Moria: Feindschaft nach den Flammen

Migranten demonstrieren während eines Protestes nach den Nachrichten über die Schaffung eines neuen provisorischen Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos.

Migranten demonstrieren während eines Protestes nach den Nachrichten über die Schaffung eines neuen provisorischen Flüchtlingslagers auf der Insel Lesbos.

Lesbos. Zwei Lastwagen und eine Planiermaschine versperren die Landstraße am Dorfrand von Moria. Auf der Leitplanke sitzt Ignatios Moisis mit verschränkten Armen, neben ihm flattert eine kleine griechische Fahne im Wind.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

“In der Nacht zu Mittwoch konnten wir erstmals seit fünf Jahren in Ruhe schlafen”, sagt er. Die Nacht, in der nur ein paar Hundert Meter weiter das größte Flüchtlingslager Europas abbrannte? “Ja”, sagt Moisis. “In dieser Nacht mussten wir nicht um unser Hab und Gut und unsere Sicherheit fürchten. Die Flüchtlinge waren mit anderem beschäftigt.”

Moisis und die Einwohner von Moria, die Morioten, gehen buchstäblich auf die Barrikaden. Im Schichtdienst blockieren sie die Straßen um ihr Dorf auf Lesbos, Tag und Nacht. Die Einheimischen wollen das griechische Militär an der Errichtung von Notunterkünften für die mehr als 13.000 Geflüchteten hindern, die jetzt, da das Lager in Schutt und Asche liegt, obdachlos sind. Ganz in der Nähe lagert die Armee Baumaschinen.

“Wir sind die letzte Verteidigungslinie”

Die Morioten sind fest entschlossen, sich den Soldaten in den Weg zu stellen. “Wir sind die letzte Verteidigungslinie”, sagt Moisis. Seine Mitstreiter rufen: “Die Migranten sollen hier weg.”

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Fünf Kilometer weiter südlich, auf der Küstenstraße in Richtung der Inselhauptstadt Mytilini, hockt Frances Mutemba im Schatten der großen, quer geparkten Mannschaftsbusse der Polizei. Auch hier wieder eine Straßensperre, die Polizei hindert die Flüchtlinge am Gang in die Stadt und an den Hafen. “Die Griechen behandeln uns wie Tiere”, sagt der junge Mann aus dem Kongo.

Um ihn herum schaffen die Flüchtlinge an diesem Freitagnachmittag Bambusrohre aus einem nahe gelegenen Feld heran, stellen die Halme auf den Asphalt und bedecken sie mit Blättern und Planen, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen. Ein Provisorium nach dem Provisorium. “Wir haben Hunger, wir haben Durst”, sagt Mutemba. “Wir wollen hier weg.”

Der Satz ist wenig später auch auf Pappschildern zu lesen, während der ersten Spontandemonstration der Flüchtlinge nach dem Brand. Nach Tagen der Lethargie ist bei manch einem vorsichtige Zuversicht zu spüren. Meher Ali Ahmadi, ein junger Mann aus Afghanistan, fragt: “Stimmt es, dass Deutschland Flüchtlinge aus Lesbos aufnehmen wird? Die Leute reden hier drüber.”

Hilfsbedürftiger denn je

Bloß raus aus Lesbos – Einheimische und Geflüchtete fordern dasselbe. Doch ein gemeinsames Ziel macht aus ihnen noch keine Verbündeten. Im Gegenteil: Die Flammen von Moria haben eine tiefe Feindseligkeit zwischen den Bewohnern der Insel entfacht. Viele Flüchtlinge besitzen nichts mehr als die Kleidung, die sie tragen. Sie sind hilfsbedürftiger denn je – was bei vielen Einheimischen die Angst vor Plünderungen und Gewalt weckt. Die Lage spitzt sich rasch zu. Und das massive Aufgebot an Sicherheitskräften bestärkt Flüchtlinge wie Einheimische in der Befürchtung, eine Eskalation stehe unmittelbar bevor.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Polizei und Armee werden per Schiff und Flugzeug auf die Insel gebracht. Die Sicherheitskräfte postieren sich an zahlreichen Straßen und Kreuzungen – Schutzhelm, Schild und Gasmaske in greifbarer Nähe. Eine bange Frage treibt die Insel um. Wen sollen die Sicherheitskräfte eigentlich in Schach halten: die Flüchtlinge in ihrem dringenden Willen, die Insel zu verlassen? Oder die Einheimischen in ihrem Protest gegen die Errichtung neuer Flüchtlingsunterkünfte?

