Kompliziertes Verhältnis von Insel zu Insel

Nach dem Tod der Queen: Australien diskutiert über seine nationale Identität

Canberra, Australien: Hinter einer Statue von Queen Elisabeth II. weht die australische Flagge auf halbmast (Archivbild).

Canberra, Australien: Hinter einer Statue von Queen Elisabeth II. weht die australische Flagge auf halbmast (Archivbild).

Sydney. Als die Nachricht vom Tod von Königin Elizabeth II. um die Welt ging, war es in Australien mitten in der Nacht. Kaum erwacht, reagierte die frühere britische Kolonie mit einer sorgfältigen, seit Langem vorbereiteten Routine. Doch bereits innerhalb der ersten 24 Stunden zeigten sich erste Risse im perfekten Bild. Denn nach dem ersten Schock der Todesnachricht begann so mancher, die nationale Identität des Landes infrage zu stellen.

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Die konträren Gefühle, die sich in der australischen Psyche abspielen, wurden kurz nach dem Tod der Queen während eines im Fernsehen übertragenen Fußballspiels deutlich. Dabei zollten die Spielerinnen den indigenen Eigentümern des Landes Anerkennung. Doch unmittelbar danach folgte eine Schweigeminute für die Königin, die 70 Jahre lang das Staatsoberhaupt Australiens gewesen war. Respekt den Ureinwohnern zu zeigen versus eine Hommage an die Monarchin, deren Vorgänger den Aborigines einst ihr Land weggenommen hatten – dieser Widerspruch blieb vielen nicht verborgen.

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Doch wer erwartete, das dies im Nachgang eine Republik­debatte auslösen würde, der hat sich bisher zumindest getäuscht. Als der Parteichef der Grünen Partei als einer der wenigen die Thematik ansprach, wurde er mit Kritik aus allen Lagern überhäuft. Premierminister Anthony Albanese lehnt es aus Respekt ab, unmittelbar nach dem Tod der Queen in die Republikfrage verwickelt zu werden. Selbst der dafür zuständige Minister, Matt Thistle­thwaite, hüllt sich in Schweigen.

Der Inbegriff des Klassensystems

Warum es für ein Land wie Australien, das 17.000 Kilometer von London entfernt liegt, durchaus Sinn machen würde, sich von der britischen Monarchie zu lösen, hat Peter FitzSimons, ein australischer Journalist und lautstarker Republik­befürworter, bereits stimmig in Worte gefasst: „Weil reife Nationen keinen Ausländer als Staatsoberhaupt haben“, erklärte er in einem Twitter-Post. „Und weil es ein bisschen seltsam für eine Nation ist, die stolz darauf ist, egalitär zu sein, wenn der Inbegriff des Klassensystems über ihr herrscht.“

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Queen Elizabeth II., die Australien insgesamt 16-mal besuchte, respektierte stets, dass das Land ein Recht auf Selbstbestimmung hat. Während ihrer Regierungszeit wurde der sogenannte Australia Act 1986 verabschiedet. Damit wurden die meisten Möglichkeiten eliminiert, über die sich das Vereinigte Königreich in die politischen Geschäfte Australiens einmischen konnte. Die Königin unterstützte auch das Recht der Australier, eine völlig unabhängige Nation zu werden. Während eines ersten Republik-Referendums im Jahr 1999 sagte sie, sie habe immer deutlich gemacht, dass die Zukunft der Monarchie in Australien eine Angelegenheit sei, die das australische Volk für sich entscheiden müsse – mit demokratischen und rechts­staatlichen Mitteln.

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Kein Appetit, die Nabelschnur nach London zu trennen

Der Volksentscheid 1999 erwies sich als fruchtlos: Eine Mehrheit stimmte für den Verbleib bei der britischen Mutter. Auch jetzt – über 20 Jahre später – scheint der Appetit darauf, die Nabelschnur nach London durchzuschneiden, nicht außerordentlich groß. Eine aktuelle SMS-Umfrage des Marktforschungs­unternehmens Roy Morgan Research ergab, dass 60 Prozent nach wie vor die Bindung zur britischen Monarchie favorisieren. Nur 40 Prozent befürworten einen Wechsel der Staatsform zur Republik und einen gewählten Präsidenten als Staatsoberhaupt. Laut der Politikexpertin Michelle Grattan liegt dies an der australischen Denkweise: „Wenn etwas nicht kaputt ist, dann repariere es auch nicht.“ In gewisser Weise seien die Menschen „apathisch“ geworden, urteilte sie in einem Meinungsstück.

Tausende Trauernde: 24 Stunden Wartezeit für Abschied der Queen

Der Andrang zum Abschied am Sarg von Queen Elizabeth II. reißt nicht ab. Tausende Trauernde harrten entlang der Themse in London über mehrere Kilometer aus.

Eine ähnlich lustlose Reaktion auf die Republikdebatte kam bisher aus Neuseeland. Auch dort löste der Tod der Königin keine wirklich kritische Auseinandersetzung mit der konstitutionellen Zukunft des Landes aus. Ganz im Gegenteil sogar: So deutete Permier­ministerin Jacinda Ardern an, dass die Bindung des Landes zur königlichen Familie unter Charles III. sogar „nochmals enger“ werden könnte. Sollte sich dies bewahrheiten, würde Neuseeland „an der Spitze der kolonialen Loyalität“ thronen, wie der neuseeländische Politikprofessor Richard Shaw im akademischen Magazin „The Conversation“ schrieb.

Der „Kitt“ des Commonwealth

Im Vergleich dazu hat die australische Republik­debatte vermutlich auf lange Sicht gesehen deutlich mehr Chancen. Doch bevor es zu einem Referendum über die australische Staatsform kommen könnte, steht ein Volksentscheid über eine sogenannte „indigene Stimme“ im Parlament an. Diese soll den Ureinwohnern ein Mitspracherecht bei Themen geben, die sie betreffen. Premierminister Albanese hat mehrmals betont, dass diese Anerkennung der Ureinwohner während seiner ersten dreijährigen Amtsperiode Vorrang vor allem anderen hat.

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Ein weiterer Faktor, der mitschwingt, ist die Bindung an den Commonwealth. Königin Elizabeth II. war eine unermüdliche Fürsprecherin und Unterstützerin des Staatenverbundes, der aus dem einstigen British Empire hervorgegangen ist. In ihren sieben Jahrzehnten auf dem Thron besuchte die Queen fast alle der 56 Länder der Gruppe, obwohl am Ende nur noch 14 sie als Staatsoberhaupt anerkannten, darunter fünf in der Pazifikregion. Neben Australien und Neuseeland sind dies Papua-Neuguinea, die Salomonen und Tuvalu. „Einigkeit (...) ist der Kitt, der die Mitglieder einer Familie, eines Landes, eines Commonwealth zusammenhält“, soll sie 1997 einst gesagt haben. Sie nahm deswegen an fast allen Treffen der Regierungschefs des Commonwealth teil und verbrachte Hunderte Stunden damit, Staats­oberhäupter aus der ganzen Welt zu begrüßen und Beziehungen zu pflegen.

Eine Gelegenheit zur Beziehungspflege bietet nicht zuletzt die Beerdigung der Monarchin. Auch Premier Albanese macht sich dies zunutze. In Absprache mit Neuseeland hat er den anderen pazifischen Regierungs­chefs einen Platz in seinem Regierungs­flugzeug angeboten. Damit zeigt die pazifische Fraktion gemeinsame Front – etwas, das politische Beobachter anlässlich des wachsenden chinesischen Einflusses in der Region begrüßten.

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