Interview mit Jugendforscher Hurrelmann

Generation Dauerkrise: Wie geht es der Jugend angesichts von Corona und Krieg?

Studenten sitzen in der Vorlesung Mathematik für die Erstsemester des Bachelors Wirtschafts­wissen­schaften im Audimax in der Universität Hannover (Archivbild).

Studenten sitzen in der Vorlesung Mathematik für die Erstsemester des Bachelors Wirtschafts­wissen­schaften im Audimax in der Universität Hannover (Archivbild).

Berlin. Herr Hurrelmann, Krieg in Europa, Corona-Pandemie, Kampf gegen den Klimawandel: Ist die wesentliche Prägung der gerade heran­wachsenden Generation, dass sie in einer Dauerkrise lebt?

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Ja. Die jungen Menschen von heute, das ist die Generation Dauerkrise. Für diejenigen, die jetzt Jugendliche oder junge Erwachsene sind, ist die unerwartete Veränderung fast schon eine Normalität. Sie sind Krisenkinder – und sie wissen es auch. Das heißt, sie wissen oder spüren mindestens sehr stark: Eine wirklich lange Planung des eigenen Lebens ist für sie weder möglich noch klug. Sie müssen sich immer wieder an den Wandel anpassen.

Wie gut kommt die junge Generation damit klar?

Generell sind die jungen Menschen so krisenerprobt, dass sie sich weiter gut zurechtfinden können, auch wenn neue Schläge hinzu­kommen. Gleich­zeitig darf niemand unterschätzen, was bereits die Corona-Pandemie den jungen Menschen abverlangt hat. Das war – und ist es ja in Teilen auch noch – eine riesige Probe, in doppelter Dimension.

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Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. (Archivbild)

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann. (Archivbild)

Nämlich?

Das Ereignis – also die Corona-Pandemie als Bedrohung für die Gesundheit und die Art, wie wir leben – hat dazu geführt, dass die jungen Menschen einen Kontroll­verlust erlebt haben. Viele hatten mindestens zeitweise das Gefühl, weder sie selbst noch die Politik noch sonst irgendwer hätte die Dinge noch im Griff. Das ist die erste Dimension. Die zweite ist die, dass viele junge Menschen in Befragungen selbst sagen, dass sich ihre psychische Gesundheit in der Zeit von Corona verschlechtert hat. Das ergeben auch Studien über Depressionen und psychische Erkrankungen bei jungen Menschen.

Die Erfahrung des Lockdowns hat viele Jugendliche runtergezogen.

Exakt. Ohne die Freunde zu Hause sitzen zu müssen, ist eine Riesen­belastung in dem Alter. Wenn dann auch noch dazukommt, dass es zu Hause Stress gibt, weil alle ständig so eng beieinander sind, ist das Drama perfekt. Dazu kommen bei einigen Ängste wegen wirt­schaft­licher Fragen. Wie sieht es aus mit einer Ausbildung? Gibt es eine Perspektive für die eigene wirtschaftliche Zukunft?

Hier zeigt sich: Die vielen Krisen verschärfen auch in der Jugend die Spaltung in der Gesellschaft. Ein 16-Jähriger, der von den Eltern jede Förderung bekommt und sich auch sonst wenig Sorgen machen muss, hatte es im Lockdown natürlich viel leichter als einer, der noch nicht mal ein eigenes Zimmer hat, um in Ruhe Hausaufgaben zu machen.

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Wenn Sie von Spaltung reden, über welche Zahlen­verhältnisse der beiden Gruppen reden wir da?

Grob gesagt gibt es ungefähr zwei Drittel der jungen Menschen, die den Umständen entsprechend recht gut klar­kommen. Das heißt nicht, dass es ihnen super ginge. Aber sie schaffen es robust durch die unter­schied­lichen Krisen. Bei etwa einem Drittel sind dafür die Probleme besonders groß – oft, weil sie es ohnehin schon nicht leicht im Leben haben. Das wird sich noch einmal verschärfen, wenn es durch die Folgen des Kriegs in der Ukraine wirtschaftliche Probleme in Deutschland gibt. Dann geht es eben um die Angst, überhaupt einen eigenen Platz in der Gesell­schaft zu finden.

Ist das – im Vergleich zu Sorgen wegen des Klimawandels oder wegen eines Krieges in Europa – noch immer die schlimmste Angst?

Definitiv. Sobald die wirtschaftliche Lage sich verschlechtert, sobald es steigende Arbeits­losigkeit und vor allem Jugend­arbeits­losigkeit gibt, dominiert dieses Thema. Das heißt nicht, dass dann zum Beispiel die Sorgen wegen des Klimawandels verschwinden würden – aber sie rücken dann eben etwas in den Hintergrund. Junge Menschen brauchen in wirtschaftlich rauen Zeiten ein klares Signal der Politik: „Wir lassen euch nicht allein.“

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Welche Hilfen braucht die Generation Dauerkrise gerade noch?

In diesen Tagen des Kriegsbeginns in der Ukraine ist es wichtig, dass Lehrerinnen und Lehrer in der Schule Raum geben, um über das zu sprechen, was junge Menschen vom Krieg mitbekommen. Das muss jetzt häufig Thema im Unterricht sein. Es gibt noch einen weiteren Aspekt, der wichtig ist: den der Aktivierung. Jugendliche können in ihren Schulen Solidaritäts­aktionen mit der Ukraine starten. Sie können sich für Flüchtlinge engagieren. Manchmal brauchen sie vielleicht etwas Hilfestellung von Lehrkräften oder Eltern. Aber selbst etwas zu tun ist das beste Mittel gegen Ohn­machtsgefühle.

Reagieren Mädchen und Jungen unterschiedlich auf große Krisen?

Auf den ersten Blick reagieren Mädchen und junge Frauen oft sensibler. Sie nehmen die Probleme ernster, sind ängstlicher und leiden zunächst mehr darunter. Junge Männer verdrängen solche Problemlagen häufiger. Die jungen Frauen haben dann aber in vielen Fällen den Vorteil, dass sie sich schließlich besser auf die neue Situation einstellen. In der Corona-Pandemie sind sie unterm Strich besser durch­gekommen, sowohl von der psychischen Belastung als auch von den schulischen Noten her.

Müssen die Jugendlichen, die sich im Kampf gegen den Klimawandel engagieren, sich damit abfinden, dass ihr Thema jetzt erneut in den Hinter­grund rückt? Es wurde ja bereits von der Corona-Pandemie stark aus der Öffentlichkeit verdrängt.

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Einerseits besteht diese Gefahr. Andererseits war das Problem in der Corona-Pandemie, dass die Möglichkeiten des öffentlichen Protests beschränkt waren. Diese Einschränkungen fallen hoffentlich zunehmend weg. Die jungen Frauen und Männer, die sich im Kampf gegen den Klimawandel engagieren, wissen genau, dass sich die unterschiedlichen Themen, um die es jetzt geht, gut verknüpfen lassen. Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass wir bei den erneuerbaren Energien schneller vorankommen müssen. Das werden sie jetzt wieder und wieder sagen – mit großem Recht.

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