“Kein Dorf hier auf der Insel will ein zweites Moria werden”, sagt Marianthi Makri von der Bürgerwehr aus Moria. “Heute verbrennen die Flüchtlinge unsere Erde – und morgen unsere Häuser?” Sie klingt dabei nicht hasserfüllt, eher verbittert.

Und plötzlich saßen Zehntausende Migranten fest

Als im Sommer 2015 Nacht für Nacht Schlauchboote mit Flüchtlingen die Küste von Lesbos erreichten, war die Hilfsbereitschaft der Einheimischen groß. Sie gaben den Neuankömmlingen zu essen und zu trinken, teilten ihre Kleidung mit ihnen – und wünschten eine gute Weiterreise. Schließlich wollten die Migranten nicht auf Lesbos bleiben, sondern zogen weiter aufs griechische Festland und von dort nach Deutschland, Frankreich oder Schweden.

Doch dann riegelte entlang der Route ein Land nach dem anderen seine Grenzen ab und Zehntausende Flüchtlinge saßen in Griechenland fest. Als dann auch noch die griechische Regierung keine Fähren mehr zu den Inseln schickte, um Flüchtlinge aufs Festland zu bringen, obwohl dort immer noch Menschen in Booten anlandeten, schlug die Hilfsbereitschaft der Einheimischen in Frust und Resignation um.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

“Wir waren früher eine andere Gesellschaft”, sagt Makri. Die Lehrerin beginnt zu erzählen, welcher Riss die Inselgesellschaft durchzieht: hier die vielen, die keine Flüchtlinge wollen – dort die wenigen, die immer noch helfen.

Die Einheimischen in Moria gehen auf die Barrikaden.

Die Einheimischen in Moria gehen auf die Barrikaden.

Doch ihre Schilderungen enden jäh, als ein paar aufgebrachte Männer hinzutreten und mit der Androhung von Gewalt gegen die Presse ein Ende des Interviews erzwingen. “Ihr Presseleute schreibt immer bloß über die armen Flüchtlinge. Keiner fragt, wie es uns geht”, klagt einer von ihnen. Ein Gesprächsangebot lehnt er ab.

Athen will keine Evakuierung aus Lesbos

Entgegen den Forderungen von Einheimischen und Geflüchteten erwägt die griechische Regierung keine Evakuierung aus Lesbos. Man wolle sich nicht erpressen lassen, heißt es aus Athen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Der Brand in Moria wurde von Flüchtlingen gelegt, darin ist sich die rechtskonservative Regierung von Premier Kyriakos Mitsotakis sicher. Die kleineren Brandstiftungen der vergangenen Tage bestärken sie in ihrem Verdacht, dass es sich um eine mutwillige Aktion gehandelt habe. Am Freitag ließ sie Zelte einfliegen, für den Bau eines Ausweichquartiers.

Das einstige Lager gleicht einer apokalyptischen Ruinenlandschaft. Die Container im eigentlichen Hotspot, wo besonders Schutzbedürftige und die Verwaltung untergekommen waren, sind ausgebrannt. Ringsum in den Olivenhainen nichts als Trümmer. Verkohlte Schüsseln, angesengte Schnuller, Nägel, wo Zeltplanen in den Boden eingeschlagen waren. Doch kaum jemand unter den Flüchtlingen scheint den Verlust von Moria zu betrauern.

