Vom Professor zum Gesundheitsminister: zu Besuch im Wahlkreis von Karl Lauterbach

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD, M.) bei einem Termin in seinem Wahlkreis Leverkusen–Köln IV vor der Bundestagswahl 2021 (Archivbild).

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD, M.) bei einem Termin in seinem Wahlkreis Leverkusen–Köln IV vor der Bundestagswahl 2021 (Archivbild).

Köln. Zu den Gewinnern der Corona-Krise, sofern sich da überhaupt von Gewinnern sprechen lässt, gehört sicherlich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (58; SPD). Die Pandemie hat ihn ans Ziel seiner politischen Amtsträume gebracht, so sieht es jedenfalls Norbert Fuchs (73).

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Und der sollte es eigentlich wissen: Er ist nicht nur Parteigenosse des Ministers, er ist auch Bürgermeister des Kölner Stadtbezirks Mülheim, eines wesentlichen Teils des Wahlkreises von Karl Lauterbach. Fuchs regiert dort seit 32 Jahren. Lauterbach ist dem Wahlkreis vor 17 Jahren zugeteilt worden. Fuchs war also vorher schon da und hat dem heutigen Minister den Weg mitgeebnet.

„Ich wollte das Mandat nicht“, erinnert sich Norbert Fuchs. Der Wahlkreis Leverkusen–Köln IV, zu dem neben dem Kölner Bezirk Mülheim auch die Stadt Leverkusen gehört, war vakant geworden. Der vorige Mandatsträger Ernst Küchler (77; SPD) hatte am 15. Oktober 2004 sein Mandat niedergelegt, als er das Amt des Oberbürgermeisters von Leverkusen antrat.

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„Dann probieren wir dat mal mit dem Tünn“

Fuchs wäre die logische Wahl für die Nachfolge gewesen, vor Ort wurde er zuverlässig wiedergewählt. Warum er nicht übernahm? „Ich wollte nie Berufspolitiker werden“, sagt er, „ich wollte nie von der Partei abhängig sein. Ich wollte immer nur Bezirksbürgermeister sein und ansonsten meinem Job nachgehen, der hat mir immer viel Spaß gemacht.“

Eine leitende Funktion in der Pharmabranche hatte er vor dem Ruhestand inne. „Darum kannte ich den Karl“, unter den Genossen ist die persönliche Anrede üblich, „schon bevor er zu uns in den Wahlkreis kam.“ Von Berufs wegen. „Aus Vorträgen und wissenschaftlichen Arbeiten.“ Als es um die Wahlkreisnachfolge ging, habe ihm der damalige Kölner SPD-Vorsitzende und heutige Landtagsabgeordnete Jochen Ott (47) unter anderem Karl Lauterbach vorgeschlagen.

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Im Biergarten von Caterer Helmut Zoch hätten sie sich direkt vor dem Bezirksrathaus auf dem zentralen Wiener Platz getroffen. „Ich hab‘ mir angehört, was seine Themen waren. Damals hat er noch die Fliege getragen und redete sehr salbungsvoll. Ein Universitätsprofessor eben.“ Dabei aber so überzeugend, dass Fuchs sein Urteil über den Kandidaten fällte: „Ja jot, hab‘ ich gesagt“, setzt der Bezirksbürgermeister grinsend den Dialekt ein, „dann probieren wir dat mal mit dem Tünn.“

Lauterbachs Herzensthema: die Bürgerversicherung

Gleichzeitig habe er allerdings große Zweifel gehegt, wie das im Wahlkampf funktionieren solle. „Ich hatte mir vorgestellt: Karl steht auf dem Wiener Platz mit seiner Fliege inmitten von einfachen Arbeitern und erklärt denen die Bürgerversicherung.“ Das sei Lauterbachs Herzensthema gewesen: das Ende des dualen Systems in der Krankenversicherung, keine private und gesetzliche Kasse mehr, sondern eine Versicherung für alle.

