Prozessauftakt gegen IS-Deutschlandchef Abu Walaa

Hinter Sicherheitsglas: Abu Walaa beim Prozessauftakt in Hildesheim.

Hinter Sicherheitsglas: Abu Walaa beim Prozessauftakt in Hildesheim.

Celle/Hildesheim. Er gilt als Führungsfigur der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Deutschland und machte als „Mann ohne Gesicht“ oder „Scheich von Hildesheim“ von sich reden. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Islamisten Ahmad A. aus Hildesheim, der unter dem Namen Abu Walaa bekannt geworden ist, und vier weitere Angeklagte hat unter erheblichem Sicherheitsaufwand vor dem Oberlandesgericht Celle begonnen.

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Schwer bewaffnete Polizisten sicherten das Gerichtsgebäude. Und dies nicht grundlos: Laut Gericht gibt es Anschlagsdrohungen ebenso wie den Aufruf im Internet zur Befreiung eines Angeklagten. Alle Zuhörer und Medienvertreter wurden einzeln durchsucht, mussten dabei auch ihre Schuhe ausziehen. Im Gerichtssaal 94 war ein Handyscanner aktiviert worden, um zu verhindern, dass die Verhandlung von Fremden aufgezeichnet wird. Wegen der Sicherheitsvorkehrungen und zusätzlicher technischer Probleme konnte der Vorsitzende Richter Frank Rosenow, der bereits die Verfahren gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und die Terrorverdächtige Safia S. aus Hannover geleitet hat, die Hauptverhandlung erst mit rund 50 Minuten Verzögerung eröffnen.

Höchster Repräsentant des IS in Deutschland

Zwar tragen mehrere der Angeklagten und auch Abu Walaa längere Bärte, wie sie für die radikal-islamischen Salafisten typisch sind. Wie furchteinflößende Terrordrahtzieher wirken die fünf aber nicht. Mit wachem Blick und sympathischem Lächeln redet Abu Walaa, der eine dunkle Strickjacke trägt und die Haare kurz rasiert hat, mit seinem Anwalt. Man kann sich vorstellen, dass er Menschen für sich gewinnen kann – und wie die Bundesanwaltschaft überzeugt ist: für einen fanatischen Glaubenskrieg.

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Die Bundesanwaltschaft wirft Abu Walaa und seinen vier Mitangeklagten Hasan C., Boban S., Mahmoud O. und Ahmed F. Unterstützung der Terrororganisation IS vor. Sie sollen ein Netzwerk gebildet haben, um Sympathisanten des IS die Ausreise von Deutschland nach Syrien zu ermöglichen. Den vorbereitenden Unterricht sollen die Ausreisewilligen, so die Anklage, von Hasan C. und Boban S. in Duisburg erhalten haben. Anschließend soll Abu Walaa sie in Hildesheim in ihrem Entschluss zur Ausreise bestärkt und gefestigt haben. Auch der Berliner IS-Attentäter Anis Amri soll im Umfeld der umstrittenen Hildesheimer Moschee fotografiert worden sein. Die Bundesanwaltschaft stuft den 33-jährigen Iraker Abu Walaa als höchsten Repräsentanten des IS in Deutschland ein.

Abu Walaa nimmt Vorwürfe gelassen entgegen

Abu Walaa und die vier Mitangeklagten nahmen die von der Bundesanwaltschaft gegen sie vorgetragenen Vorwürfe gelassen entgegen. Walaa und Hasan C. grinsten mehrfach während der rund 50-minütigen Ausführungen der Vertreter der Strafverfolgungsbehörde.

Der Grund für ihre Gelassenheit offenbarte sich anschließend in einer ersten Stellungnahme von Rechtsanwalt Peter Krieger aus Bonn, einem der Verteidiger von Abu Walaa. Seiner Auffassung nach stützt sich die Anklage ausschließlich auf die Aussage von zwei Zeugen – einem V-Mann des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalens und einem als IS-Unterstützer verurteilten Kronzeugen der Bundesanwaltschaft. „Der Kronzeuge ist ein Hochstapler. Wer aber die Wahrheit erforschen will, darf nicht auf einen Terroristen setzen“, sagte Krieger. Die Bundesanwaltschaft glaube dem Kronzeugen jedes Wort. „Niemand hinterfragt die Aussagen und keiner prüft sie nach“, sagte der Strafverteidiger und kündigte an: Er werde deshalb beantragen, die Akten des Kronzeugen zur Verhandlung herbei ziehen. Und eines lässt aufhorchen: Die Verteidigung behauptet auch, der auf Abu Walaa angesetzte V-Mann „VP01“ des Landeskriminalamtes NRW habe Anis Amri immer wieder zum Verüben von Anschlägen aufgefordert. Deswegen, so die Vermutung der Anwälte, dürfe dieser wohl nicht in Celle als Zeuge aussagen.

Bundesweites Rekrutierungszentrum in Hildesheim

Alle fünf Angeklagten wurden im vergangenen November in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen festgenommen und sitzen seitdem in Untersuchungshaft. Ihnen drohen bis zu zehn Jahre Haft. Belastet wird Abu Walaa von mehreren V-Leuten der Polizei sowie einem ehemaligen IS-Sympathisanten aus Gelsenkirchen. Der Kronzeuge sagte sich nach einer Syrienreise von der Terrormiliz los und packte bei den Ermittlern aus, er erhielt im Mai eine Bewährungsstrafe.

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Beim inzwischen verbotenen „Deutschen Islamkreis Hildesheim“ soll der 33-jährige Abu Walaa radikal-islamische Predigten gehalten und die Moschee des Vereins zu einem bundesweiten Rekrutierungszentrum des IS gemacht haben. Ziel war es nach Ansicht der Bundesanwaltschaft, Freiwillige für den IS nach Syrien oder in den Irak zu vermitteln.

Nach Abu Walaas Seminaren in der Hildesheimer Moschee fuhren reihenweise junge Männer in den Irak und nach Syrien. Mindestens 15 Männer aus Niedersachsen und 9 aus Nordrhein-Westfalen durchliefen nach Behördenerkenntnissen sein Netzwerk und reisten ins Kriegsgebiet. Sechs von ihnen sollen dort gestorben sein.

Von Tobias Morchner/RND/dpa

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