Newsletter „Klima-Check“

Was will die Bundesregierung beim Weltnaturgipfel in Kanada erreichen?

Im mexikanischen Progreso waten Frauen durch einen Sumpf, um Mangrovensetzlinge zu pflanzen. Die Rettung der Mangrovenwälder in Gewässern und Sumpfgebieten gilt als klassisches Beispiel dafür, wie Artenschutz zugleich ein „naturbasierter Ansatz“ für den Klimaschutz sein kann.

Im mexikanischen Progreso waten Frauen durch einen Sumpf, um Mangrovensetzlinge zu pflanzen. Die Rettung der Mangrovenwälder in Gewässern und Sumpfgebieten gilt als klassisches Beispiel dafür, wie Artenschutz zugleich ein „naturbasierter Ansatz“ für den Klimaschutz sein kann.

Berlin. Liebe Leserinnen und Leser,

die Weltklimakonferenz in Ägypten ist gerade vorbei, da blicken die Politiker, Wissenschaftler und Aktivisten, die mit Klima-, Natur- und Umweltschutz befasst sind, schon zum nächsten Gipfel: Im kanadischen Montreal beginnt an diesem Mittwoch die 15. Weltnaturkonferenz. Bis zum 19. Dezember wollen die Mitgliedsstaaten dort ein globales Folgeabkommen für besseren Artenschutz erarbeiten und beschließen.

Dass ein Folgeabkommen dringend nötig ist, betonen nicht nur Umweltgruppen und Forscher, sondern auch Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne), die Deutschland in Montreal vertreten wird. Von den acht Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Welt sind Wissenschaftlern zufolge eine Million vom Aussterben bedroht, betonen sie. Das wird auch zum Problem für das Klima – und damit den Menschen.

Artensterben und Klimawandel Hand in Hand: Ein Fischer geht in der irakischen Provinz Dhi Qar über ein trockenes Stück Land in den Sümpfen des Südiraks, die unter den Folgen der Dürre und des steigenden Salzgehalts leiden.

Artensterben und Klimawandel Hand in Hand: Ein Fischer geht in der irakischen Provinz Dhi Qar über ein trockenes Stück Land in den Sümpfen des Südiraks, die unter den Folgen der Dürre und des steigenden Salzgehalts leiden.

Doch wie soll – und kann – die Konferenz dabei helfen? Wie groß sind ihre Chancen? Und was will Deutschland durchsetzen?

Faktencheck der Woche

Die „Conference of the Parties“ mit dem Kürzel „COP15″ bezieht sich dieses Mal auf die Unterzeichner der Biodiversitätskonvention. Sie sollte schon 2020 in China stattfinden, wurde aber wegen der Corona-Pandemie verschoben und zerteilt. Der erste Verhandlungsteil fand vorigen Oktober hauptsächlich online statt, der zweite nun in Montreal – aber weiter unter chinesischem Vorsitz.

Worum geht es auf dem Naturgipfel?

90 Prozent der Ökosysteme weltweit sind verändert worden, warnen Forscher wie Umweltschützer – und auch die deutsche Bundesregierung. Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht. Wird das nicht gebremst, ist auch der Mensch gefährdet: So viel hänge von der Biodiversität ab, zum Beispiel große Teile unserer Nahrung, Rohstoffe, sauberes Wasser, saubere Luft und viele Medikamente.

Nachdem die Weltgemeinschaft seit mehr als 30 Jahren immer wieder neue Ziele zum Artenschutz beschließt und verfehlt, sollen nun verbindliche Regeln und eine solide Finanzierung der Schutzprojekte erarbeitet werden. Eines der Hauptziele ist es, mindestens 30 Prozent der weltweiten Landes- und Meeresflächen bis 2030 unter Schutz zu stellen, also auch der Bewirtschaftung zu entziehen – das sogenannte „30 mal 30″-Ziel. Bislang ist nur ein Bruchteil davon geschützt.

Warum braucht es nach der Klima- nun noch eine Naturkonferenz?

Tatsächlich hängt beides zusammen. Forscher betonen, dass Artensterben und Klimawandel sich gegenseitig bedingen und verstärken. Durch die Erderwärmung trocknen zum Beispiel Wälder, Feuchtgebiete und Moore aus, die wichtige CO₂-Speicher sind. Deshalb ist aktiver Artenschutz zugleich Klimaschutz – dazu bekannte sich die Weltgemeinschaft auch im Abschlussdokument der Klimakonferenz in Ägypten.

Traditionell sind jedoch Maßnahmen zur Verringerung des CO₂-Ausstoßes auf den bisher 27 Klimagipfeln beschlossen worden, Schritte zum Artenschutz auf den Naturgipfeln. Zudem gibt es auch Klimaschutz, der dem Artenschutz schadet, zum Beispiel ein massiver Ausbau der Wasserkraft. Gerade deshalb spricht aber einiges dafür, dass die beiden Mechanismen künftig zusammen gedacht und wohl auch verhandelt werden sollten.