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Fuchs schüttelt den Kopf, während er erzählt. Er sitzt in einem Besprechungsraum gleich neben seinem Dienstzimmer im Bezirksrathaus. Durch die Fenster ist die Betonwand des Kaufhauses gegenüber zu sehen. Die Sekretärin hat pandemiegerecht das CO₂-Messgerät eingeschaltet, alles ist frisch gelüftet, ein Smiley leuchtet grün. An der Wand hängt eine Übersichtskarte über den Bezirk: Neun Stadtteile gehören dazu, 149.564 Einwohner leben auf dem Gebiet, das sich über 52,23 Quadratkilometer erstreckt, so groß ist auch das sagenumwobene, schottische Loch Ness oder die schleswig-holsteinische Kreisstadt Bad Oldesloe.

„Der konnte Wahlkampf“

Zur Wählerschaft gehörten ursprünglich viele Arbeiter, weil sich im Bezirk Mülheim viele Industriebetriebe angesiedelt hatten. Neben dem Kabelwerk Felten & Guilleaume gab es da zum Beispiel die Rheinischen Walzwerke, die Mülheimer Hütte, bei Klöckner Humboldt Deutz entstand der Otto-Motor, auf dem Gelände der Waggonfabrik van der Zypen & Charlier die Schwebebahn (samt 100-Meter-Teststrecke). „Mülheim“, analysiert Fuchs, „war aus dieser Geschichte heraus für die SPD immer eine Bank, weil wir die Arbeiterpartei waren. Wer hier den Wahlkreis bekam, hatte ein sicheres Ticket in den Bundestag.“ Trotz oder mit Leverkusen.

Und Karl Lauterbach habe hineingepasst: „Da hat er mich 2005 überrascht“, berichtet der Parteifreund, „der konnte Wahlkampf. Der konnte den Arbeitern auf dem Wiener Platz wirklich die Bürgerversicherung erklären. Die fanden ihn zwar ein bisschen eigen, aber sie haben ihn respektiert.“ Und gewählt.

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2009 allerdings, zur ersten Wiederwahl, habe der heutige Bundesgesundheitsminister zunächst zittern müssen. Die CDU hatte einen starken Gegenkandidaten aufgestellt: den gebürtigen Leverkusener Thomas Portz (56). Und der hätte Karl Lauterbach das Direktmandat beinahe abspenstig gemacht.

Lauterbach war der Kauz mit der Fliege in der Hauptstadt

Portz erinnert sich an einen „Wahlkampf auf allerhöchstem Niveau und auf Augenhöhe. Er war getragen von gegenseitigem Respekt. Es hat großen Spaß gemacht“, freut sich der leitende Angestellte eines US-Pharmaunternehmens. Es sei ihm damals gelungen „zu zeigen, dass der Wahlkreis für die CDU durchaus gewonnen werden kann, wenn man einen Kandidaten hat, der in beiden Teilen des Wahlkreises verwurzelt ist, also in Leverkusen und in Köln“.

Ein wichtiger Punkt, pflichtet Norbert Fuchs bei. Während Leverkusen als Standort der Bayer AG seit jeher CDU-näher gewesen sei, hätten die Christdemokraten um die Stimmen der SPD-freundlicheren Klientel im benachbarten Kölner Bezirk Mülheim kämpfen müssen. Portz sei das sehr gut gelungen. Was auch daran gelegen habe, dass Karl Lauterbach zu Beginn einen Fehler begangen habe, „dem alle seine Vorgänger auch verfallen sind: Sobald die nach Berlin gewählt waren, haben wir die vor Ort fast nicht mehr gesehen“.

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Portz sei der Mann vor Ort gewesen, Lauterbach der Kauz mit der Fliege in der Hauptstadt. Machte 35,43 Prozent der Stimmen für Thomas Portz und 37,07 Prozent für Karl Lauterbach, ein hauchdünner Vorsprung von 1,64 Prozentpunkten. Das sei dem heutigen Minister aber nicht noch einmal passiert. Im Corona-Wahlkampf holte er vergangenes Jahr beachtliche 45,6 Prozent, abgeschlagen auf Rang zwei landete die CDU-Kandidatin Serap Güler (41) mit 20,4 Prozent.

