Gähnende Leere: unklare Zukunft für die Impfzentren

Eine Mitarbeiterin läuft durch das fast leere Impfzentrum Tegel.

Eine Mitarbeiterin läuft durch das fast leere Impfzentrum Tegel.

Berlin. Der Pandemieherbst 2021 hat sich im politischen Gedächtnis wie ein Trauma eingebrannt. Die Corona-Inzidenzen waren im Sommer niedrig, Pandemiemanagement fiel dem Wahlkampf zum Opfer. Doch das Virus kam mit voller Wucht zurück – und traf auf eine überraschte Bundesregierung und einige unvorbereitete Länder. Mit schweren Folgen: Als plötzlich Millionen von Menschen Auffrischimpfungen haben wollten, gab es zu wenig Impfstoff und zu wenig Impfstellen.

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Die meisten Länder bauten die in Zuversicht geschlossenen Impfzentren mühsam wieder auf. Mit Erfolg: In kurzer Zeit erhielt die Hälfte der Bevölkerung ihren Booster. Doch nun sinkt die Nachfrage deutlich, wie auch das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Malteser berichten.

DRK und Malteser machen ähnliche Erfahrungen

Das DRK hat mit seinen Beteiligungen an 337 Impfzentren einen Überblick: So wisse man aus mündlichen Rückmeldungen, „dass die Abfrage von Impfterminen beziehungsweise die Wahrnehmung von Impfangeboten derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau verläuft“, sagte eine Sprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Ähnliches beobachten die Malteser, die 41 Impfzentren betreiben. Die Beschäftigten verabreichten aktuell nur 25 Prozent der Impfungen im Vergleich zur Vorweihnachtszeit, hieß es auf Anfrage.

Die Finanzierung ist bis Ende 2022 gesichert

Nun stellt sich auf dem Weg in Richtung Frühling die gleiche Frage wie schon im Herbst: Wie weiter mit den Impfzentren? Bund und Länder jedenfalls haben aus ihren Fehlern gelernt und Mitte Januar das Wichtigste geklärt: die Finanzierung.

Laut Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zugesagt, dass der Bund bis Ende 2022 weiterhin die Hälfte der Kosten übernehmen wird. Die Corona-Impfverordnung muss dahingehend noch angepasst werden.

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So planen die Länder

In fünf von 16 Bundesländern ist die Zukunft der Impfzentren dennoch ungewiss, wie aus einer Umfrage des RND in den Ministerien hervorgeht. Das zentrale Impfzentrum in Bremen soll mindestens bis Ende April offen bleiben – wie es danach weitergeht, wird gerade erarbeitet. Auch in Berlin befindet man sich wegen der weiteren Planung in Beratungen.

Mecklenburg-Vorpommern setzt auf „Impfstützpunkte“ und diskutiert derzeit, wie die staatliche Impfinfrastruktur weiter gestaltet werden könnte. In Sachsen soll diese Frage in den kommenden Kabinettssitzungen geklärt werden. Schleswig-Holstein will mindestens bis Mitte 2022 Impfzentren betreiben.

Hingegen wollen Hamburg, Hessen, Thüringen und Rheinland-Pfalz weiterhin auf staatliche oder kommunale Impfzentren setzen. Im Saarland gibt es vier landeseigene Impfzentren, der Betrieb „könnte“ bis Ende 2022 weitergeführt werden.

Sachsen-Anhalt koppelt das Weiterbestehen der Impfzentren – wie die meisten Länder – an die Finanzierung des Bundes. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg haben die staatlichen Impfzentren im Herbst gar nicht erst wieder aufgebaut. Nicht zurückgemeldet haben sich Bayern und Brandenburg.

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Sind die Hausarztpraxen ausreichend?

Klar ist: Eine Situation wie im vergangenen Herbst will kein Land wieder erleben. Immerhin ist eine zweite Auffrischimpfung nach wie vor eine Möglichkeit – die Impfzentren jetzt zu schließen würde ein großes Risiko bedeuten. Gleichwohl sollen die Impfzentren laut Verordnung „wirtschaftlich“ sein. Bei der geringen Auslastung ist das fraglich.

Den Großteil der Impfungen übernehmen die Hausarztpraxen. Zu Hochimpfzeiten haben die Zentren unterstützend gewirkt. Aber: „Aktuell übersteigt das Impfangebot die Nachfrage bei Weitem“, sagte Hausärzteverbandschef Ulrich Weigeldt dem RND. „Auch ohne die Impfzentren gibt es in dieser Phase mehr als genug Kapazitäten in den Hausarztpraxen.“

Hausärzteverbandschef fordert eine Impfroutine

Weigeldt plädierte für eine Impfroutine, bei der die Corona- und Grippeimpfung zusammen verabreicht werden. „Das sollte wie gewohnt und bewährt in den Praxen stattfinden“, betonte der Mediziner, der auch Kritik an der Impfstoffverteilung übte. „Gerade als die Impfstoffe knapp waren, ging der Großteil immer zuerst an die Impfzentren.“ Das habe der Impfkampagne geschadet – die Hausarztpraxen seien am besten geeignet, um zweifelnde Menschen zu erreichen.

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Trotz der geringen Auslastung plädierte der Städte- und Gemeindebund dafür, die Impfzentren offen zu halten. Zusätzlich zu den Impfangeboten in Arztpraxen hätten die Impfzentren einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, flächendeckende Impfmöglichkeiten zu bieten, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg dem RND. „Daher ist es gerade mit Blick auf die anstehenden vierten Impfungen für Menschen über 70 Jahre, vulnerable Gruppen und medizinisches Fachpersonal sinnvoll, Impfzentren weiterhin geöffnet zu halten.“

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt.

Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt.

Die Finanzierung der Impfzentren sollte laut Landsberg wie bisher durch Bund und Länder erfolgen, „denn es handelt sich beim Schutz vor den gesundheitlichen Gefahren um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.

Die Zukunft der Impfzentren wird davon abhängen, wie oft und für wen Nachimpfungen notwendig sein werden. Jährliche Auffrischungen für Risikogruppen und ältere Menschen könnten die Arztpraxen alleine stemmen.

Wenn aber wieder auf einen Schlag Millionen Impfung verabreicht werden soll, könnte es eng werden. Womöglich klärt sich die Frage der Impfzentren ohnehin von selbst: Wenn die Bundesfinanzierung Geschichte ist, werden die Länder die Impfstellen dichtmachen.

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