Olympia in China: die (un)politischen Spiele

Sportbegeisterte fahren Schlittschuh neben dem „Nest“ genannten Nationalstadion in Peking.

Sportbegeisterte fahren Schlittschuh neben dem „Nest“ genannten Nationalstadion in Peking.

Peking/ Yanqing. Wer die Olympischen Winterspiele innerhalb Chinas verfolgt, der meint manchmal, einem perfekt funktionierenden Schweizer Uhrwerk zuzuschauen: Alles läuft auf Spur, nichts kann die Pläne der Organisatoren durcheinanderbringen. Und nun hat auch Chinas mächtiger Staatschef Xi Jinping dem olympischen Großereignis seinen Segen gegeben: „Wir werden keine Mühen scheuen, der Welt großartige Spiele zu präsentieren. Die Welt richtet ihre Augen auf China, und China ist bereit“, sagte Xi bei seiner Neujahrsansprache im holzvertäfelten Arbeitszimmer.

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Dabei wird wohl kaum ein anderes Sportereignis aus der jüngeren Geschichte kontroverser debattiert als die Olympischen Winterspiele in Peking. Während sie innerhalb der eigenen Landesgrenzen längst als endgültige Krönung einer aufstrebenden Weltmacht zelebriert werden, geht es im internationalen Diskurs vor allem um Chinas Menschenrechtsverbrechen und einen möglichen Boykott. Egal, wie man es dreht und wendet: Peking 2022 legt schonungslos die Gräben auf, die zwischen China und dem Westen auseinanderklaffen.

Olympia-Ort Yanqing: weit und breit kein Naturschnee

Keine zwei Stunden braucht es, um vom Pekinger Stadtzentrum ins umliegende Gebirge zu gelangen. Die Fahrt nach Yanqing, eine der Austragungsstätten, führt zunächst vorbei an Apartmentsiedlungen, die allmählich kargen Feldern und schließlich schroffen Bergen weichen. Die Landschaft ist atemberaubend schön, die Temperaturen sibirisch kalt und der Himmel blau wie aus einem Malkasten.

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Und dennoch mag sich klassische Wintersportstimmung nicht so recht einstellen: Denn auch wenn Yanqing in den Fernsehberichten des Staatsfernsehens als weißes Winterwunderland porträtiert wird, ist in der Realität weit und breit kein Naturschnee zu sehen. Ganz im Gegenteil: Die Berghänge sind derart karg und trocken, dass man bei der ariden Landschaft das Gefühl hat, durch einen bräunlichen Retro-Filter zu blicken.

Für Abhilfe sorgen etliche Schneekanonen, die bereits seit November auf Hochtouren laufen. Zehn Liter pro Sekunde sprühen sie in die Luft, das Wasser wird von umliegenden Stauseen Hunderte Meter in die Berge hochgeleitet. Allein für die alpine Skipiste werden davon wohl umgerechnet eine Million Kubikmeter benötigt. Dass die Organisatoren dennoch von den „grünsten“ Spielen in der olympischen Geschichte sprechen, hat vor allem mit der Energiegewinnung zu tun: Der Strom soll ausschließlich aus nachhaltigen Quellen stammen. Dass die alpinen Skipisten jedoch inmitten eines Umweltschutzgebiets platziert wurden, passt da kaum ins Bild.

Die Infrastruktur sucht ihresgleichen

Doch angesichts der Infrastruktur lässt sich nur staunen: In kürzester Zeit haben die Chinesen ganze Autobahnstecken und Hochgeschwindigkeitszüge in die Landschaft gesetzt. Die Skipisten wirken, als wären sie mit Sprengstoff und Betonguss aus den Berghängen geschlagen worden. Das örtliche olympische Dorf wurde vollständig mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, sodass die Athleten auch beim Gang zwischen Fitnessstudio und Zimmer ihre Jacke zu Hause lassen können. Die Anlagen wirken hochmodern, geradezu monumental, jedoch unter dem Nachhaltigkeitsgedanken geradezu absurd.

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Das absolute Superlativ stellt der „fliegende Schneedrache“ dar: Chinas erste – und mit einer Strecke von 1,6 Kilometern weltweit die längste – Bobbahn der Welt. Sie ist vollständig überdacht und beherbergt Sitzplätze für 2000 Zuschauer, denen die Sportler quasi vor der Nase vorbeirasen. „An sich hatten wir volle Ränge geplant, aber jetzt wird unser Konzept noch ausgearbeitet“, sagt Yang Jinkai, zuständig für den Betrieb und die Infrastruktur.

Spätestens mit dem jüngsten Omikron-Ausbruch in Tianjin, nur wenige Autostunden von Peking entfernt, werden sämtliche Pläne wohl ad acta gelegt. Ohnehin ist das Corona-Sicherheitskonzept auch im Vergleich zu Tokio deutlich strenger: Busse bringen die Athleten von ihren Hotels zu den Sportstätten; farblich markierte Zäune stellen sicher, dass die Olympiateilnehmer keinen Kontakt mit dem Rest der Bevölkerung aufnehmen. Zudem muss ausnahmslos jeder von ihnen täglich einen PCR-Test machen. Und 1,50 Meter große, silbergraue Dienstleistungsroboter helfen dabei, den menschlichen Kontakt auf ein Minimum reduzieren.

Chinesische Menschenrechtsverletzungen führen zum diplomatischen Boykott einiger Staaten

Doch die Corona-Bestimmungen sind nur eine von mehreren Herausforderungen für die Spiele. Auch die politische Debatte hängt wie ein drohendes Damoklesschwert über der Veranstaltung. Aufgrund der Gräuel gegen die Uiguren in Xinjiang, der Repressionen in Hongkong und der zunehmend aggressiveren Rhetorik gegenüber Taiwan haben bereits etliche Staaten entschieden, dass sie China auf der olympischen Bühne nicht politisch aufwerten wollen. Litauen hatte Anfang Dezember als erstes Land einen diplomatischen Boykott angekündigt, es folgten die USA, Großbritannien, Australien und Kanada. Auch Japan wird laut eigener Aussage keine hochrangigen politischen Vertreter nach Peking entsenden. Die europäische Union ringt noch nach einer gemeinsamen Linie.

Im Botschaftsviertel im Pekinger Chaoyang-Bezirk lässt sich jedoch hinter vorgehaltener Hand immer offener die steigende Frustration heraushören. „Die Sommerspiele 2008 waren rückblickend ein Höhepunkt für China, auch weil sie mit vielen Hoffnungen verbunden waren. Die Winterspiele hingegen werden ein absoluter Tiefpunkt sein“, sagt ein hochrangiger Diplomat. Es habe sich die endgültige Gewissheit durchgesetzt, dass China unter Xi Jinping seinen nationalistischen Kurs weiter fortsetzen wird.

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Umso naiver wirken die einstigen Aussagen von IOC-Chef Thomas Bach von vor 20 Jahren: Damals kommentierte der deutsche Sportfunktionär die Wahl Pekings als Gastgeber für Olympia 2008. „Zumindest ist eins erreicht: Dass sich der Blick der Weltöffentlichkeit noch strikter auf China richtet, als das ohnehin schon der Fall ist. Und diese strenge Beobachtung kann natürlich wieder auch zum Wandel beitragen.“ Tatsächlich hat sich China gewandelt – allerdings anders, als es sich der Westen damals vorgestellt hatte.

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