Wasserkrise: Auf zu neuen Ufern

Kapstadt, Kalifornien, Nordeuropa: Wassermangel und Dürren sind ein globales Problem. Die vielfältigen Krisen sind nicht allein auf natürliche Ursachen zurückzuführen, sondern allzu oft hausgemacht.

Kapstadt, Kalifornien, Nordeuropa: Wassermangel und Dürren sind ein globales Problem. Die vielfältigen Krisen sind nicht allein auf natürliche Ursachen zurückzuführen, sondern allzu oft hausgemacht.

Potsdam. Wir Mitteleuropäer erfahren nur selten echte Wassernöte, was wir günstigen klimatischen Bedingungen und einer gut ausgebauten Versorgungsinfrastruktur zu verdanken haben. Dass dies durch eine massive Umgestaltung der natürlichen Wasserlandschaften erkauft ist, darf natürlich nicht verschwiegen werden.

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Wir wissen kaum, wie viel von dem lebensnotwendigen Nass wir täglich aus den Leitungen beziehen, und schon gar nicht, woher es eigentlich kommt. Gemessen an der Tatsache, dass derzeit rund zwei Milliarden Menschen in wasserarmen Regionen leben und mindestens ebenso viele keine sanitäre Grundversorgung haben, ist dies ein Luxus.

Dies zeigt auch ein kurzer Blick auf die konkrete Situation in anderen Weltgegenden im Jahre 2018: Kapstadt ist dank heftiger Regenfälle gerade noch einem Wassernotstand entronnen, der zu beispiellosen Zwangsrationierungen gezwungen hätte.

Die Krisen sind allzu oft hausgemacht

Über Kalifornien schwebt trotz momentaner Entspannung das Damoklesschwert einer jahrzehntelangen Megadürre. Im nördlichen Indien schwinden vor Jahrtausenden gebildete Grundwasservorräte rasant. Zumindest in Nordamerika sind 30 Prozent der Süßwasserarten vom Aussterben bedroht.

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Und der Jemen – ohnehin gezeichnet durch Nahrungsknappheit, Armut und Bürgerkrieg – erlebt die weltweit größte bisher erfasste Cholera-Epidemie, mitverursacht durch verunreinigtes Wasser. Wie die Köpfe einer Hydra tauchen immer neue Wasserkrisen und -konflikte auf, nachdem man sie andernorts in den Griff bekommen hat.

Diese vielfältigen Krisen sind nicht allein auf natürliche Ursachen zurückzuführen, sondern allzu oft hausgemacht. In vielen Fällen übersteigt die menschliche Nachfrage schlichtweg die natürlichen Wasservorkommen, oder es geht dringend benötigtes Wasser infolge mangelhaften Managements verloren. So verdunstet oder versickert mindestens die Hälfte des aus Flüssen, Reservoiren und Grundwasserspeichern für die landwirtschaftliche Bewässerung entnommenen Wassers ungenutzt aus Kanälen oder unbewachsenen Flächen.

Es gibt Füllhorn an Gegenmaßnahmen

Dabei gibt es ein Füllhorn an Gegenmaßnahmen und alternativen Wassernutzungskonzepten, die nur der Umsetzung harren. Oberstes Prinzip des sich bereits abzeichnenden Paradigmenwandels in der Wasserwirtschaft ist es, vom bisherigen “harten Pfad“ auf einen “weichen Pfad“ zu wechseln – weg von Profitmaximierung und sozial wie ökologisch unverträglichen Großprojekten hin zu sparsamen, kooperativen und integrierten Bewirtschaftungsweisen, die indes verschiedene gesellschaftliche Bereiche in die Pflicht nehmen.

Demgemäß ist die Leitfrage nicht mehr, woher mehr Wasser bezogen werden kann, um eine bestimmte Nachfrage zu bedienen, sondern ob und wie man vorhandenes Wasser so nutzen kann, dass lokale und globale Umweltgrenzen respektiert werden.

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In der Landwirtschaft zum Beispiel wären das die Einführung effizienter Bewässerungstechnologien oder die Wassersammlung mit Verfahren, die teils schon vor Jahrtausenden ausgetüftelt und praktiziert, in der Moderne aber vergessen oder verdrängt wurden. Dazu gehört auch, die gewaltigen Potenziale auszuschöpfen, die im sogenannten Regenfeldbau schlummern: Die Abdeckung freier Flächen oder eine gezielte Sortenwahl ermöglichen eine Umlenkung der Verdunstungsströme, um höhere Erträge zu erzielen, ohne dass auch nur ein zusätzlicher Tropfen Wasser benötigt wird.

Es muss ein Wasser-Ethos entwickelt werden

Doch nicht nur die Landwirte oder Wasserbehörden, sondern auch die Verbraucher haben Hebel in der Hand: Würde beispielsweise weniger Fleisch verzehrt werden, dessen Erzeugung inklusive Futtermittelanbau große Flächen und hohe Wassermengen beansprucht (nicht selten in weit entfernten Trockengebieten), ließe sich der “Wasserfußabdruck“ der Menschheit deutlich verkleinern.

Eine noch weiter gehende Überlegung ist, den Nahrungsmittelanbau eher in wasserreichen Gegenden zu betreiben, zumindest aber die Produktion von Exportgütern in wasserarmen Gebieten nachhaltig zu gestalten und beim Einkauf auf die Herkunft der Waren zu achten. Eine neue Wasser-Kultur muss erprobt, ein neues Wasser-Ethos entwickelt werden.

Schon diese wenigen Beispiele zeigen, dass es keine Allzwecklösung für Wasserprobleme gibt und dass viele Akteure auf unterschiedlichen räumlichen und administrativen Ebenen zusammenspielen. Der besagte Paradigmenwandel ist dabei kein Selbstläufer; er stößt auf Widerstände, wird durch Machtgefälle erschwert, erleidet Rückschläge.

Auch hierzulande sind wir nicht gefeit

In den USA etwa, wo spätestens seit der jüngsten Dürre eine solche Wende zu erhoffen war, droht der Schutz der empfindlichen Gewässerökosysteme aktuell im Morast der rückschrittlichen Umweltpolitik von Donald Trump und dessen neuem Umweltminister Andrew Wheeler, der auf den viel kritisierten Scott Pruitt folgt, zu versinken.

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Und um auf die Eingangsbemerkung zurückzukommen: Auch hierzulande sind wir nicht gefeit – gerade hat der Europäische Gerichtshof Deutschland wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser verurteilt, das nördliche und östliche Mitteleuropa erleidet neben der Rekordwärme der letzten Monate eine Dürre, und der globale Klimawandel macht sich mehr und mehr bemerkbar, auch und vor allem über Änderungen im Wasserkreislauf.

Umso wichtiger, dass wir alle uns fragen, wie wir uns am Aufbau einer zeitgemäßen Wasser-Kultur beteiligen können.

Dieter Gerten

Dieter Gerten

Prof. Dr. Dieter Gerten ist Koordinator für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor für Klimasystem und Wasserhaushalt im Globalen Wandel an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein Buch “Wasser. Knappheit, Klimawandel, Welternährung“ (207 Seiten, 14,95 Euro) ist bei C. H. Beck erschienen.

Von Dieter Gerten/RND

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