Ein Jahr Krieg, zehn Jahre Entminung

Ukrainische Spezialeinheiten suchen nach Minen in zurückeroberten Gebieten

Männer der ukrainischen Nationalgarde und Zivilisten suchen gemeinsam nach Minen in Wyschnewe.

Männer der ukrainischen Nationalgarde und Zivilisten suchen gemeinsam nach Minen in Wyschnewe.

Hrakowe. Neben dem verlassenen russischen Militärlager liegt die Leiche eines Mannes im Gras. Eine Sprengfalle der abrückenden Russen hat ihn das Leben gekostet. Überall in den kürzlich zurückeroberten Teilen der Region Charkiw in der Ukraine verstecken sich solche Minen oder nicht explodierte Geschosse. Soldaten der 113. Charkiwer Verteidigungsbrigade gehören zu jenen, die sie aufspüren sollen, damit sich die Menschen in der Region nach monatelanger russischer Besatzung zumindest wieder ein bisschen freier bewegen können.

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Die Soldaten des Entminungstrupps durchkämmen die Felder und Wiesen hier rund um die Ortschaft Hrakowe. Langsam gehen zwei von ihnen mit Metalldetektoren voraus über einen matschigen Weg, vorbei an verblühten Sonnenblumen und dichtem Gestrüpp. Es ist mühsame Arbeit. Wenn der Detektor anschlägt, kann es genauso gut eine alte Limonadendose oder ein rostendes Stück Metall sein. Doch zu wenig Vorsicht kann den Tod bedeuten. Einer der Soldaten bückt sich und stochert mit einer Metallstange im Boden, wo der Detektor gerade gepiepst hat.

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Hunderte Minen hätten seine Leute rund um Hrakowe schon zur Detonation gebracht, sagt Kommandeur Oleksij Dokutschajew. Aber die Arbeit werde noch Jahre dauern. „Ein Jahr Krieg bedeutet zehn Jahre Entminung“, sagt Dokutschajew. Selbst jetzt finde man noch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg, und im jetzigen Krieg seien überall Minen gelegt worden.

„Es gibt Regeln für den Krieg“ – aber nicht für Russland?

Kleine rote Hinweistafeln mit einem weißen Totenkopf sind an vielen Straßen in Charkiw zu sehen. Verlässt man den Bürgersteig, läuft man Gefahr, dort in eine Sprengfalle zu laufen. Doch viele Bewohner der zerstörten Städte und Dörfer wagen sich trotzdem raus in die Minenfelder. Der Mann, der neben dem verlassenen russischen Lager tot im Gras lag, habe vermutlich nach Essen gesucht, das von den Russen bei ihrem übereilten Rückzug zurückgelassen worden sein könnte, sagt Dokutschajew.

Unter dem Ottawa-Abkommen über das Verbot von Antipersonenminen aus dem Jahr 1997 sind Minen mit Stolperdraht eigentlich verboten. Russland gehört allerdings nicht zu den Unterzeichnerstaaten. „Es gibt Regeln für den Krieg“, sagt Dokutschajew. Doch die Russen würden sie einfach ignorieren.

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Der Entminungstrupp hatte Mitte der Woche schon eine Straße von Antipersonenminen gesäubert, jetzt sind die Antipanzerminen dran, die unter der Erde vergraben sein könnten. Nur so können die Soldaten auch ein zurückgelassenes russisches Panzerfahrzeug abtransportieren und ausschlachten.

„Das Leben ist langweilig ohne Explosionen“

Am Ende finden die Soldaten zwei Antipanzerminen aus sowjetischer Herstellung und sechs Zünder mit Druckauslöser. Gemeinsam mit 400 Gramm Sprengstoff wird alles in einen Graben gelegt und aus sicherer Entfernung mit einem elektronischen Zünder zur Explosion gebracht. „Bada-Bumm“, ruft einer der Soldaten und lacht, als die laute Detonation die Stille zerreißt. Eine graue Rauchsäule steigt auf, die Erschütterung lässt Herbstblätter von den umliegenden Bäumen fallen.

Kommandeur Dokutschajew war eigentlich Fotograf, bevor der russische Angriffskrieg begann. Er meldete sich zum Militär und findet seine neue Aufgabe trotz aller Gefahr sehr erfüllend. „Ich weiß nicht, was ich nach unserem Sieg machen werde“, sagt er. „Das Leben ist langweilig ohne Explosionen.“

RND/AP

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