„Es liegt eine gewisse Nostalgie im Anliegen, aus der EU auszutreten“

Ein als Leichenbestatter verkleideter Mann trägt einen Kranz mit elf Sternen anstatt der zwölf Sterne der EU-Flagge auf dem Parlamentsplatz in London.

Ein als Leichenbestatter verkleideter Mann trägt einen Kranz mit elf Sternen anstatt der zwölf Sterne der EU-Flagge auf dem Parlamentsplatz in London.

London. Dreieinhalb Jahre nach dem Referendum ist es nun so weit, die Briten treten aus der EU aus. Wenn Sie zurückblicken, wie konnte es zu diesem demokratischen Betriebsunfall kommen?

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Die Entscheidung muss im Kontext der vergangenen 40 Jahre gesehen werden. Hier ist ein Land, das nie vollkommen akzeptiert hat, dass es eine europäische Bestimmung haben soll. Wenn man sich die Meinungsumfragen seit den 70er-Jahren anschaut, dann war das Gefühl einer europäischen Identität stets auffallend schwach. Die Möglichkeit, dass diese Gleichgültigkeit von Menschen ausgenutzt werden könnte, die die EU verlassen wollen, bestand immer. Hinzu kommt das Versagen der proeuropäischen politischen Klasse, den Wählern die Idee von Europa zu verkaufen. Wir hatten nie wirklich Politiker, die besonders für Europa eingetreten sind, zumindest seit Premierminister Edward Heath und dem Referendum 1975.

Würden Sie den Brexit als Produkt des englischen Nationalismus bezeichnen?

Es hat damit zu tun, aber beim Brexit-Votum handelt es sich in vielerlei Hinsicht um eine sehr zufällige Geschichte. Wir haben im Kontext von 2016 den perfekten Sturm erlebt aus einer stagnierenden Wirtschaft, einer zunehmenden Sorge über Migration und äußerst effektiven Politikern, die bereit waren, für den Brexit zu werben. Das hat es der damaligen Minderheit erlaubt, die gleichgültige Mehrheit zugunsten von „leave“ zu bekehren, ob vorübergehend oder langfristig. Ich bezweifle, dass die Europaskeptiker gewonnen hätten ohne Boris Johnson oder Nigel Farage.

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Der Europaabgeordnete Farage ist Chef der Brexit-Partei und lebenslanger EU-Hasser. Er wie etliche Gleichgesinnte reden oft von den angeblichen guten alten Zeiten. Ist der Brexit auch Ausdruck einer Sehnsucht nach einem Empire 2.0?

Es liegt eine gewisse Nostalgie im Anliegen, aus der EU auszutreten. Aber es würde vermutlich zu weit gehen, von einem Wunsch nach einer Wiederherstellung des British Empire zu sprechen. Es herrscht der Glauben vor, dass sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit Großbritanniens gewissermaßen verbunden sind mit einer weiteren Sicht auf die Welt, von der man ein Teil sein will. Das Vermächtnis des Empire ist, dass viele Briten die Vorstellung haben, dass unsere Außenpolitik, unsere Diplomatie und unsere Wirtschaft sehr viel weiter reichen als lediglich bis auf den Kontinent.

Wie würden Sie das Weltbild der Brexit-Befürworter beschreiben?

Das beinhaltet sicherlich den Glauben an Großbritanniens Überlegenheit. Es herrscht die Meinung vor, dass unsere Bestimmung vielmehr im Globalen liegt als auf dem Kontinent. Und man fühlt sich in vielerlei Hinsicht nicht wohl mit dem multiethnischen, multikulturellen Königreich des 21. Jahrhunderts. Hinzu kommt die Sorge um die eigene Souveränität. In dieser Weltsicht wird die Idee abgelehnt, dass Großbritannien von Nichtbriten gesagt bekommt, was es zu tun hat.

Premierminister Boris Johnson verspricht eine glorreiche Zukunft außerhalb der EU. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass der Brexit tatsächlich ein Erfolg wird?

Es ist möglich, falls Großbritannien neue Handelsverbindungen mit Ländern eingehen kann, in die es bislang nicht viel exportiert, wie etwa China oder Indien. Aber es ist schwierig, die wirtschaftlichen Vorhersagen zu ignorieren, die darauf hindeuten, dass das Königreich kurz- und mittelfristig ökonomisch schlimmer dran sein wird. Wenn man außerdem zum Beispiel nach Deutschland blickt, dann scheint es kein Nullsummenspiel, sowohl Mitglied in der EU zu sein als auch sehr effektiv mit diesen großen Wirtschaftssystemen zu handeln.

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Könnten Sie sich vorstellen, dass in den nächsten Jahren ein Stimmungsumschwung stattfindet, dass Großbritannien möglicherweise sogar wieder in die EU eintritt?

In gewisser Weise gibt es heute in diesem Land eine enthusiastische und positive proeuropäische Gemeinschaft. Sie könnte aus dem lernen, was den Europaskeptikern in den letzten zwei Jahrzehnten gelungen ist. Aber das hängt von der Entwicklung des Königreichs und dessen Wirtschaft in den nächsten Jahren ab. Wir sind der EWG, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, damals überhaupt erst beigetreten, weil unsere Wirtschaft hinter jene anderer europäischer Länder zurückgefallen war. Wenn dies wieder der Fall sein sollte in zehn oder 15 Jahren, könnte man sehr schlagkräftige Argumente für den Wiedereintritt finden.

Großbritannien galt im 19. Jahrhundert als Vorbild der Liberalen in Europa. Nun verstehen viele Menschen auf dem Kontinent das Land nicht mehr. Was ist passiert?

Ich denke nicht, dass unsere Entscheidung zu gehen zwangsläufig bedeutet, dass Großbritannien sich von einer liberalen Demokratie in Richtung eines mehr von Populismus befeuerten Landes entwickelt hat, das sich in den nächsten Jahren notwendigerweise kulturell und wirtschaftlich nach rechts bewegt. Was 2016 passiert ist, war in vielerlei Hinsicht ein Unfall. Ich bezweifele deshalb, dass sich Großbritannien fundamental als Land verändert hat.

Zur Person:

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Tim Bale (54) ist Politikprofessor an der Queen-Mary-Universität in London und zudem stellvertretender Direktor der Denkfabrik UK in a Changing Europe. Er beschäftigt sich vor allem mit den Themen britische Innenpolitik, Rechtspopulismus und Europa.

RND

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