Mit den Jahren wurde Lauterbach auch in seinem Wahlkreis präsenter

„Über die Jahre“, beschreibt Norbert Fuchs, „ist Karl im Wahlkampf immer besser geworden. Und auch sonst war er präsenter vor Ort.“ Dafür hat er unter anderem ein Wahlkreisbüro an der Buchheimer Straße, ungefähr auf halbem Weg zwischen dem zentralen Wiener Platz und dem Rheinufer. Dort nähmen sich die Mitarbeiter, manchmal auch Karl Lauterbach selbst, Zeit für die Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. „Ich hab‘ auch schon ein paar Leute dahin vermittelt“, sagt Fuchs, „die waren begeistert, mit wie viel Fachwissen er ihnen begegnet ist.“

Über die Jahre ist Karl im Wahlkampf immer besser geworden. Und auch sonst war er präsenter vor Ort.

Mülheims Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs über Karl Lauterbach

In die Schlagzeilen war das Büro zuletzt im Dezember geraten, als Vandalen die Scheibe beschädigt hatten. An dem Tag, als die berufsbezogene Impfpflicht im Bundestag verabschiedet worden war. Auch auf Lauterbachs Twitter-Account gehören tägliche Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen zu seinem Berufsalltag, vor allem Corona-Leugner äußerten sich da. Er fühle sich aber nicht gefährdet, betonte der Politiker in einem Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, er sei gut geschützt. Ihm täten viel mehr die Kommunalpolitiker leid, die schutzlos lebten: „Die gehen wirklich ins Risiko.“

Über die Limousinen mit Berliner Kennzeichen, die eines Tages auf dem Marktplatz gegenüber ihrem Secondhand-Kinderladen Die Froschkönigin im Stadtteil Holweide eintrafen, der ebenfalls zum Wahlkreis gehört, wunderte sich Inhaberin Ulrike Schreurs: „Ich hab‘ zuerst gedacht, das wären zivile Ermittler, und hab‘ mich gefragt: ‚Wen verfolgen die denn?‘“ Aber dann habe sich der Platz mit Menschen gefüllt, Demonstrierende versammelten sich. „Sie haben für den Erhalt unseres Krankenhauses gekämpft“, weiß die Einzelhändlerin.

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Und als schließlich Karl Lauterbach zu den Anwesenden sprach, wunderte sie nichts mehr: „Der wird ja schon lange gut geschützt.“ Auch im Wahlkampf sei das so, hat Christina Hilpisch beobachtet. Die Architektin lebt im benachbarten Dellbrück, da war ihr in der Nähe des Marktplatzes ein Polizeiwagen „mitten in der Rewe-Einfahrt“ aufgefallen. „Ich dachte zuerst, die suchen einen Ladendieb, aber dann sah ich Karl Lauterbach am SPD-Stand.“ Personenschutz gehört für den fünffachen Vater dazu.

Der heutige Gesundheitsminister lief auch mal bei einer Demo mit

In Holweide beobachtete das auch Herbert Linhart (88). Denn der Chemikant im Ruhestand hat mitdemonstriert. „Meine erste Demo in Köln“, erzählt er und lacht. Mit 88? „Ja, warum denn nicht?“, fragt er zurück. „Ich fand das richtig.“ Früher sei er gewerkschaftlich schon mal in seiner damaligen Heimat Gelsenkirchen auf die Straße gegangen, in Köln aber erst mit Lauterbach. „Der setzt sich für uns ein“, glaubt Herbert Linhart. „Ich weiß zwar nicht, wie viel er tatsächlich ausrichten kann, aber er hat bei der Demo nicht nur gesprochen, er ist auch mit uns zum Krankenhaus marschiert. Das hat mir gefallen.“

