam Dawran fürchtet inzwischen nicht mehr nur um ihren Job. Das Ausland müsse engagierten Frauen in Afghanistan jetzt beistehen: „Unser Leben ist in Gefahr.“

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RND

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