Wie der deutsche Klerus im Vatikan an Macht verliert

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat eingeräumt, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising eine falsche Aussage gemacht zu haben.

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat eingeräumt, bei seiner Stellungnahme für das Missbrauchsgutachten des Erzbistums München und Freising eine falsche Aussage gemacht zu haben.

Rom. Den Untergang der deutschen Übermacht im Vatikan beobachten jeden Morgen so manche. Es ist still an der Peterskirche in diesem Winter, ungewöhnlich still. Die Pandemie hat den Petersplatz zum Schweigen gebracht. Die ansonsten übliche Geräuschkulisse der zur Peterskirche strömenden Pilger stört die Ruhe im Vatikan zurzeit nicht.

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Es ist noch dunkel, wenn der Mann, der für viele zum Symbol des Untergangs der Deutschen im Vatikan wurde, seine Wohnung verlässt. Es ist Erzbischof Georg Gänswein, den Papst Franziskus im Januar 2020 als Präfekten des päpstlichen Hauses feuerte – Gänswein, der einstmals allmächtige Deutsche in der Schaltzentrale der Macht. Er verlässt seine Wohnung in dem Komplex, der im Vatikan scherzhaft „Alt Santa Marta“ genannt wird. Es ist ein Wohnblock neben der Audienzhalle, die den Namen Papst Paul VI. trägt. Der Erzbischof muss den Platz vor dem Komplex des neuen Santa-Marta-Gebäudes überqueren, dem Gästehaus, in dem Papst Franziskus wohnt.

Alle, die dort jetzt herrschen, haben die deutsche Übermacht erlebt – und viele erlitten. Jahrzehntelang, in den Jahren von 1981 bis 2005, regierte der Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Ratzinger, die katholische Welt mit eiserner Faust. Und er drangsalierte die Freunde des heutigen Papst Franziskus, die fast alle die Theologie der Befreiung unterstützten. Dann stieg Ratzinger zum Papst auf, und der Vatikan erlebte eine eindrucksvolle Fülle deutscher kirchlicher Macht.

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Neben Papst Ratzinger (D) stieg Kardinal Gerhard Ludwig Müller (D) zum Chef der Glaubenskongregation auf. An der Schaltstelle des Dialogs mit den übrigen christlichen Kirchen und dem Judentum saß Walter Kasper (D). Die sozialen Belange bearbeitete Kardinal Josef Cordes (D), die konservative Front unterstützte der Historiker Kardinal Walter Brandmüller (D).

Häme über den Zusammenbruch der Macht

Wenn Gänswein sich jetzt auf den Weg zum Kloster Mater Ecclesia macht, in dem Ratzinger lebt, und am Haus Santa Marta und der vatikanischen Tankstelle vorbei in Richtung des Gebäudes der vatikanischen Gendarmerie geht, weiß er wohl, dass ihn viele beobachten. Manche mit Häme angesichts des Zusammenbruchs der deutschen Macht im Vatikan.

Zurzeit bekleidet nur ein einziger Bischof aus Deutschland ein aktives Amt in einer päpstlichen Abteilung, und das ist ausgerechnet Franz Peter Tebartz-van Elst. Der mit Schimpf und Schande aus seiner Heimatdiözese Limburg verjagte Tebartz-van Elst dient nun wirklich nicht als glorreicher Vertreter deutscher kirchlicher Tradition, zumal er im Vatikan nicht einmal eine klar umrissene Aufgabe hat.

Neben ihm gibt es nur noch Pater Markus Graulich in der Abteilung der Gesetzestexte, Udo Breitbach bei der Bischofskongregation und den Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, Pater Norbert Hoffmann. Das war‘s. In das Debakel, das zurzeit der im Vatikan spöttisch „der Emeritus“ genannte Ratzinger erlebt, kann kein Deutscher mehr eingreifen, weil keiner mehr da ist.

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In einem unabhängigen Gutachten über Missbrauchsfälle im Erzbistum München und Freising wurde Ratzinger vor wenigen Wochen schwer belastet. Er soll als Münchner Erzbischof (1977–1982) in vier Fällen nicht ausreichend gegen Missbrauchstäter vorgegangen sein. Erst hatte Ratzinger geleugnet, bei einer entscheidenden Sitzung dabei gewesen zu sein. Etwas später folgte ein Schreiben, in dem er erklärte, doch an der Sitzung teilgenommen zu haben. Später bat er um Entschuldigung für die Missbrauchsfälle – nach einhelliger Meinung allenfalls halbherzig.