Wie realistisch ist es, dass neue Ziele vereinbart und dann auch umgesetzt werden?

Die Vorzeichen für Montreal sind durchwachsen: Schon im Vorfeld habe es „gewisse Spannungen“, vor allem politisch-diplomatischer Natur zwischen der chinesischen Präsidentschaft und Teilnehmerstaaten gegeben. Eine vorbereitende Resolution für das Treffen wurde von der UN-Vollversammlung sonst nicht üblich im Konsens verabschiedet.

Außerdem lud die chinesische Präsidentschaft keine Staats- und Regierungschefs zu dem Gipfel ein – deswegen werden nun auch – zumindest offiziell – auch keine erwartet. Eine ebenso große Herausforderung wird dann die Umsetzung. Bisher sind alle beschlossenen Artenschutzziele deutlich verfehlt worden.

Was will die deutsche Bundesregierung in Montreal erreichen?

Die deutsche Chefverhandlerin ist Umweltministerin Steffi Lemke (Grüne). Bereits nach einem Vorbereitungstreffen für den Naturgipfel am Rande der Klimakonferenz in Ägypten, an dem sie teilnahm, hatte sie gelobt, Scharm el Scheich gebe „Rückwind“ für Montreal. Sie lobte etwa, dass die Abschlusserklärung auch auf sogenannte „Nature-based Solutions“ setze, also Klimaschutz durch intakte und wiederhergestellte Natur. Die Weltgemeinschaft habe begriffen, dass die Menschheit „in drei existenziellen Krisen“ stecke, so Lemke: Klimakrise, Artenaussterben und Verschmutzungskrise. „Klimaschutz ist auf den Schutz der Natur und auf intakte Ökosysteme angewiesen“, sagt Lemke.

„Rückenwind für Montreal“: Die deutsche Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, Steffi Lemke (Die Grünen), bei einer Pressekonferenz beim UN-Klimagipfel COP27 im deutschen Pavillon.

„Rückenwind für Montreal“: Die deutsche Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz, Steffi Lemke (Die Grünen), bei einer Pressekonferenz beim UN-Klimagipfel COP27 im deutschen Pavillon.

Deutschlands Hauptziel für die Konferenz sei eine internationale Verpflichtung auf „ehrgeizige, messbare Ziele“ und auf wirksame Schritte zu deren Kontrolle und Umsetzung. Konkret will sie sich vor allem für das „30 mal 30″-Ziel und für klare Schritte zu dessen Erreichung einsetzen, so die Ministerin.

Zudem müsse eine „angemessene Finanzierung“ von Naturschutzmaßnahmen vereinbart werden. Die Bundesrepublik will ihren Beitrag für den Artenschutz auf 1,5 Milliarden Euro verdoppeln und würde so zum größten Geldgeber für den Bereich. Lemke will nun auch andere finanzstarke Staaten dazu bewegen, kräftig einzuzahlen.

Worauf setzen die Klimaschützer und Umweltverbände?

Die Erwartungen der Nichtregierungsorganisationen sind groß: Nicht weniger als einen „Paris-Moment für den Artenschutz“ erhoffe sie sich vom Gipfel, sagt etwa Elizabeth Maruma Mrema, die Chefin der UN-Biodiversitätskonvention der Deutschen Presse-Agentur – und bezieht sich damit auf die Pariser UN-Klimakonferenz von 2015, wo sich die Weltgemeinschaft erstmals zum Ziel bekannt hatte, die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das neue Abkommen müsse „ehrgeizig und transformativ“ sein, fordert sie: Es gehe um nicht weniger als das Überleben der Menschheit.

Nachhaltiger Artenschutz setzt auch Klimaschutz voraus.

Aus der Frankfurter Erklärung von Wissenschaftlern und Umweltgruppen

In Deutschland hatten in dieser Woche bereits mehrere Nichtregierungsorganisationen gemeinsam mit Forschern in einer „Frankfurter Erklärung“ [pdf] einen Appell an die Politik veröffentlicht: Nötig sei ein grundlegender Wandel im Wirtschaftssystem, hieß es darin unter anderem. Um das Leben auf dem Planeten in seiner heutigen Form zu bewahren, brauche es Regeln und Anreize für eine neue Form des Wirtschaftens, die im Einklang mit der Natur stehe und die Kosten des Artenverlusts den Unternehmen übertrage.

Die Autoren begrüßen zudem, dass die Bundesregierung sich für mehr Geld für den Artenschutz einsetzen will. Sie kritisieren jedoch, dass den angekündigten 1,5 Milliarden Euro aus Deutschland noch immer 65 Milliarden Euro an umweltschädlichen Subventionen gegenüberstehen, vor allem im Agrar- und Verkehrsbereich. Allein die Flutkatastrophe im Ahrtal, die als eine Folge des Klimawandels gilt, habe Kosten von 30 Milliarden Euro verursacht.

