Schnelles Handeln nötig

DRK-Bundesarzt kritisiert: Politik unternimmt zu wenig beim Thema Wiederbelebung

An einer Übungspuppe zeigt DRK-Bundesarzt Bernd Böttiger, wie eine Herzdruckmassage funktioniert. 10.000 Leben könnten damit jährlich kinderleicht gerettet werden, so Böttiger.

An einer Übungspuppe zeigt DRK-Bundesarzt Bernd Böttiger, wie eine Herzdruckmassage funktioniert. 10.000 Leben könnten damit jährlich kinderleicht gerettet werden, so Böttiger.

Berlin. Im Juni 2021 bricht der dänische Nationalspieler Christian Eriksen auf dem Spielfeld von einem Moment auf den anderen zusammen. Ein ganzes Stadion und Millionen Fans vor den Bildschirmen stehen unter Schock. Das Herz des 29-Jährigen hörte plötzlich auf zu schlagen. In Deutschland erleiden etwa 70.000 Menschen pro Jahr einen solchen Herz-Kreislauf-Stillstand, davon geht das Nationale Aktionsbündnis Wiederbelebung aus, das am 16. Oktober den Tag der Wiederbelebung feiert.

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„Obwohl der Notarzt gerufen wird, überlebt nur jeder Zehnte und das bei einer Krankheit, die die dritthäufigste Todesursache in Deutschland ist“, sagt Bernd Böttiger. Der Professor ist seit diesem Jahr Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und Klinikleiter an der Universitätsklinik Köln. Seit vielen Jahren engagiert er sich dafür, das Thema Wiederbelebung in das öffentliche und politische Bewusstsein zu rücken.

Wenn jemand sofort mit einer Herzdruckmassage beginnen würde, könnten wir jedes Jahr kinderleicht mindestens 10.000 Menschenleben retten.

Bernd Böttiger,

Klinikleiter an der Universitätsklinik Köln

„Wenn jemand sofort mit einer Herzdruckmassage beginnen würde, könnten wir jedes Jahr kinderleicht mindestens 10.000 Menschenleben retten.“ Der Rettungsdienst braucht in Deutschland durchschnittlich neun Minuten und käme damit für die Wiederbelebung zu spät.

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„Im Straßenverkehr sterben pro Jahr etwa 2500 Menschen und die Politik steckt in die Bekämpfung viel Geld.“ Das stehe in keinem Verhältnis. „Am Herz-Kreislauf-Stillstand sterben 200 Menschen am Tag und das interessiert kaum jemanden“, erläutert Böttiger. „Wenn jeden Tag ein Flugzeug abstürzen würde, würden wir sonst etwas tun, um das zu verhindern.“ Ihn wundert, wie wenig Interesse die Politik an einem solch evidenten und wenig kontroversen Thema wie Wiederbelebung habe.

Zwei Schulstunden pro Jahr gefordert

„Die Politik muss endlich tätig werden. Wir fordern schon seit mehr als zehn Jahren, dass Wiederbelebung verpflichtend im Schulunterricht in Deutschland eingebaut werden muss.“ Zu den Fordernden gehören unter anderem das DRK und der Deutsche Rat für Wiederbelebung. Bislang ist die Regierung der Forderung nicht nachgekommen. Der Schulausschuss der Kultusministerkonferenz sprach 2014 lediglich eine Empfehlung aus, die in kaum einem Bundesland umgesetzt werde. „Wir bräuchten nur zwei Unterrichtsstunden im Jahr, spätestens ab der 7. Klasse“, sagt Bernd Böttiger.

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Nur dadurch würden sich mehr und mehr Laien trauen, zu reanimieren. In Deutschland versuchten laut Böttiger nur etwa 40 Prozent der Laien, jemanden wiederzubeleben, bis der Rettungsdienst käme. In Skandinavien liege die Quote teilweise bei 70 Prozent. Dort werde Wiederbelebung schon seit Jahrzehnten von klein auf unterrichtet.

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„Das rentiert sich auch wirtschaftlich“, argumentiert Bernd Böttiger. Zum einen würden durch die Berücksichtigung im Schulunterricht kaum Kosten entstehen. Zum zweiten sei knapp die Hälfte der Menschen mit einem plötzlichen Herz-Kreislauf-Stillstand im erwerbsfähigen Alter. Das zeigen die Daten des Aktionsbündnisses. Diese weisen auch darauf hin, dass etwa drei Viertel der Personen, die die ersten 30 Tage nach einer Reanimation überlebten, im Durchschnitt nach fünf Monaten wieder arbeiteten.

Der einzige Fehler, den man machen kann, ist nichts zu tun.

Bernd Böttiger,

Klinikleiter an der Universitätsklinik Köln

Wiederbelebung und Erste Hilfe seien lange viel zu spät und viel zu kompliziert gelehrt worden. „Man kann dabei gar nichts falsch machen. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist nichts zu tun“, betont der DRK-Bundesarzt. „Wiederbelebung funktioniert nach dem Motto: Prüfen, rufen, drücken.“ Erst solle man prüfen, ob die Person ansprechbar ist und normal atmet. Wenn das nicht der Fall ist, sollte direkt der Rettungsdienst unter der 112 gerufen werden und dann gehe es ans Drücken.

Mit ausgestreckten Armen sollte die Ersthelferin die Mitte des Brustkorbs etwa fünf bis sechs Zentimeter eindrücken und das schnell und mit Kraft. „Es muss knacken und krachen. Dabei kann schon mal eine Rippe brechen“, sagt der Professor von der Uniklinik Köln. „Einen Toten stört die gebrochene Rippe nicht, bei einem Lebenden heilt sie wieder.“

Bei dem jungen Fußballprofi Eriksen sei zum Glück schnell gehandelt worden. Er feierte kürzlich sein Comeback.

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