Selenskyj warnt vor "widerwärtigen" Angriffen

Warum Russland eine Großoffensive am Unabhängigkeitstag der Ukraine planen könnte

Russische Raketen, die von der russischen Region Belgorod aus auf die Ukraine abgefeuert werden, sind in der Morgendämmerung von Charkiw zu sehen. (Archivbild)

Russische Raketen, die von der russischen Region Belgorod aus auf die Ukraine abgefeuert werden, sind in der Morgendämmerung von Charkiw zu sehen. (Archivbild)

Kiew. Seit 1991 feiert die Ukraine am 24. August ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion. In diesem Jahr sind es an dem Nationalfeiertag exakt sechs Monate nach Beginn der russischen Invasion am 24. Februar. Sechs Monate, in denen die Ukraine dafür kämpft, dass ihre Unabhängigkeit bestehen bleibt.

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Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Bevölkerung auf besonders brutale Angriffe der russischen Führung an diesem symbolträchtigen Tag vorbereitet. In einer Videoansprache am Samstagabend warnte der ukrai­nische Präsident davor, dass Russland etwas „besonders Widerwärtiges und Gewalttätiges“ unternehmen könnte. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario?

Maria Avdeeva nach einem russischen Artillerieangriff in Charkiw.

Sechs Monate Kampf um die Wahrheit

Freunde haben ihr zur Flucht nach Westen geraten. Doch Maria Avdeeva ist stur: Seit Kriegsbeginn ist die Politologin aus Charkiw kreuz und quer im Land unterwegs – und zeigt ihren weltweit mehr als 100. 000 Followern, was wirklich los ist in der Ukraine.

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Experte sieht Charkiw besonders gefährdet

Der Ukraine-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), André Härtel, hält besonders schwere russische Angriffe am 24. August für wahrscheinlich. „Insbesondere von russischer Seite können wir seit dem 24. Februar und auch schon davor ein Hang zu symbolischen Handlungen beobachten“, sagt Härtel. Russland könnte laut dem Experten besonders vor dem Hintergrund der kürzlich offensichtlich von der Ukraine erfolgten Angriffe auf die Krim den Nationalfeiertag nutzen, um ein Zeichen der Stärke zu setzen. Auf der Krim hatte es Mitte August eine Serie großer Explosionen gegeben.

Nach Einschätzung Härtels ist die Metropole Charkiw besonders gefährdet für einen symbolischen Angriff, dort würden ohnehin fast täglich Raketen einschlagen. „Charkiw ist durch seine Lage an der russischen Grenze leicht erreichbar und ein wichtiges Ziel in diesem russischen Eroberungskrieg“, sagt Härtel.

Türkei und Ukraine unterzeichneten Vereinbarung über Wiederaufbau

Das Treffen war das erste persönliche Gespräch Erdogans mit Selenskyj seit der russischen Invasion.

Die ukrainische Regierung verhängte in der zweitgrößten Stadt der Ukraine vorsorglich eine ganztägige Ausgangssperre am 24. August. Anwohnerinnen und Anwohner sollen ihr Zuhause nicht verlassen.

Russland will „Unsicherheit auslösen“

Darüber hinaus hält Härtel auch Angriffe auf Ziele in der Westukraine wie in den ersten Monaten des russischen Angriffskrieges für denkbar. Dort habe sich eine gewisse Normalisierung eingestellt und in den Städten seien viele Geflüchtete. Zudem seien Städte wie Lemberg Hochburgen der nationalistischen Kräfte in der Westukraine. Auch ein erneuter Beschuss von Odessa wäre laut Härtel möglich, da die Stadt eine besondere strategische Bedeutung für Russland habe.

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„Durch gezielte Raketenschläge könnte Russland versuchen, in diesen Regionen wieder Unsicherheit auszulösen“, so der Ukraine-Experte. „Es geht dabei darum zu zeigen: ‚Für uns ist der Krieg gegen die gesamte Ukraine noch nicht vorbei und ihr seid weiterhin in Gefahr.‘“ Für die ukrainische Kriegsführung sei die Motivation von Bevölkerung und Armee entscheidend. Die russische Führung habe daher das Ziel, die Ukrainer und Ukrainerinnen langfristig zu demoralisieren. Er gehe daher davon aus, dass Russland im Falle eines Angriffs auch versuchen würde, zivile Ziele zu treffen. Ein weiteres Motiv Russlands sei, ein Signal gegenüber dem Westen zu setzen, dass der Krieg noch viele Jahre weitergehen könnte.

Asow-Kämpfer berichten von schwerer Folter

Die Aussagen der Kämpfer, die nach eigenen Angaben von den russischen Streitkräften gefangen genommen wurden, konnten bisher nicht unabhängig überprüft werden.

„Schäden aufseiten der Zivilbevölkerung“

Auch Militärexperte Marcel Berni von der Militärakademie an der ETH Zürich hält es für plausibel, dass Russland den Unabhängigkeitstag nutzen will, um die Ukraine wieder aus dem Norden – unter anderem aus Belarus heraus – anzugreifen und sie so zu demütigen. Aus seiner Sicht seien am ehesten militärische Zentren am Boden, also beispielsweise ukrainische Logistik- und Versorgungspunkte, potenzielle Ziele. „Da der russische Raketenbeschuss aber in der Vergangenheit alles andere als präzise war, würde es wohl wieder zu Schäden aufseiten der Zivilbevölkerung kommen“, so Berni.

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Ein Raketenangriff würde der ukrainischen Zivilbevölkerung vor Augen führen, „dass sich das Land noch immer in einem blutigen, unberechenbaren Krieg befindet, in dem auch abseits der Front gelegene Gebiete angegriffen und verwüstet werden können“, so der Schweizer Militärexperte, der jedoch betont: „Ein Angriff am symbolischen 24. August würde aber wohl den Verteidigungswillen der Ukraine verstärken, da eine solche Offensive als feige und wahllos wahrgenommen würde.“

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Russland-Experte Mangott: „Von russischer Seite nimmt man den Jahrestag nicht so ernst“

Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck hält eine massive Steigerung der russischen Angriffe am 24. August hingegen für nicht sehr wahrscheinlich. Dieses Szenario sei eher etwas, was die Ukraine verbreite, weil man damit belegen wolle, dass Russland das Land nicht wegen eines möglichen angestrebten Nato-Beitritts angreife, sondern dass dieser Krieg sich gegen die Eigenstaatlichkeit der Ukraine richte.

Er würde einen massiven russischen Angriff am 24. August jedoch nicht vollständig ausschließen. Möglich sei ein Vergeltungsschlag für die Angriffe von ukrainischer Seite hinter der russischen Frontlinie. Falls dies der Fall sein sollte, wäre das Ziel nach seiner Einschätzung Kiew. „Aber ich glaube, dass man von russischer Seite den Jahrestag nicht so ernst nimmt, wie es die ukrainische Seite darzustellen versucht.“

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Umgekehrt könne er sich vorstellen, dass die Ukraine an ihrem Jahrestag einen Angriff auf russische Ziele plane. „Die Ukraine könnte an diesem Tag dokumentieren, wie widerstandsfähig sie durch die westliche Bewaffnung geworden ist“, sagt Mangott. Der Präsidentenberater Olexij Arestowytsch hatte im Zusammen­hang mit den Warnungen vor einem russischen Angriff am Unabhängigkeitstag mit einem möglichen Gegenangriff gedroht.

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