Großmachtspläne eines Präsidenten

Krieg ohne Grund: Ein Blick in Putins Gedankenwelt

Der russische Präsident Wladimir Putin löst einen Krieg in Europa aus – und findet dafür unter anderem in fragwürdiger Literatur Legitimation.

Der russische Präsident Wladimir Putin löst einen Krieg in Europa aus – und findet dafür unter anderem in fragwürdiger Literatur Legitimation.

Berlin. Fast eine Stunde lang sprach Russlands Präsident Wladimir Putin am Montagabend im russischen Fernsehen über die Ukraine, die Nato und den Westen. Mit dieser Rede stellt er die nach 1990 neu entstandene europäische Sicherheitsarchitektur infrage und gab Einblick in seine Gedankenwelt. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) hat dazu wichtige Fragen und Antworten zusammengestellt.

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Was war der Sinn von Putins Rede?

„Es ging Putin darum, eine Erzählung zu entwickeln, die einen Einmarsch in die Ukraine auch historisch rechtfertigt“, sagt der Osteuropahistoriker Immo Rebitschek von der Universität Jena. „Dabei folgt Putin keiner geschlossenen Ideologie, sondern er geriert sich als Historiker und Denker, der aus der Geschichte Rechtfertigungen ableitet für seine aktuelle politische Taktik, in diesem Fall die Aggression gegen einen unabhängigen Staat.“

Putin hat das Image der Sportskanone, die mit freiem Oberkörper durch Russlands Wälder reitet, Großwild jagt und riesige Fische angelt, abgelegt und eingetauscht gegen das eines geschichtssachverständigen Übervaters, der in seinem politischen Handeln die Historie ganz stark in den Vordergrund schiebt und damit alles rechtfertigt bis hin zum Krieg. Es geht Putin darum, die Ukraine von außen anzugreifen, von innen zu destabilisieren und so weit zu schwächen, dass sie erobert werden kann.

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Worauf baut Putin auf?

Zunächst auf die Erzählung der Kiewer Rus, jenes mittelalterliche altostslawischen Großreichs, das als Vorläuferstaat der heutigen Länder Russland, Ukraine und Belarus angesehen wird. Kiew war damals als Großfürstensitz das politische und kulturelle Zentrum der Rurikiden-Dynastie, eines russischen Fürstengeschlechts. Putin bezieht sich in seinen Reden auf die berühmte „Nestor-Chronik“, der zufolge der Kiewer Großfürst Wladimir im Jahr 988 unweit des heutigen Sewastopol auf der Halbinsel Krim das Christentum angenommen hat.

In einer Rede im Dezember 2014 rechtfertigte er die Annexion der Krim auch mit deren religiöser Bedeutung für Russland. Er sagte, dass die sakrale und zivilisatorische Bedeutung der Halbinsel für Russland mit der des Tempelberges für Juden und Muslime vergleichbar sei. In der antiken griechischen Siedlung Chersones auf der Krim, so Putin, habe einst die Taufe des Kiewer Großfürsten Wladimir stattgefunden, welche die Grundlage für die Christianisierung der Kiewer Rus war.

Woraus schöpft Putin?

Vor allem aus historischen Quellen. Es ist allgemein bekannt, dass er in den vergangenen Jahren viele Bücher mit geschichtlichem Hintergrund gelesen hat, darunter wohl auch Oswald Spenglers (1880 bis 1936) „Der Untergang des Abendlandes“, in dem der als geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus geltende Autor den im Grunde „natürlichen“ Abschluss einer vorausgehenden Blütezeit beschreibt.

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Petro Poroschenko, der von 2014 bis 2019 Präsident der Ukraine war, berichtete in einem Interview über ein Telefonat mit Putin im Jahr 2014. Damals habe Putin ihm gesagt, auf seinem Tisch liege „Der Untergang des Abendlands“. Er, Poroschenko, solle es sehr aufmerksam lesen.

