Korrekt ausgedrückt

Wenn man dem konservativen Feuilleton und den sozialen Medien glaubt, ist es um die Redefreiheit in Deutschland schlecht bestellt – doch entspricht das überhaupt der Realität?

Wenn man dem konservativen Feuilleton und den sozialen Medien glaubt, ist es um die Redefreiheit in Deutschland schlecht bestellt – doch entspricht das überhaupt der Realität?

Berlin. Um die Redefreiheit in Deutschland ist es schlecht bestellt. Nichts darf man – vor allem Mann – mehr sagen, ohne den sofortigen Ausschluss aus der Gesellschaft zu riskieren. Organ der Repression ist dabei nicht der Staat, es sind selbst ernannte Moralapostel, die ihre Mitmenschen mit politisch korrekten Sprachverboten gängeln. Oder wenigstens bekommt man diesen Eindruck, wenn man dem konservativen Feuilleton, den sozialen Medien und diversen offenen Briefen und Appellen prominenter Kulturschaffender glaubt.

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Beispiele für solche Sprachverbote scheinen allerdings schwer zu finden zu sein, und so entzündet sich der Protest gegen sie oft an frei erfundenen Anlässen – wie jüngst am Kassenbon eines Supermarktes, der einen Schokoladen-Osterhasen als “Traditionshasen“ auswies. Der Supermarkt wurde einer vorauseilenden Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle von Muslimen und Musliminnen bezichtigt – vom ganz rechten Rand sogar einer “Unterwerfung“ unter den Islam. Die Osterwünsche, die in den Märkten gut sichtbar aushingen und die jede Unterwerfung auf dem Kassenbon hinfällig machten, bemerkten die Protestierenden nicht.

Auch die befürchtete Ächtung für die Verletzung der Sprachverbote bleibt in der Realität aus. Sehen wir uns drei Fälle aus den letzten Wochen an.

Von Ächtung keine Spur

Erster Fall: Die (überwiegend weiblichen) Studierenden der Berliner Alice-Salomon-Hochschule störten sich an einem Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade ihrer Universität, in dem ein männlicher Bewunderer sich an mit Blumen und Frauen geschmückten Alleen erfreut. Sie beantragten, das Gedicht durch etwas Passenderes zu ersetzen. Der Dichter und seine Tochter sahen darin Zensur und protestierten lautstark. Dafür wurden sie nicht verstoßen, sondern in Talkshows und auf Podien gefeiert. Das angeblich zensierte Gedicht wurde hundertfach in allen Zeitungen des Landes abgedruckt.

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Zweiter Fall: Die Rentnerin Marlies Krämer wollte sich nicht mehr mitgemeint fühlen, wenn ihre Sparkasse sie mit dem sogenannten generischen Maskulinum “Kunde“ ansprach. Sie forderte, als “Kundin“ bezeichnet zu werden. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband kämpfte durch mehrere gerichtliche Instanzen für sein Recht, auch in Zukunft nur die männlichen Kunden direkt anzusprechen. Statt gesellschaftlicher Ächtung erfuhr der Sparkassenverband den höchstrichterlichen Zuspruch des Bundesgerichtshofs.

Dritter Fall: Die Gleichstellungsbeauftragte des Bundesfamilienministeriums, Kristin Rose-Möhring, regte in einem internen Schreiben an, das Wort “brüderlich“ in der Nationalhymne durch das geschlechtsneutrale “couragiert“ zu ersetzen. Diese Anregung stieß auf breiten Protest im Feuilleton und den sozialen Medien. Statt für diese Uneinsichtigkeit bestraft zu werden, bekamen die Protestierenden Unterstützung von der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten, die jeden Eingriff in den Text kategorisch ablehnten.

Würden wir auch mit Männern so verfahren?

Wenn es den “politisch korrekten Moralaposteln“ um Sprachverbote ginge, müsste man ihnen also ein Scheitern auf ganzer Linie bescheinigen. Es geht ihnen aber um etwas anderes, nämlich um gegenseitigen sprachlichen Respekt und Rücksichtnahme. Das Grundprinzip der “politisch korrekten“ Sprache ist die goldene Regel der praktischen Ethik, bekannt durch das Sprichwort “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu“. Oder, auf sprachliches Handeln angewendet: “Stelle andere sprachlich nicht so dar, wie du nicht wollen würdest, dass man dich an ihrer Stelle darstelle.“

Wenn wir klären wollen, ob wir die Studentinnen einer Hochschule jeden Tag an einem Gedicht vorbeigehen lassen sollten, das sie als schmückendes Beiwerk darstellt, oder ob wir von weiblichen Sparkassenkundinnen erwarten können, sich durch das männliche “Kunde“ angesprochen zu fühlen, oder ob wir unsere weiblichen Mitbürgerinnen auffordern sollten, “brüderlich“ nach Einigkeit, Recht und Freiheit zu streben, müssen wir uns gemäß dieser Regel fragen, ob wir umgekehrt auch mit Männern so verfahren würden.

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Die Antwort auf diese Frage würde vermutlich “Nein” lauten. Sonst wäre zu erwarten, dass es wenigstens eine einzige Kreissparkasse gäbe, die männliche Kunden als “Kundin“ anspricht. Dass es, wenn schon keine Hymne, dann ein Kinderliedchen gäbe, in dem von Jungen “schwesterliches“ Verhalten erwartet wird. Dass irgendeine Physikfakultät ihre (überwiegend männlichen) Studenten täglich mit dem Text von “It’s raining men“ begrüßte.

Eine Sprache, die alle Menschen gleich behandelt

Dass wir Männer nicht so behandeln würden, wie wir es Frauen ganz selbstverständlich zumuten, bedeutet nicht, dass nun Sprachverbote erlassen werden sollten (und niemand fordert das). Es bedeutet aber, dass wir dem Sparkassenverband, dem Bundespräsidenten und der Kanzlerin und den Freunden von Poesie an Hauswänden sprachliche Doppelmoral unterstellen dürfen, und dass die Frage erlaubt sein muss, ob es für diese Ungleichbehandlung ein besseres Argument gibt als “Das haben wir schon immer so gemacht“.

Und es bedeutet, dass wir uns selbst die Frage stellen müssen, wie wir mit solchen Ungleichheiten im eigenen Sprachgebrauch umgehen. Entsprechen sie unserer Überzeugung? Dann können wir sie beibehalten, ganz im Sinne der Redefreiheit. Oder glauben wir, dass alle Menschen gleich sind? Dann sollten wir eine Sprache finden, die das zum Ausdruck bringt.

Anatol Stefanowitsch

Anatol Stefanowitsch

Zur Person: Prof. Anatol Stefanowitsch ist Sprachwissenschaftler an der FU Berlin. Sein Buch “Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“ ist im Duden-Verlag erschienen (64 Seiten, 8 Euro).

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Von Anatol Stefanowitsch

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