Kommentar

Der Kriegswinter stellt die Solidarität mit der Ukraine auf die Probe

Ukrainische Soldaten stehen auf einer Straße.

Ukrainische Soldaten stehen auf einer Straße.

Es ist eine ernüchternde Parallelität: Die Meldungen aus den Kriegsgebieten in der Ukraine werden dieser Tage schlimmer und schlimmer. Russland nutzt den hereingebrochenen Winter und die Minusgrade in seinem einstigen „Bruderstaat“, um dort gezielt Strom- und Wärmeversorgung, Straßen und andere Infrastruktur zu zerstören.

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Kriegsherr Putin folgt der Taktik aus seinen früheren Militäreinsätzen wie in Tschetschenien und Syrien, die Not der Zivilbevölkerung so zu steigern, dass ihr Durchhaltewillen sinkt und ihre Bereitschaft wächst, mögliche Zugeständnisse der eigenen Regierung gegenüber dem Aggressor zuzustimmen. Das ist völkerrechtlich ein Kriegsverbrechen.

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Spenden- und Hilfsbereitschaft nehmen ab

Und auch die Brutalität nimmt zu: Der ukrainische Generalstaatsanwalt prangert eine drastische Zunahme sexueller Gewalt durch russische Soldaten an. In vier Monaten habe sich die Zahl von Vergewaltigungen und Übergriffen fast verdreifacht, alle Geschlechter und Altersklassen seien betroffen. Auch die Folter durch Putins Armee und Besatzer nehme zu, vor allem in den besetzten Gebieten.

Zugleich, und das ist die ernüchternde Gegenbewegung, ergeben Umfragen in Europa, und auch in Deutschland, dass die Solidarität mit der Ukraine abnimmt. Eine neue Studie innerhalb der gesamten Europäischen Union zeigt zum Beispiel, dass die Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten aus der Ukraine nachlässt. Vor allem in Ostdeutschland, Tschechien und Ungarn findet eine Mehrheit, dass die Unterstützung für das angegriffene Land wegen der wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen besser eingeschränkt werden sollte.

So war kurz nach dem Überfall Russlands auf seinen Nachbarn die Bereitschaft in ganz Deutschland groß, Geflüchtete aus der Ukraine auch persönlich zu unterstützen. Fast jeder dritte Deutsche konnte sich vorstellen, ukrainische Flüchtlinge vorübergehend sogar im eigenen Haushalt aufzunehmen. Dieser Wert hat sich in etwa halbiert, und auch die Spendenbereitschaft ging etwas zurück.

09.11.2022, Ukraine, Isjum: Die Schäden eines zerstörtes Krankenhauses. Foto: Deml Ondøej/CTK/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Zu Besuch in der Nordukraine: überall nur verbrannte Erde

Bewohnerinnen und Bewohnern des zerstörten Dorfs Nowoseliwka im Norden der Ukraine droht ohne Strom und Heizung der Kältetod. Der schleppende Wiederaufbau in der Nordukraine zeigt, was Menschen in der befreiten Region um Cherson blühen könnte.

Stresstest für die Solidarität mit der Ukraine

Schon warnen die Sozialforscher – und sicher nicht zu unrecht – in den nächsten Monaten komme ein Stresstest für die Solidarität mit der Ukraine auf Deutschland zu: Je länger der Krieg dauert und je spürbarer die Folgen hierzulande werden, desto mehr wird die Hilfsbereitschaft auf die Probe gestellt, Kriegsverbrechen hin oder her.

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Was zunächst nach Kaltherzigkeit klingt, ist auf den zweiten Blick zwar nicht gut, aber doch nachvollziehbar: Nun, da es auch in Westeuropa kalt wird, werden die Folgen der Energiekrise spürbar – oder es wächst angesichts der hitzigen Debatten zumindest die reale Sorge vor der kalten Wohnung. Dass die Inflation schon lange vor dem Krieg eingesetzt hatte, gerät spätestens dann in Vergessenheit, wenn sie seitdem immer weiter galoppiert – besonders an der Tankstelle und bei den Heizkosten.

Dass das Schlachten brutaler wird, erhöht schon deshalb nicht die Empathie, weil sich die Zuschauer von derlei Nachrichten abwenden – sei es aus unbewusster Überforderung oder weil sie durch die schiere Kriegsdauer abstumpfen. Was uns im Frühjahr noch schockierte, scheint nun trauriger Alltag – verbunden mit der Ahnung, dass der Westen der Ukraine ja inzwischen auch schon sehr lange beisteht. Und hatte man nicht auch gehört, dass die Ukrainer inzwischen Gelände gut machen und zunehmend selbstbewusster auftreten? Hatte der ukrainische Präsident nicht neulich viel zu lange an der Behauptung festgehalten, es seien russische Raketen in Polen eingeschlagen – obwohl der ganze Westen sie längst als ukrainische Fehlläufer bezeichnet hatte?

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Der heiße Herbst ist ausgeblieben

Es ist eine Mischung aus verständlichen menschlichen Selbstschutzreaktionen und Kriegsermüdung unter denen, die ja gar nicht die wahre Kriegslast zu tragen haben. Doch gerade letzteres müssen wir uns immer wieder klarmachen. Und es ist ja auch nicht so, dass uns der Mut und die Solidarität verlässt. Immerhin ist die Bereitschaft, explizit ukrainische Kriegsflüchtlinge aufzunehmen noch immer sehr groß und weit verbreitetet. Und in denselben Umfragen befürwortet eine Mehrheit von 40 Prozent der Europäer, die Ukraine zu unterstützen – und ist bereit, dafür auch negative Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Dabei ist es durchaus verständlich, dass das denen schwieriger erscheint, die wenig Polster aufzubrauchen haben.

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Dass die Ukrainer dem westlichen Wunsch entsprechen und sich demnächst doch noch ergeben, ist eher unwahrscheinlicher geworden, seit die Folter- und Vergewaltigungsberichte ihnen klargemacht haben, was sie unter russischer Besatzung zu befürchten haben.

Man darf auch einmal zur Kenntnis nehmen, dass der vielgefürchtete heiße Herbst mitsamt Volksaufständen gegen hohe Spritpreise ausgeblieben ist. Dazu haben sicher auch die Entlastungspakete der Bundesregierung beigetragen. Und so sehr es gilt, den Winter abzuwarten, ehe man Vernunft und Mitgefühl der Deutschen lobt: Vieles spricht dafür, dass wir das schaffen. Man kann das nur hoffen, denn dass die Ukrainer dem westlichen Wunsch entsprechen und sich demnächst doch noch ergeben, ist eher unwahrscheinlicher geworden, seit die Folter- und Vergewaltigungsberichte ihnen klargemacht haben, was sie unter russischer Besatzung zu befürchten haben.

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