Infografik der Woche

 

Verbrauchertipp der Woche

„Irreführende Klimawerbung“ bei Lebensmitteln: Warum klimaneutral nicht gleich klimafreundlich ist – Immer mehr Unternehmen bewerben ihre Lebensmittel damit, klimaneutral oder gar klimapositiv zu sein. Die Verbraucher­organisation Foodwatch stellt ihnen in einem Report jetzt ein schlechtes Zeugnis aus. Johanna Apel erläutert die Details.

 

Unser neues Klimatool

Im Verlauf des Jahres 2022 lagen die Temperaturen in der Regel über dem langjährigen Durchschnitt.

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Wie schützen wir die Weltmeere? Mojib Latif zählt zu den renommiertesten deutschen Klimawissenschaftlern. In dieser Folge des RND-Klima-Podcasts spricht der Ozeanograph und Meteorologe über den Schutz der Weltmeere und warum es auch nach Jahrzehnten des Wissens nicht zu spät ist, den Einsatz fürs eine klimagerechte Erde aufzunehmen. Er verrät, woraus er Hoffnung zieht und welchen Rat er an die junge Generation hat – auch wenn er das 1,5 Grad-Limit für verspielt hält.

 

Zwei gute Nachrichten

 

Aktuelle Hintergründe

 

Bild der Woche

In Deutschland wurde auch in dieser Woche weiter über die Klimaprotestgruppe „Letzte Generation“ debattiert: Die Aktivisten selbst kündigten am Freitag verstärkte Störaktionen vor allem in Berlin und München an. Und die Innenminister von Bund und Ländern beschlossen am Freitag, mit Hilfe der Sicherheitsbehörden ein „Lagebild“ über die bundesweiten Aktionen und Strukturen der Gruppierung zu erstellen – auch, um ihre Aktivitäten künftig im Vorfeld zu unterbinden. 

Auch anderswo gingen die Proteste verschiedener Klimagruppen weiter: Im englischsprachigen Raum sorgen vor allem die Aktivisten von „Extinction Rebellion“ für Aufmerksamkeit. Auf diesem Foto aus dem australischen Melbourne sieht man zum Beispiel eine Aktion in einem H&M-Laden in einer Shopping Mall: Sie richtet sich gegen die umwelt-, klima- und tierfeindliche „Fast Fashion“ in der Modeindustrie – unter dem alten Motto „Dann lieber nackt“.

In Deutschland wurde auch in dieser Woche weiter über die Klimaprotestgruppe „Letzte Generation“ debattiert: Die Aktivisten selbst kündigten am Freitag verstärkte Störaktionen vor allem in Berlin und München an. Und die Innenminister von Bund und Ländern beschlossen am Freitag, mit Hilfe der Sicherheitsbehörden ein „Lagebild“ über die bundesweiten Aktionen und Strukturen der Gruppierung zu erstellen – auch, um ihre Aktivitäten künftig im Vorfeld zu unterbinden. Auch anderswo gingen die Proteste verschiedener Klimagruppen weiter: Im englischsprachigen Raum sorgen vor allem die Aktivisten von „Extinction Rebellion“ für Aufmerksamkeit. Auf diesem Foto aus dem australischen Melbourne sieht man zum Beispiel eine Aktion in einem H&M-Laden in einer Shopping Mall: Sie richtet sich gegen die umwelt-, klima- und tierfeindliche „Fast Fashion“ in der Modeindustrie – unter dem alten Motto „Dann lieber nackt“.

 

Termine

Montag, 5. Dezember, München: Die Klimaschutzinitiative „Letzte Generation“ hat erneute verstärkte Blockaden in München und Berlin angekündigt. Unter anderem soll laut Ankündigung der Gruppierung am Montagmorgen um 8 Uhr der Stachus in München blockiert werden.

Montag, 5. Dezember, 12.30 Uhr, Rostock: Start der internationalen Messkampagne zu Untersuchungen der Gesundheitsgefährdung durch Feinstaubemissionen und Luftverschmutzung von Flugzeugturbinen und Schiffsmotoren der Universität Rostock.

Dienstag, 6. Dezember 2022, Berlin: Kolloquium der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft zu „Landwirtschaft in der Heiß-Zeit“: Fachleute aus Wissenschaft und Praxis zeigen Lösungsansätze für Politik und Praxis.

Donnerstag, 8. Dezember, 18 Uhr, Berlin: Berliner Klimagespräch: „Ein Jahr Ampel: Zeitenwende für Klimaschutz?“ Wo steht der Klimaschutz nach einem Jahr Ampelregierung? Was wurde für eine sozial-ökologische Transformation erreicht? Diskussion mit Ricarda Lang (Bundesvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen), Jens Spahn (stv. Vorsitzender CDU/CSU-Bundestagsfraktion), Brigitte Knopf (stv. Vorsitzende Expertenrat für Klimafragen), Antje von Broock, Bundesgeschäftsführerin BUND.

 

Falls Sie Anregungen oder Kritik haben, melden Sie sich gern direkt bei unserem Redaktionsteam: klima@rnd.de. Wir freuen uns auf Ihr Feedback!

Nachhaltige Grüße,

Steven Geyer

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