Plötzlich wird Lateinamerika zum globalen Spielball

Der russische Vizeministerpräsident Juri Borissow und Venezuelas Präsident Nicolás Maduro reichen einander die Hand: In Lateinamerika versuchen sowohl Russland als auch die USA, ihren Einfluss zu bewahren oder auszubauen.

Der russische Vizeministerpräsident Juri Borissow und Venezuelas Präsident Nicolás Maduro reichen einander die Hand: In Lateinamerika versuchen sowohl Russland als auch die USA, ihren Einfluss zu bewahren oder auszubauen.

Bogota. Zwischen den beiden Nachbarländern Kolumbien und Venezuela im Norden Südamerikas entwickelt sich ein Stellvertreterszenario, das in den vergangenen Jahren immer wieder einmal internationale Besorgnis hervorrief und das in Ansätzen an den Ukraine-Konflikt zwischen dem Westen und Russland erinnert. Kolumbiens Verteidigungsminister Diego Molano berichtete jüngst über russische Militärs, die im venezolanisch-kolumbianischen Dschungelgrenzgebiet aktiv seien. Russland wies die Vorwürfe zurück.

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Inzwischen hat sich Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolás Maduro in der Ukraine-Krise hinter Russland gestellt, Moskau und Caracas haben angekündigt, die gegenseitigen Beziehungen auf allen Ebenen zu vertiefen. Das schließt auch eine militärische Kooperation nicht aus.

Kolumbien wiederum ist als einziges südamerikanisches Land seit knapp fünf Jahren eine Partner-Nation der Nato. Prompt kündigten die USA eine entsprechende Gegenreaktion an, ohne diese zu spezifizieren.

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Massenexodus aus Venezuela

Im Grenzgebiet agieren linksgerichtete Guerillagruppen und rechtsgerichtete Paramilitärs, die sich einen erbitterten Machtkampf um die Vorherrschaft im Drogenhandel liefern – auf Kosten der Zivilbevölkerung und ganz offenbar auch unter dem Schutz der jeweiligen Regierungen.

Aus Venezuela findet derzeit eine der größten Völkerwanderungen auf dem Globus statt – ein regelrechter Massenexodus. Immer wieder kommt es zu Gewalt und Massakern. Bislang konnten beide Länder den Konflikt noch einigermaßen unter Kontrolle halten, doch die Region gilt als unberechenbar.

Noch vor wenigen Wochen hatte der russische Vizeaußenminister Sergej Rjabkow offen über eine russische Aufrüstung der verbündeten Länder Kuba und Venezuela gesprochen und damit die lateinamerikanischen Länder zur Verhandlungsmasse erklärt: „Ich möchte weder etwas bestätigen noch ausschließen“, sagte Rjabkow auf die Frage eines TV-Senders nach einer stärkeren Militärpräsenz in den betreffenden Ländern.

Hinterhof der USA

„Alles hängt von den Handlungen der amerikanischen Kollegen ab“, sagte Rjabkow mit Blick auf die Entwicklung in der Ukraine. Die Stationierung von Atomraketen auf Kuba – zunächst von den Kubanern und den Russen bestritten – löste in den 1960er-Jahren fast einen dritten Weltkrieg aus, der nur verhindert wurde, weil sich beide Seiten nach einem diplomatischen Pokerspiel für die Abrüstung entschieden. Die Russen zogen ihre Atomraketen auf Kuba ab, die Amerikaner ihre Raketen in der Türkei.

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„Auch aus russischer Sicht gilt Lateinamerika immer noch als Hinterhof der Vereinigten Staaten, deswegen versucht Moskau derzeit vieles, um sich diesen Regierungen annähern zu können“, sagt Professor Vladimir Rouvinski von der Universität Icesi aus Cali in Kolumbien im Gespräch mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Russland nutzt dabei auch lateinamerikanische Vorbehalte gegen die USA, die im vergangenen Jahrhundert in Putsche und rechte Militärregierungen verstrickt waren.

Es geht nicht nur um Venezuela und Kolumbien

Inmitten dieses globalen Konflikts versuchen nun auch andere Länder, ihre Verhandlungsposition aufzuwerten. Argentiniens Präsident Alberto Fernández sorgte mit einer Reise nach Russland und China für Irritationen. Argentinien müsse aufhören, eine so große Abhängigkeit vom Internationalen Währungsfonds und den USA zu haben, ließ Fernández seine interessierten Zuhörerinnen und Zuhörer in Moskau wissen.

Der argentinische Präsident Alberto Fernández (links) besuchte seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin – und musste anschließend die USA besänftigen.

Der argentinische Präsident Alberto Fernández (links) besuchte seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin – und musste anschließend die USA besänftigen.

Wenig später musste Fernández Washington besänftigen und bedankte sich ausdrücklich für die Hilfe der USA bei der Neuverhandlung von Staatsschulden mit dem IWF. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, von der Biden-Administration und Europa wegen seiner umweltfeindlichen Amazonas-Abholzungspolitik geächtet, kokettiert inzwischen offen mit einer Partnerschaft mit Russland.

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In den USA ist der Widerstand gegen den wachsenden Einfluss Russlands und Chinas nun sogar Gegenstand einer parteiübergreifenden Initiative: Der „Western Hemisphere Security Strategy Act“ zielt darauf ab, dem „schädlichen und bösartigen Einfluss“ von China und Russland in Lateinamerika entgegenzuwirken. Dieser „destabilisierende“ Einfluss der autoritären Regierungen in Peking und Moskau sei eine einzigartige Gefahr für die nationalen Sicherheitsinteressen der USA und das Wohlergehen der Region, heißt es in der Initiative.

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