Im selben Jahr formulierte Putin in seinen Reden „Erkenntnisse“, die immer wieder auf einen Punkt hinauslaufen: Der Westen ist von seinem christlich-abendländischen Weg abgekommen und zu einem Hort des Niedergangs, der Sünde und der Schwäche verkommen. Beispielhaft ist dabei für Putin der angebliche Aufstieg von Schwulen überall, der zu einer Diskriminierung von Anhängern traditioneller Sexualformen geführt habe.

Ein Anti-Putin-Bild bei einem Protest vor dem russischen Konsulat im türkischen Istanbul am Freitag.

Ein Anti-Putin-Bild bei einem Protest vor dem russischen Konsulat im türkischen Istanbul am Freitag.

An wem orientiert sich Putin?

Im Jahr 2005 inszenierte Putin die Heimholung des Leichnams Iwan Iljins (1883-1954) aus der Schweiz, wo dieser einst gestorben war, und dessen Beisetzung in Moskau. Der russische Philosoph Iljin spielt nach Auffassung des amerikanischen Historikers Timothy Snyder eine zentrale Rolle in Putins Denken und Handeln und wird in großen Ansprachen von Putin auch immer wieder zitiert.

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In seinem Buch „Der Weg in die Unfreiheit“ zeichnet Snyder kurz den Lebensweg Iljins als konservativen Monarchisten und Gegner des Bolschewismus nach, dessen Ansichten über die Gesellschaftsorganisation in Russland großen Einfluss auf russische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts hatte.

So habe Iljin schon Ende der 1930er-Jahre in Vorlesungen die Auffassung vertreten, dass „der dekadente Westen dem unschuldigen Russland den Kommunismus aufgebürdet“ habe. „Eines Tages werde Russland sich selbst und auch andere durch den christlichen Faschismus befreien“, heißt es bei Snyder.

Iljin beschreibt Politik als „die Kunst, den Feind zu identifizieren und zu neutralisieren“. In seinem Aufsatz „Über den russischen Nationalismus“ schreibt Iljin, der Erlöser habe die Pflicht, Kriege zu führen, und das Recht, zu bestimmen, gegen wen. Krieg sei gerechtfertigt, wenn „die spirituellen Errungenschaften der Nation bedroht sind“. Es sieht so aus, als würde Putin sich davon leiten lassen und danach handeln.

Was hat Putin gegen die Ukraine?

In seiner Rede am Montagabend goss Putin über die heutige Ukraine einen Kübel Dreck aus und ließ dabei seine völkischen Ansichten durchblicken. Er sagte, er wolle das Land von einem westlichen Marionettenregime befreien und „entnazifizieren“. „Nach Putins Worten ist die Ukraine, wie sie seit 1991 als Staat existiert, eine schlechte westliche Imitation, die nicht mehr dem Wesen der kulturellen, spirituellen und blutsverwandten Nähe zur russländischen Völkerschaft entspricht“, sagt der Historiker Immo Rebitschek.

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Die Entwicklung in der Ukraine, insbesondere seit 2014, widerspricht nach Putins Ansicht dem Geist des russischen Mutterlandes. „Das entspricht dann auch seinem Politikverständnis, dass der gesamte historische Raum, zu dem er Russland, die Ukraine und Belarus zählt, letztlich nicht für die liberale Demokratie geschaffen ist“, so Rebitschek.

Putin legitimere damit auch seine Ein-Personen-Herrschaft, das Putin-Syndikat, als das einzig mögliche Modell für Russland. Und diesem Modell entspricht die Ukraine nicht mehr, allein schon deshalb, weil sie durch mehrere Wahlen inzwischen verschiedene Präsidenten und Parlamente erlebt hat. „Das fügt Putin in die große Erzählung ein, dass dies nicht nur seinem Willen nicht entspricht, sondern auch nicht dem Willen der Russen und Ukrainer.“

Die Ukraine habe nach Putins Geschichtsverständnis immer zu Russland gehört und sei nur 1922 durch Lenins falsche Nationalitätenpolitik überhaupt eine eigenständige Sowjetrepublik geworden. Rebitschek: „Dabei unterschlägt er die ukrainische Nationalbewegung ebenso wie die Tatsache, dass schon 1917 im Zuge der Februarrevolution aus dieser Bewegung eine erste ukrainische Republik hervorgegangen war, die dann im Zuge des Bürgerkriegs wieder verschwand.“

Was will Putin mit dem Krieg erreichen?

