Fachkräftemangel, Überlastung, Kollaps

Verbände schlagen Alarm – die große Sorge um die Zukunft des Gesundheits­systems

Ein Leuchtkasten mit einem roten Kreuz hängt an einem Krankenhaus.

Ein Leuchtkasten mit einem roten Kreuz hängt an einem Krankenhaus. (Symbolbild)

Hannover/Berlin. Fast drei Jahre ist es her, als Deutschlands Gesundheits­system unvorbereitet von der Corona-Pandemie überrollt wurde. Volle Kliniken und Praxen prägen seither das Bild. Die Beschäftigten arbeiten am absoluten Belastungs­limit – häufig auch darüber hinaus. Wie sich aktuell auf den Stationen der Kinder­kliniken beobachten lässt, hat sich die Situation auch im Jahr 2022 für viele Pflege­kräfte sowie Ärztinnen und Ärzte kaum verbessert. Im Gegenteil. An allen Ecken und Enden fehlt dringend benötigtes Fachpersonal. Die Hilferufe und Warnungen vor einem drohenden Kollaps des Gesundheits­systems werden immer lauter.

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So warnt etwa der Deutsche Berufs­verband für Pflege­berufe (DBfK) angesichts des aktuellen Fachkräfte­mangels vor dem Zusammen­bruch der Pflege­versorgung. „Wenn wir nicht schnell grundlegende Reformen bekommen, kann man die pflegerische Versorgung in Deutschland nicht mehr aufrecht­erhalten“, sagte die Vorsitzende Christel Bienstein dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) am Freitag. „Eine vergleichbare Situation hat es in den vergangenen 50 Jahren nicht gegeben.“ Bereits heute würden 200.000 Vollzeit­kräfte fehlen. Vor allem in den Kranken­häusern sei „eine sichere und qualitativ hochwertige Pflege kaum mehr möglich“, so die DBfK-Vorsitzende.

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Im Zuge der aktuellen RS-Virus-Welle wurde der Pflege­mangel zuletzt besonders in den Kinder­kliniken deutlich. Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfall­medizin (Divi) konnte vielerorts wegen der angespannten Personal­situation ein Teil der Betten nicht betrieben werden. Um Kranken­häuser künftig stärker von wirtschaftlichem Druck zu lösen, hat der Bundestag am Freitag ein Gesetzes­paket der Ampel beschlossen. Neben mehr Geld für die Kinder­versorgung beinhaltet dies auch Entlastungen für Pflege­kräfte in Form eines neuen Instruments zur Personal­bemessung – ausgehend von errechneten Ideal­besetzungen für die Stationen.

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Immer mehr Pflegende und Ärzte in Teilzeit

Nicht zuletzt wegen der hohen Arbeits­belastung – verstärkt durch die Corona-Jahre – sei die Krankheits­quote bei den Pflege­beschäftigten so hoch, dass sie die aller anderen Berufs­gruppen übersteige, mahnte Bienstein. Hinzu komme, dass „bis zu 70 Prozent“ der Pflege­fachpersonen inzwischen in Teilzeit arbeiteten. Ein Trend, der auch bei den Ärztinnen und Ärzten zu beobachten ist, wie Bundes­ärztekammer­chef Klaus Reinhardt dem RND mitteilte. „Wir beobachten seit einigen Jahren, dass Teilzeit­arbeit und die Tätigkeit im Angestellten­verhältnis immer beliebter werden.“ Gerade die junge Ärzte­generation lege großen Wert auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

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Den wachsenden Anteil von Teilzeit­beschäftigten in der Ärzteschaft sieht die Vorsitzende des Marburger Bunds, Susanne Johna, als Zeichen „einer privaten Flucht aus Arbeits­überlastung“. Im Gespräch mit dem RND forderte sie: „Die Politik sollte sich bei ihren Planungen endlich davon verabschieden, dass unbesetzte Stellen durch Mehrarbeit der vorhandenen Ärztinnen und Ärzte ausgeglichen werden.“ Marburger Bund und Bundes­ärztekammer fordern die Aufstockung der Medizin­studienplätze.

