Warum ich (einstweilen) noch in der Kirche bleibe

Auch die Kirchen sind von der Coronapandemie kalt erwischt worden (Symbolbild).

Unser Autor will vorerst nicht aus der Kirche austreten (Symbolbild).

Wenn ich in einem übergeordneten, also spirituellen Sinne Trost suche – also nicht bei konkreten Menschen –, dann suche ich ihn oft im Wald oder in der (katholischen) Kirche. Sie bringen, auf je unterschiedliche Weise, etwas zum Klingen. Und ich gehe meist anders aus ihnen hinaus, als ich hineingegangen bin. Der Wald und die Kirche haben im Übrigen zweierlei gemeinsam: Sie sind über eine lange Zeit gewachsen – und es geht ihnen nicht gut. Es droht Verfall.

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Im Lichte der nicht abreißenden Nachrichten über sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche werden die Hinweise nun zunehmend unmissverständlich. Und sie kommen einer Aufforderung gleich. Wenn man ein Zeichen setzen wolle, dann könne man „doch austreten“, heißt es. Das klingt, als sei dies nicht nur ohne Weiteres möglich, sondern zwingend, wenn man moralisch sauber bleiben wolle.

Man kann angesichts all der Nachrichten über diese durch nichts zu rechtfertigende Gewalt und ihre Vertuschung zu dem Schluss kommen. Das ist gar keine Frage. Nur, so einfach, wie es sich manche denken, ist es eben doch nicht.

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„Großer Gott, wir loben Dich“

Dieses leicht dahin gesagte Man-könne-„doch austreten“ verkennt den Charakter religiöser Sozialisation, die jedenfalls früher in Kindertagen einsetzte – und mal einen einladenden, mal einen zwanghaften Charakter hatte. Das (organisierte) Katholischsein ist bei jenen, die es trotz all der Zumutungen der Amtskirche über die letzten Jahre geblieben sind, meist tief in die Seelen eingeschrieben. Nein, das ist für ein Verharren im Katholizismus noch keine Begründung, schon gar keine gute. Aber eine Erklärung ist es schon.

Eine Begründung ist, dass jeder Austritt die katholische Kirche als Institution weiter schwächt. Schon jetzt ist die Austrittswelle so massiv, dass sich fragen lässt, ob sie sich davon noch wird erholen können. Dabei sprechen wir von einer über 2000 Jahre alten Einrichtung, die den Inhalt des Glaubens und seine Weitergabe in liturgischen Formen bewahrt. Wir sprechen von Taufe, Kommunion, Firmung, Heirat und Beerdigung. Wir sprechen von Ostern, Pfingsten, Fronleichnam und Weihnachten. Und wunderbaren Liedern wie dem „Großer Gott, wir loben Dich“, das Angela Merkel zu ihrem Abschied hat spielen lassen. Von der Bundeswehr.

Mit einem Wort: Wir sprechen von einem organisatorischen Rahmen – man könnte auch sagen: von einem Gefäß – für eine geistige Welt, die mit diesem Rahmen unterginge, und zwar unwiderruflich. Wir sprechen schließlich über Formen tätiger Nächstenliebe, etwa in Gestalt der Caritas. Hier wird, zumindest dem Anspruch nach, etwas Humanes konserviert in Zeiten, die für Humanität wenig übrighaben.

Man kann wie gesagt mit Fug und Recht finden, dass sich die katholische Kirche durch die sexuelle Gewalt so nachhaltig gegen ihren Kernauftrag versündigt habe, dass sie nicht mehr zu retten sei. Das Argument ließe sich dann jedoch ähnlich gegen andere Organisationen richten, die evangelische Kirche oder Sportvereine, die ebenfalls Gutes propagiert und Böses getan haben.

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Gesellschaft ohne Bindungen

Dabei sind funktionierende Organisationen in einer Gesellschaft, in der sich zunehmend weniger Menschen mit einem gewissen Grad an Verantwortung verbinden und nicht allein vernetzen wollen, ein Wert an sich. Vereinen, Parteien oder Gewerkschaften laufen ja ebenfalls die Leute davon. Was da verloren geht, wird durch Facebook und Twitter nicht zu ersetzen sein.

Sicher, wer geht, der darf sagen, er habe mit all dem Unrecht, das in der katholischen Kirche geschah, nichts mehr zu tun. Das stimmt. Auch sind es nicht zuletzt die massenhaften Austritte, die jenen Prozess partieller Selbstaufklärung in Gang gesetzt haben, den wir heute erleben.

Offen ist, ob diese Kirche veränderbar ist. Ich meine trotz allem: Ja. Offen ist ebenso, ob sie ersetzbar und damit verzichtbar ist. Ich meine einstweilen noch: Nein.

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