Minister abgetaucht, Berater zurückgetreten

Putins engste Vertraute – wer steht eigentlich noch zu ihm?

Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Poolbild zeigt Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Sitzung zu wirtschaftlichen Fragen im Kreml.

Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Poolbild zeigt Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Sitzung zu wirtschaftlichen Fragen im Kreml.

Bisher schien die Loyalität gegenüber Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml ungebrochen. Das System Putin basierte auch auf der Treue seiner Vertrauten. Mit dem Krieg gegen die Ukraine – und vor allem mit den Problemen der russischen Armee beim Vormarsch und den damit verbundenen Todeszahlen – gerät dieses Konstrukt ins Wanken. Die Anzeichen verdichten sich, dass die Einheit hinter Putin bröckelt, die Fassade Risse bekommt.

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Nach einer Serie von militärischen Rückschlägen soll Putin laut dem Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrates, Olexij Danilow, mehrere Generäle entlassen und zuletzt den ranghohen Kriegsgeneral Roman Gawrilow verhaftet lassen haben. Am Mittwoch brach dann einer der wichtigsten Berater Putins öffentlich mit dem Präsidenten. Der Sonderbeauftragte Anatoli Tschubais reichte seinen Rücktritt ein – offenbar aus Protest gegen den Krieg in der Ukraine. Er soll inzwischen in die Türkei ausgereist sein. Der Kreml bestätigte Tschubais‘ „freiwilligen“ Rücktritt und bezeichnete seine angeblich dauerhafte Ausreise sei seine „persönliche Angelegenheit“.

Russische Truppen in der Ukraine zunehmend mit Schwierigkeiten konfrontiert

Die ukrainischen Truppen haben nach britischen Angaben Städte und Verteidigungsstellungen bis zu 35 Kilometer östlich von Kiew zurückerobert.

Rätsel um Verteidigungsminister Schoigu

Der Leiter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR, Sergej Naryschkin, wurde bei einer Anhörung des Sicherheitsrates zur Anerkennung der Separatistenrepubliken im Donbas kurz vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine öffentlich von Putin gedemütigt. Vor laufender Kamera wies Putin ihn wie einen Schuljungen zurecht. Naryschkin begann zu zittern und stottern und brachte fast kein Wort mehr heraus.

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Auch die Rolle von Verteidigungsminister Sergei Schoigu, ein langgedienter und enger Vertrauter Putins, ist zunehmend unklar. Laut Recherchen russischer Journalisten ist Schoigu mittlerweile seit dreizehn Tagen nicht mehr öffentlich aufgetreten, obwohl er einer der Hauptverantwortlichen für den Krieg in der Ukraine ist.

General Schoigu ist seit mehr als 30 Jahren im Kreml tätig, unternimmt mit Putin gemeinsame Urlaubsreisen und besitzt einen von drei Atomkoffern. Zwei dieser Koffer benötigt es, um Einsatzbefehle für strategische Raketen, Fernbomber oder auch Atom-U-Boote zu erteilen. Putin vertraut Schoigu. Zumindest vertraute er ihm bisher. Seine öffentliche Abwesenheit weckt Zweifel an der Verbundenheit. Unter Berufung auf den russischen Militäranalysten Andrei Soldatov berichtet die „New York Times“, Putin habe Schoigu für die militärischen Probleme verantwortlich gemacht.

Der Kreml wies die Spekulationen um Schoigus Abwesenheit zurück. „Der Verteidigungsminister hat im Moment viel zu tun“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Donnerstag in Moskau der Agentur Interfax zufolge.

Wer steht jetzt noch hinter Putin?

All diese Vorfälle werfen die Frage auf: Wem vertraut Putin noch? Wer sind jetzt noch seine wichtigsten Männer? Und wer steht weiterhin hinter ihm? Da wäre zum einen Generalstabschef Waleri Gerassimow. Auch er ist seit längerem nicht mehr öffentlich aufgetreten. Laut einem Bericht der „Washington Post“ sollen US-Verteidigungsminister Austin und US-Generalstabschef Milley vergeblich versucht haben, mit ihren russischen Kollegen zu telefonieren. Die russische Seite habe den Kontakt abgelehnt. Wie es also wirklich um Gerassimow bestellt ist, ist unklar. Pentagon-Sprecher John Kirby bestätigte die militärische Funkstille am Donnerstag.

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Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Bild zeigt Verteidigungsminister Sergej Schoigu (rechts) und Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, bei einem Treffen mit Präsidenten Putin im Kreml.

Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Bild zeigt Verteidigungsminister Sergej Schoigu (rechts) und Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, bei einem Treffen mit Präsidenten Putin im Kreml.