Das Krankenhaus Holweide ist ein 407-Betten-Haus, bekannt ist es vor allem für die Klinik für Geburtshilfe mit etwa 2000 Geburten im Jahr. Auch die Klinik für Onkologie genießt einen guten Ruf. Sie ist es auch, die Herbert Linhart mit dem Krankenhaus verbindet: Seine Frau war dort drei Jahre lang an Darmkrebs behandelt worden, bevor sie verstarb. Und dieses Krankenhaus soll nach einem Beschluss des Rates der Stadt Köln geschlossen werden. Oberbürgermeisterin Henriette Reker (65; parteilos) möchte die Uniklinik mit den Kliniken der Stadt Köln fusionieren, ohne das Haus in Holweide, das zu große Verluste bringe.

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„Ein Unding“, wettert Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs. „In einem Bezirk mit gut 150.000 Einwohnern sollte es doch möglich sein, ein Krankenhaus wirtschaftlich zu führen. Da stellt sich die Bezirksvertretung ganz klar gegen den Beschluss des Stadtrates.“ Und zwar überparteilich, wie er betont. Was CDU-Fraktionschef Thomas Portz bestätigt. Und auch Karl Lauterbach äußerte bei Radio Köln im Oktober: Der Bedarf für das Krankenhaus sei unstrittig, das rechtsrheinische Köln gehöre zu den am wenigsten versorgten Stadtgebieten. Das Krankenhaus solle bleiben. Bei der Demo habe er sich ebenfalls für den Erhalt ausgesprochen.

Kann sich ein Gesundheitsminister nicht mehr in das Tagesgeschäft seines Wahlkreises einmischen?

Herbert Linhart beschreibt: „Er hat gesagt, wir sollten kämpfen, denn wenn das Krankenhaus erst einmal weg wäre, käme nie wieder eins hin. Diese Direktheit hat viele Leute angesprochen.“ Fuchs hofft nun, sein Parteikollege möge die Forderung des Erhalts wiederholen: „Denn wenn er das jetzt als Bundesgesundheitsminister sagen würde“, kalkuliert er, „dann hätte das Gewicht.“ Was Thomas Portz pessimistischer sieht: „Der Minister kann sich kaum in eine solche Frage des Tagesgeschäfts einmischen, auch wenn es sein Wahlkreis ist.“

Der Einsatz für das Krankenhaus, Einstehen gegen die Parteigenossen im Rat der Stadt und potenziell auch gegen seinen Arbeitgeber, immerhin ist Lauterbach nach wie vor Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Uniklinik Köln, sei beispielhaft für den Inhaber des Wahlkreises Leverkusen–Köln IV, findet Weggefährte Norbert Fuchs: „Wenn er etwas richtig findet, dann setzt Karl sich dafür ein.“ Was der einstige Widersacher Thomas Portz unterstreicht: „Karl ist ein Überzeugungstäter, der sich nicht beirren lässt.“ Was der Gesundheitsexperte während der Corona-Pandemie oft genug bewiesen hat.

„Ich denke“, urteilt CDU-Mann Portz, „dass Karl Lauterbach aufgrund seiner Kompetenz im Gesundheitsbereich und seiner Befähigung, selbst wissenschaftliche Studien zu interpretieren, der ideale Minister zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist.“ Zwei bis drei Stunden pro Tag habe der Gesundheitsökonom bereits täglich Studien gelesen, als er in den Wahlkreis gekommen sei, erinnert sich Fuchs. Und wünscht sich? „Dass wir bald mal wieder gemeinsam Fisch essen beim Scampino am Rhein. Ohne Salz. Nur Thunfisch und Brokkoli. Also – für Karl.“ Der Bezirksbürgermeister mag Salz. Aber er respektiert auch die asketische Lebensweise Lauterbachs. Und möchte gern von ihm wissen, wie es ist, sich den Traum vom Ministeramt erfüllt zu haben.

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