“Das war kein Zuhause”, sagt Sabah Hege im Schatten eines Olivenbaums. “Wir hatten vorher nichts, jetzt haben wir weniger.” Die junge Frau aus Syrien will zu ihrem Ehemann nach München. Ihr Antrag sei bewilligt, sagt sie. Doch weil auch die Büros der Asylbearbeiter dem Brand zum Opfer fielen, fürchtet sie nun, dass es bei der Bereitstellung nötiger Papiere Probleme geben könnte.

Die Angst vor Corona

Die Ungewissheit sei jetzt größer als zuvor, sagt Sabah Hege, und auch die Angst. Wovor? “Corona”, antworten die Frauen, mit denen sie sich eine Decke teilt. Hege selbst antwortet mit einer Geste: Sie ballt die Faust und lässt sie fallen, ein zustechendes Messer.

Sabah Hege (Mitte) ist eine von vielen alleinreisenden Frauen in Moria. Sie möchte zu ihrem Partner nach München.

Sabah Hege (Mitte) ist eine von vielen alleinreisenden Frauen in Moria. Sie möchte zu ihrem Partner nach München.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

Entlang der Straße zum einstigen Lager sitzen die Menschen in der prallen Sonne, darunter Kranke, Schwangere und Verletzte. Zwei Männer liegen auf einer Verkehrsinsel, mit offenen Wunden an den Beinen. Einer aus der Gruppe der Syrer erzählt, die Männer hätten sich die Verletzungen auf der Flucht vor den Flammen zugezogen. Sie hätten hinter stacheldrahtbewehrten Zäunen in Abschiebehaft gesessen, seit Monaten. Als das Feuer ausbrach, sei ihnen niemand zu Hilfe gekommen.

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Spotify Ltd., der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Immer wieder sind Menschen mit frischen Brandwunden anzutreffen, oft Kinder. Dabei gibt es den Behörden zufolge eigentlich keine Verletzten und auch keine Toten. Eine mit der Verwaltung des Lagers vertraute Person erklärt jedoch, dass es schon lange erhebliche Mängel bei der Registrierung der Geflüchteten gegeben habe. So sei die offizielle Zahl von 13.000 Bewohnern zu nie­drig bemessen. “Seit dem Brand arbeitet die Moria-Bürokratie gewiss nicht sorgfältiger als zuvor – niemand weiß, wie viele Verletzte es gibt.”

Hilflosigkeit der Helfer

Helfer sind in diesen Tagen kaum zu sehen. Die Nichtregierungsorganisationen haben ihr Engagement zurückgefahren. Wegen Corona, aber auch wegen der Anfeindungen aus der Bevölkerung. Die Mitarbeiter vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen sind nur noch mit Polizeischutz unterwegs.

Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige

In einem unscheinbaren, stark abgesicherten Bau in der Inselhauptstadt Mytilini hat Astrid Castelein ihr Büro, die Leiterin des UNHCR auf der Insel. Sie ist um Zuversicht bemüht. “Es kommt was in Bewegung, der Transfer von 400 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aufs griechische Festland ist ein wichtiger Schritt”, sagt sie zuversichtlich.

Kann denn aber angesichts der blanken Not da draußen wirklich nicht mehr getan werden? Castelein zeigt auf eine Karte an ihrer Wand, den Grundriss eines Lagers nahe dem abgebrannten Moria. “Wir haben dort 50 leere Container, in denen besonders gefährdete Menschen sofort Schutz finden könnten”, sagt sie. Um aber in ihnen Menschen unterbringen zu können, braucht sie das Einverständnis des Bürgermeisters.

“Ich rufe ständig bei ihm an”, sagt Castelein. “Aber er hebt nicht ab.”

Mehr aus Politik

 
 
 
 
 
Anzeige
Anzeige
Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Outbrain UK Ltd, der den Artikel ergänzt. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen.

 

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unseren Datenschutzhinweisen.

Letzte Meldungen