Lesbos: “Das ist kein neues Camp, das ist ein neues Gefängnis”

Viele Migranten lehnen den Einzug in das Ersatzlager auf Lesbos ab – sie fürchten um ihre Freiheit.

Viele Migranten lehnen den Einzug in das Ersatzlager auf Lesbos ab – sie fürchten um ihre Freiheit.

Mytilene. Dutzende Zelte stehen bereits. Asylbeamte durchblättern am überdachten Eingang Listen. Doch nur wenige jener Menschen, deren Namen darauf verzeichnet sind, tauchen am neuen Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos auf.

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Fünf Nächte ist es an diesem Sonntagnachmittag her, dass das berüchtigte Lager Moria in Flammen stand. Seitdem harren die Flüchtlinge im Freien aus. Einige konnten ihre Matratzen vor dem mutmaßlich von Migranten gelegten Feuer retten.

Die meisten aber schlafen auf Kartons, über dem Kopf oft nichts als eine auf Bambusrohren gespannte Plane. Es gibt keinen Strom, zu wenig zu trinken und zu essen – und dennoch ziehen es die meisten der rund 13.000 Asylsuchenden am Sonntag vor, weiter auf der Landstraße in Richtung der Inselhauptstadt Mytilini auszuharren, als sich im neuen Lager einzufinden.

Polizei und Militär treiben die Flüchtlinge in die Nähe des Ersatzlagers in Kara Tepe.

Polizei und Militär treiben die Flüchtlinge in die Nähe des Ersatzlagers in Kara Tepe.

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“Das ist kein neues Camp, das ist ein neues Gefängnis”, hatte tags zuvor Abdul Kefe gesagt und auf die vielen Soldaten hinter dem stacheldrahtbewehrten Zaun gezeigt. “Wir sind doch nicht vor Assads Armee geflüchtet, um uns hier von Soldaten einpferchen zu lassen”, so der 24-jährige Syrer, ein Geograf aus Aleppo.

Er und sein Freund Omar Almkhiebel sind in der prallen Sonne den weiten Weg in den Nachbarort gelaufen, um Brot im Supermarkt zu kaufen. “Fünf Fladen für 4,50 Euro”, sagt Almkhiebel. “Ich bin Jurist, ich weiß, was Unrecht ist”, ergänzt er. “Das hier”, Almkhiebel zeigt auf das neue Lager, “ist Unrecht”.

Abdul Kefe (links) und Omar Almkhiebel.

Abdul Kefe (links) und Omar Almkhiebel.

Man verabredet sich für den Sonntag. Aber ein Treffen ist dann doch nicht möglich. Die Polizei lässt keine Presse mehr zu den Migranten. Die Landstraße, auf der auch die zwei Syrer mit ihren Familien sind, ist von beiden Seiten abgeriegelt.

Zwischen den Absperrungen versuchen Mitarbeiter des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, Helfer und Behördenmitarbeiter, die Geflüchteten von einem Umzug ins neue Lager zu überzeugen; unweit des früheren Lagers, im Ort Kara Tepe. Doch angesichts zahlreicher Absichtsbekundungen der griechischen Regierung, auf den ostägäischen Inseln geschlossene Flüchtlingslager zu bauen, überwiegt bei den Menschen die Angst.

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“Sie fürchten, für immer auf Lesbos bleiben zu müssen”, sagt ein Arzt der Hilfsorganisation Médecins du Monde. Dann eilt er zu einem Einsatz in einen Park der Hauptstadt Mytilene, wo eine Frau mit einem Neugeborenen ausharrt. Sie will nicht ins neue Lager. Die Ärzte konnten der Polizei abverhandeln, dass die Frau mit dem Säugling ins wilde Quartier durchgelassen wird.

Die Versorgungs- und Sicherheitslage dort ist miserabel. Die vom Militär verteilten Lebensmittel reichen bei Weitem nicht. Die Menschen betteln um Wasser. Werden – was selten vorkommt – Hilfsorganisationen von der Polizei durchgelassen, um Lebensmittel auszuteilen, ist der Andrang immens, es kommt zu Schlägereien. Überdies geht die Polizei mit großer Härte gegen Migranten vor.

