Firmen sehen noch viele Fragen offen

Getreideexporte aus der Ukraine: Reedereien wägen noch Risiken ab

Ein Angestellter des rumänischen Getreideumschlagunternehmens Comvex überwacht die Verladung von Getreide auf ein Schiff im Schwarzmeerhafen (Symbolfoto)

Ein Angestellter des rumänischen Getreideumschlagunternehmens Comvex überwacht die Verladung von Getreide auf ein Schiff im Schwarzmeerhafen (Symbolfoto)

New York. Reedereien beeilen sich nicht gerade, Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine zu exportieren - trotz einer von Kiew und Moskau unterzeichneten Vereinbarung, für sichere Korridore im Schwarzen Meer zu sorgen. Schiffseigentümer sind vielmehr noch dabei, die Risiken einzuschätzen, die die Transporte mit sich bringen. Dazu zählen vor allem die explosiven Minen, die im Wasser treiben. Und nur Stunden nach der Unterzeichnung der Vereinbarung am Freitag schlugen russische Raketen in Odessa ein - einer von drei Häfen in der Ukraine, aus denen die Ware verschifft werden sollen.

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Ziel ist es, etwa 20 Millionen Tonnen Getreide, das wegen des am 24. Februar begonnenen russischen Angriffskrieges nicht exportiert werden konnte, ins Ausland zu bringen - namentlich in ärmere Länder, die von den Lieferungen abhängig sind. Die Vereinbarung gilt für 120 Tage - Zeit für ungefähr vier bis fünf große Massengutfrachter pro Tag, sich mit ihrer Ladung auf den Weg zu machen. Aber es sind auch 120 Tage, in denen die Dinge schief laufen können.

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Viele Reedereien haben noch Fragen zur Umsetzung

Bislang ist die von der Türkei und den Vereinten Nationen vermittelte Abmachung quasi nur Papier, viele Reedereien haben noch Fragen, wie das in der Praxis ablaufen soll. Zumal die Vereinbarung komplex ist: So enthält sie etwa auch Zusicherungen, dass Reedereien und Versicherer, die in Transporte von russischem Getreide und Düngemitteln involviert sind, nicht im Netz westlicher Sanktionen gefangen werden.

„Wir müssen sehr hart daran arbeiten, die Einzelheiten darüber zu verstehen, wie dies in der Praxis funktionieren wird“, sagt Guy Platten, Generalsekretär der International Chamber of Shipping. Sie vertritt nach eigenen Angaben nationale Vereinigungen von Schiffseigentümern, die ungefähr 80 Prozent der globalen Handelsflotte ausmachen. „Können wir die Sicherheit der Besatzungen garantieren? Was ist mit den Minen und Minenfeldern?“

Aber die Uhr tickt. Die ukrainischen Bauern müssen ihr Getreide  dringend aus dem Land bekommen, um Platz in ihren Silos für die neue Ernte zu machen. Und, noch wichtiger: Länder in Afrika, Nahost und Südasien sind von den Lieferungen abhängig, Millionen Menschen leiden bereits unter Nahrungsmittelknappheit und Hunger.

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Sicherheitsfirma: „Das Hauptrisiko werden die Minen sein“

Die Ukraine und Russland sind globale Schlüssellieferanten von Weizen, Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. In der Vereinbarung heißt es, dass beide Länder „maximale Sicherheitszusagen“ für Frachter mit dem Getreide bieten würden, die Odessa, Tschornomorsk und Juschne verlassen. „Das Hauptrisiko werden offensichtlich die Minen sein“, sagt Munro Anderson von der maritimen Sicherheitsberaterfirma Dryad. Das Unternehmen hilft Versicherern, die etwaigen Gefahren für die Frachter durch Minen einzuschätzen, die die Ukraine zur Abschreckung der russischen Angreifer im Schwarzen Meer gelegt hat.

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Michelle Wiese Bockmann ist eine Analystin bei Llodyd's List, einer auf die globale Handelsschifffahrt spezialisierten Publikation. Sie meint, dass letztendlich alles von den Unternehmen abhängt, die Kriegsrisikoversicherungen anbieten, und davon, wie viel an zusätzlichen Gebühren für Frachter auf der Schwarzmeerroute entstehen werden.

Bockmann zufolge haben Schiffe mit dieser Art von Ladung gewöhnlich 20 bis 25 Crewmitglieder an Bord. „Du kannst ihr Leben nicht aufs Spiel setzen, ohne den Schiffseigentümern und -mietern etwas Konkretes und Akzeptables zu bieten, um Getreide zu transportieren“, sagt sie.

Ukraine hofft auf Exportbeginn innerhalb von Tagen

Ukrainische Vertreter haben die Hoffnung geäußert, dass die Exporte von einem Hafen aus binnen von Tagen beginnen werden, aber sie haben auch eingeräumt, dass es zwei Wochen dauern könne, bis alle drei Häfen wieder betriebsbereit seien.

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Der Krieg hat Chaos im globalen Handel verursacht, mehr als 100 Schiffe sind in den vielen ukrainischen Häfen gestrandet. Seit dem Beginn des Krieges sitzen 22 Massengutfrachter und Transportschiffe in Odessa, Tschornomorsk und Juschne fest. Einige davon könnten weiter Besatzungen an Bord haben, die man für die ersten Getreidetransporte mobilisieren könnte.

Ukrainische Händler konnten etwas Getreide auf der Donau befördern, das hat die Exporte auf etwa 1,5 Millionen Tonnen im Mai und bis zu zwei Millionen Tonnen im Juni gebracht. Aber das ist weniger als die Hälfte der monatlichen Lieferungen von vier bis fünf Millionen Tonnen, die es vor dem Krieg gab, wie Swetlana Malysch, eine Marktanalystin bei der Finanztechnologie- und Datenfirma Refinitiv, sagt.

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Malysch: Russland hat so wenig Weizen exportiert wie seit Jahren nicht

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Laut der Vereinbarung sollen Schiffe in Richtung der drei ukrainischen Häfen von kleineren Booten durch bestimmte Korridore auf dem Schwarzen Meer geführt werden. Nach der Ankunft werden sie mit Zehntausenden Tonnen Getreide beladen und machen sich dann auf den Weg zum Bosporus, wo Vertreter der Ukraine, Russlands, der Türkei und der Vereinten Nationen an Bord kommen, um die Fracht auf Waffen hin zu inspizieren. Wahrscheinlich wird es ähnliche Inspektionen auch für Frachter auf dem Weg zur Ukraine geben.

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Das alles ist viel zu verdauen, für Schiffseigentümer, Mieter sowie Versicherer - und erklärt den langsamen Start. Im Moment, so formuliert es Platten von der International Chamber of Shipping, gebe es „viele Unsichherheiten und viele Unbekannte“.

RND/AP

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