Putin vertraut ihm offenbar. Denn als erster Stellvertreter des Verteidigungsministers besitzt er neben Putin und Verteidigungsminister Schoigu einen Atomkoffer. Erst diente er in der Sowjetarmee, war später Stabschef eines Panzerbataillons und wurde 2012 Generalstabschef der russischen Streitkräfte. 2015 organisierte er den Feldzug in Syrien und erhielt dafür die Auszeichnung „Held der Russischen Föderation“. Heute ist Gerassimow zudem Mitglied im Sicherheitsrat Russlands.

Dann gibt es noch Viktor Solotow. Der Chef der Nationalgarde ist von allen dem Kreml nahestehenden militärischen Persönlichkeiten weiterhin einer der loyalsten. Bei der Sitzung des Sicherheitsrates Ende Februar wirkte er entschlossen. Unmissverständlich erklärte er, dass der Kreml weiter gehen sollte, als nur die beiden Volksrepubliken im Osten der Ukraine anzuerkennen. Er war der Bodyguard des ehemaligen Präsidenten Boris Jelzin und des ersten demokratisch gewählten Bürgermeister Sankt Petersburgs, Anatoli Sobtschak. Dieser gilt als politischer Ziehvater Putins.

Anschließend machte ihn Putin zum Chef seines Wachdienstapparats und 2016 bei der Gründung der Nationalgarde zum Chef der 400.000 Mann starken Truppe. Einen Riss könnte Solotows Ansehen erhalten haben, als er entgegen Putins Aussage Mitte März öffentlich zugab, dass bei der „militärischen Sonderoperation“, wie der Kreml den Krieg gegen die Ukraine nennt, nicht alles nach Plan laufe.

Einer der treusten Gefolgsmänner ist nach wie vor Sergej Lawrow. Niemand verkörpert Putins Linie so konsequent wie der russische Außenminister. Und das bereits seit Jahren. 2004 ernannte ihn Putin ihn zum Außenminister, kurz bevor Putin das erste Mal als Präsident wiedergewählt wurde.

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Seitdem ist ihm Lawrow untergeben. Westliche Diplomaten beschrieben ihn laut einem Bericht des US-Magazins „Politico“ als „uncharismatisch“ und „Anti-Diplomat“. Er versuche konsequent und rücksichtslos, die russische Agenda durchzusetzen und immer wieder den Westen zu demütigen. Ein Bruch Putins mit Lawrow ist kaum vorstellbar.

Russlands Außenminister Sergei Lawrow bei einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlut Cavusoglu in Moskau.

Russlands Außenminister Sergei Lawrow bei einem Treffen mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlut Cavusoglu in Moskau.

Ein weiterer Getreuer Putins ist Nikolai Patruschew. Er ist Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats. Als Putin Präsident wurde, machte er Patruschew zunächst zum Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB. Er gilt als skrupellos und bedingungslos loyal.

Ihm selbst wurden nie politischen Ambitionen nachgesagt, stattdessen machte er Karriere als Geheimdienstler – zu einer Zeit, in der Russland Krieg gegen Tschetschenien führte. Daraus entstand ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Putin und Patruschew. Westlichen Geheimdiensten zufolge zählt er neben Verteidigungsminister Schoigu und dem jetzigen Chef des Inlandsgeheimdienstes, Alexander Bortnikow, zu Putins engstem Zirkel.

Die wichtige Rolle des Inlandsgeheimdienstes FSB

Eben dieser Alexander Bortnikow ist der Mann, dem Putin wohl am meisten Vertraut. Putin war selbst einmal Chef des Inlandsgeheimdienstes, die Besetzung dieser Stelle dürfte für Putin allein schon deshalb besonders wichtig sein. Noch immer ist der FSB eine der einflussreichsten Organisationen im Putin-Staat. FSB-Agenten sollen die Vergiftung von Kremlkritiker Alexej Nawalny durchgeführt haben.

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Bortnikow führt die Behörde seit 2008. Über die Haltung innerhalb der Organisation zum Krieg in der Ukraine gibt es aber unterschiedliche Einschätzungen. Laut einem Bericht der britischen „Times“ vereitelten kriegskritische FSB-Agenten drei versuchte Attentate auf den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.

Wie der ukrainische Geheimdienst berichtet, sollen russische Eliten bereits den Sturz Putins vorbereitet haben. Die mutmaßlichen Drahtzieher sollen auch schon einen Nachfolger des Präsidenten auserkoren haben: Alexander Bortnikow. Wie glaubwürdig diese Informationen sind, bleibt aber höchst zweifelhaft. Es könnte der Versuch der ukrainischen Seite sein, Zwietracht unter Putins Gefolgsleuten zu streuen.

Doch auch ohne ukrainische Bemühungen könnte es einsamer um Putin werden. Der weitere Kriegsverlauf könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.

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