Es sind verschiedene Szenarien möglich, wobei die meisten Beobachter nicht von einer gewollten dauerhaften Okkupation der Ukraine durch russische Truppen ausgehen. Auf die Frage des RND, ob Putin es auf die Einnahme Kiews abgesehen habe, mit dem Ziel, eine moskaufreundliche Marionettenregierung einzusetzen, antwortete der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk am Donnerstag: „All solche Szenarien sind möglich. Aber daran möchten wir gar nicht denken, denn wir geben unser Land nicht auf.“

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Die Ukrainer wehren sich standhaft, aber Putin hat auch keinen Zweifel daran gelassen, dass er mit seiner militärischen Übermacht den Widerstandswillen brechen will, und zugleich die Schuld für das Blutvergießen Kiew zugeschoben, weil die „russisch-ukrainische Bruderschaft“ durch die Andienung an den Westen zerstört worden sei.

Donnerstagmittag hieß es, die ersten russischen Truppen hätten Kiew erreicht. Die von Putin ausgestoßene Drohung gegen den Westen, wenn dieser sich einmische, geschehe Schlimmes, wie man es noch nie erlebt habe, hat nicht nur Melnyk als eine Drohung mit Nuklearwaffen verstanden. Inwieweit die seit Monaten von der Ukraine auch gegenüber Deutschland geforderten Waffenlieferungen jetzt noch helfen können, das steht auch für Botschafter Melnyk „in den Sternen“.

Was kommt danach?

Sowohl im Westen als auch in den an Russland angrenzenden EU- und Nato-Ländern besteht Sorge, dass Putins Machthunger mit der Einnahme der Ukraine nicht restlos gestillt ist. Dabei erscheint besonders das Baltikum mit seinen vergleichsweise kleinen Ländern Litauen, Lettland und Estland gefährdet, die selbst auch bis 1990 Teil der Sowjetunion waren.

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„Wir haben die Möglichkeit einer russischen Aggression gegenüber den Nachbarn nie ausgeschlossen und uns immer vorbereitet“, sagte Litauens Botschafter Ramunas Misiulis dem RND. „Als Nato-Mitglied fühlen wir uns zwar sicher, aber angesichts der Ereignisse halten wir es für notwendig, nicht nur die Sicherheit der baltischen Länder, sondern Gesamteuropas zu stärken“, so der Botschafter.

Litauen hat seit Donnerstag den Ausnahmezustand verhängt und um Konsultationen der Nato nach Artikel 4 gebeten. Diesen Artikel nutzen Mitgliedsstaaten, die sich von einem Staat oder einer Terrororganisation bedroht fühlen. Die mittlerweile 30 Nato-Mitgliedsstaaten nehmen auf Antrag des bedrohten Mitglieds dann förmliche Konsultationen auf. Es wird beraten, ob eine Bedrohung besteht und wie ihr begegnet werden kann.

Auch in Polen betrachtet man die Entwicklung höchst besorgt. Das Land, das Grenzen zu Russland, zur russischen Exklave Kaliningrad, zu Belarus und zur Ukraine hat, ist in der Geschichte mehrfach Spielball großrussischer und deutscher Interessen gewesen bis hin zum Totalverlust seiner Staatlichkeit nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939.

Vor einem knappen Jahr sagte der polnische Botschafter Andrzej Przylebski im RND-Interview: „Wir Polen haben eine leidvolle Geschichte mit den beiden Nachbarn Deutschland und Russland hinter uns. Und wir haben keine Lust, in dieser Hinsicht weitere Erfahrungen zu sammeln. Es gibt bei uns eine große Affinität zu Russland, die Polen singen russische Lieder, gucken sich gern russische Filme an, aber wir sind auch bereit, notfalls gegen sie zu kämpfen.“

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