Zu dramatischen Szenen kam es am Samstagmittag, als die Polizei gezielt einzelne Männer aus der Menge herausgriff und abführte. Umstehende Menschen protestierten, es folgten heftige Zusammenstöße. Die Polizei warf Tränengaskartuschen in die Menge – in unmittelbarer Nähe von Verschlägen, in denen Familien hausen. Dabei erlitt mindestens ein kleines Kind chemische Verbrennungen, ein Mädchen aus Syrien.

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Doch auch unter den Migranten ist die Atmosphäre extrem angespannt. Nach Informationen des RND kam es wiederholt zu blutigen Auseinandersetzungen. Übereinstimmenden Schilderungen zufolge versuchten vornehmlich afghanische Flüchtlinge, Araber und Afrikaner mit Gewalt am Umzug ins neue Lager zu hindern. Dort kamen am Sonntagmorgen Syrer mit frischen Schnittwunden an.

Die rechtskonservative griechische Regierung bekräftigt derweil ihre harte Haltung im Umgang mit den Flüchtlingen. Täglich schickt sie weitere Polizisten und gepanzerte Fahrzeuge nach Lesbos. Am Sonntag reisten zwei Minister an. Wer sich dem Transfer ins neue Lager verweigert, verwirke seine Chance auf eine Ausreise nach Athen, sagte der stellvertretende Migrationsminister Notis Mitarakis. Bürgerschutzminister Michalis Chrysohoidis richtete sich mit einer Warnung an die gewaltbereiten Migranten auf der Landstraße. Griechenland sei ein starker Rechtsstaat und werde die Aufwiegler zur Verantwortung ziehen. “Das wird Folgen haben”, sagte er, ohne konkret zu werden.

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Blick in die Türkei - Blick zurück

Die neue Zeltsiedlung liegt direkt am Meer, am Horizont zeichnet sich die Küstenlinie der Türkei klar ab. Womöglich ist die offenkundige Nähe zur vorherigen Station einer oft langjährigen, gefährlichen Odyssee ein Grund für die Ablehnung vieler gegenüber dem Ersatzlager. Gewiss aber speist sich die Sorge der Flüchtlinge vor dem Einzug in das beengte Behelfsquartier auch vor dem Coronavirus.

Gleich hinter dem Eingang hat das UNHCR eine Station für Corona-Schnelltests aufgebaut. Unter den rund 300 am Samstag ins neue Lager verlegten Flüchtlingen wurden sieben positiv getestet, darunter fünf bisher unbekannte Fälle. Die Betroffenen seien isoliert worden, hieß es. Am Samstag wurde ein erst 20 Tage altes, mit dem Virus infiziertes Baby mit seiner Mutter nach Athen geflogen. Dem Brand im Lager Moria ging die Verordnung einer Quarantäne für alle Bewohner voraus, nachdem bei 35 Menschen das Virus nachgewiesen worden war.

Hat Athen einen Plan?

Nichtsdestotrotz zeigte sich Vizemigrationsminister Mitarakis am Sonntag zuversichtlich, dass die Menschen ins neue Lager einziehen werden. “Alle Asylbewerber, die zurzeit auf dieser Insel sind, werden in diese vorläufige Unterkunft gebracht”, sagte er. Mehrfach betonte der konservative Politiker, dass es sich bei dem neuen Lager um eine Übergangslösung handle. Gefragt nach dem langfristigen Plan seiner Regierung, wich er aus. “In dieser Woche geht es nicht primär um die langfristige Planung. Darum geht es dann nächste Woche.”

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Die konservative Athener Regierung liegt mit der konservativen Inselverwaltung im Streit. Die lokale Politik fordert die Schließung aller Flüchtlingslager auf der Insel und die sofortige Verlegung aller Asylbewerber aufs Festland. Wie die Flüchtlinge, lehnen auch die Einheimischen ein zweites Moria ab.

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