Warnung vor „riesiger Ruhestandswelle“

Der Vorsitzende der Deutschen Krankenhaus­gesellschaft (DKG), Gerald Gaß, benennt ein weiteres mögliches Instrument zur Entlastung. „Wir fordern schon lange, kurzfristig durch konsequenten Bürokratie­abbau die Pflege­fachkräfte und die Ärztinnen und Ärzte zu entlasten“, sagte er dem RND. „Sie verbringen rund drei Stunden täglich mit häufig unnötiger Bürokratie, in dieser Zeit fehlen sie in der Versorgung.“ Um mehr Menschen für die Pflege und Medizin zu gewinnen sowie in andere Berufe gewechselte Fachkräfte zurück­zugewinnen, brauche es „ein klares Bekenntnis, das Personal gut zu bezahlen, auch von den Kranken­kassen, die bis dato den Abschluss von Pflege­budgets oftmals blockieren“.

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Zwar sei die Zahl der Pflege­beschäftigten als auch der Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Jahren leicht gestiegen, wie die Verbände mitteilen. Angesichts der kommenden Probleme bedeute dies aber keine Entspannung der Situation. „Auf das deutsche Gesundheits­wesen rollt eine riesige Ruhestands­welle zu, wenn die geburten­starke Babyboomergeneration aus dem Beruf ausscheidet“, mahnte Johna. So könnten in der Pflege in den kommenden zehn Jahren 500.000 Beschäftigte (entspricht etwa 28 Prozent des Berufs­stands) in Rente gehen, berichtet die DBfK-Vorsitzende Bienstein. Bei den Ärztinnen und Ärzten in den Kliniken und Praxen stünden laut Johna fast 90.000 (22 Prozent) vor einem baldigen Ruhestand.

Immer weniger Ärzte auf dem Land

Gerade in ländlichen oder struktur­schwachen Regionen mache sich das bemerkbar, berichtet der Vorsitzende der Kassen­ärztlichen Bundes­vereinigung (KBV), Andreas Gassen, dem RND. „Für Ärztinnen und Ärzte, die in den Ruhestand gehen, wird es dort immer schwieriger, eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu finden.“ Nach Zahlen der KBV gab es Ende 2021 etwa 4100 offene Hausarzt­sitze. Zwei Jahre zuvor lag die Zahl noch bei rund 3300. Hinzu komme, dass die Fachkräfte­problematik auch nicht an den Praxen vorbeigehe, so Gassen. „Im Bereich der medizinischen Fach­angestellten ist es für Praxen nicht leicht, qualifizierte Mitarbeitende zu finden.“

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Ein Trend, der auch den Vorsitzenden des Deutschen Hausärzte­verbandes, Markus Beier, umtreibt. „Das ist ein echtes Problem, das konkrete Auswirkungen auf die Versorgung hat. So akut wie derzeit war die Situation in der Vergangenheit nicht“, betont er gegenüber dem RND. Zwar werde die Ausbildung immer beliebter, dennoch reiche das nicht, um den weiter steigenden Bedarf zu decken. „Das Thema muss, ähnlich wie der Mangel an Pflege­kräften, auf die politische Agenda.“ Gleichwohl brauche es „viel mehr Haus­ärztinnen und Haus­ärzte als noch vor zehn Jahren“, um den Mehr­aufwand hinsichtlich des demografischen Wandels auffangen zu können, so Beier.

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„Nicht in Panik verfallen“

Bundes­ärztekammer­chef Reinhardt betont, dass Ärzte­kammern, Kassen­ärztliche Vereinigungen, Kommunen und Länder bereits seit Längerem intensiv an Modellen und Anreiz­systemen für die ärztliche Tätigkeit in struktur­schwachen ländlichen Regionen arbeiteten. „Trotzdem werden wir damit leben müssen, dass in Regionen weitab von Ballungs­zentren insbesondere die hausärztliche Versorgung mit hoher Wahrscheinlichkeit künftig anders sicher­gestellt werden muss als durch die klassische Landarzt­praxis“, sagte er dem RND.

Um Engpässe zu überbrücken, sei vieles denkbar – etwa vorüber­gehende ambulante Einrichtungen oder telemedizinische Sprech­stunden. Er findet: „Wir sollten wegen des Ärzte­mangels also nicht in Panik verfallen, sondern die Heraus­forderungen mit kreativen Ideen angehen.“

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