Wie gesagt: ein Debakel.

Die Krise um Ratzinger managen jetzt andere Leute. Allen voran der mächtigste Medienmann der Kirche, Andrea Tornielli. Der persönliche Freund von Papst Franziskus hat kaum Zeit für seine Familie in Mailand, weil im Vatikan eine Krisensitzung im Fall Ratzinger die andere jagt. Tornielli gehörte selbst jahrzehntelang als Journalist zum Tross der Päpste und ist befreundet mit Kollegen aus alten Zeiten. Normalerweise ist er stets bereit, mit Hintergrundinformationen auszuhelfen. Es sei denn, die Sache ist wirklich heiß. Dann beschränkt er sich auf den Hinweis, dass es einfach zu „delicato“ sei, um auch nur vertraulich darüber zu sprechen. Da die Presseabteilung des Vatikans überhaupt nichts sagt, ohne dass Tornielli es will, ist von dort im Moment auch keine Klärung in der Angelegenheit Ratzinger zu erwarten.

Wie aber konnte es überhaupt zu dem Debakel um Ratzinger kommen? Wieso hat die flügellahme deutsche Clique so getan, als sei sie noch eine Macht, die mit den Behörden umspringen kann, wie sie es in der letzten absolutistischen Wahlmonarchie der Welt, dem Vatikan, gewohnt war? Warum wurden Erklärungen und Dokumente, die nach Deutschland gingen, mit Papst Franziskus und dessen Apparat nicht abgestimmt?

Was das Staatssekretariat des Vatikans besonders aufregt, ist die Art, in der Gänswein mit einem Schreiben zurückgerudert ist. Darin korrigiert Ratzinger die Erklärung, er haben von den Missbrauchsfällen nichts gewusst. Es habe sich um einen redaktionellen Fehler gehandelt, heißt es. Jeder im Vatikan kennt die Darstellungen von Mitarbeitern der Glaubenskongregation Ratzingers. Alle wirklich wichtigen Texte ließ er sich wieder und wieder vorlegen, gegenlesen, bewerten und wieder vorlegen. In der Glaubenskongregation war Ratzinger berüchtigt, weil er um jedes Komma stritt. Dass es in einer so wichtigen Sache zu einem redaktionellen Fehler in seinem Umfeld kommen konnte, halten die Zuständigen im Staatssekretariat für unglaubwürdig.

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Unterdessen versuchen die Männer, die zum kläglichen Rest der deutschen Macht im Vatikan gehören, zu retten, was zu retten ist. Verzweifelt versuchen alte Ratzinger-Gefolgsleute, ausgerechnet einen der ältesten Feinde des „Emeritus“ auf ihre Seite zu ziehen, Kardinal Walter Kasper. Der ist nach einer schweren Operation zwar wieder zu Hause, hat aber die Angewohnheit, sein Handy in seiner Wohnung abzustellen und sein Fax einzuschalten, wenn er nicht gestört werden will. Somit ist er zurzeit nur schwer zu erreichen.

Einst putzte Ratzinger Kardinal Kasper herunter

Der Kardinal gehört immer noch zu den Schwergewichten im Vatikan, Papst Franziskus schätzt ihn sehr. Doch die Kränkungen, die Ratzinger Kasper zufügte, sind wohl nie wirklich verheilt. Der Chef der Glaubenskongregation putzte den ehemaligen Stuttgarter Bischof nach dessen Ankunft 1999 in Rom herunter – als nicht katholisch, als jemand, der die Lehrmeinung der katholischen Kirche nicht vertritt. Kasper hat das vermutlich verziehen, aber sicher nicht vergessen. Es gilt als unwahrscheinlich, dass er sich schützend vor Ratzinger stellt.

Wenn Georg Gänswein das letzte Stück der Strecke zum Ratzinger-Kloster hinaufsteigt, kommt er am Gefängnis des Vatikans vorbei. Unter anderem Gänsweins Aussagen brachten im sogenannten Vatileaks-Skandal den Kammerdiener des Papstes im Jahr 2012 in eine Zelle dieses Gefängnisses. Gänswein managte die Vatileaks-Affäre und gewöhnte sich damals so sehr an die Macht, dass seine Kritiker ihm nie verziehen, was geschah, als er mit Joseph Ratzinger das päpstliche Appartement nach dessen Rücktritt verließ: Er weinte, traurig über den Verlust der Macht. So sehen das zumindest viele im Vatikan.

Nach dem Rücktritt bleibt dem Gespann Gänswein/Ratzinger nur das Kloster Mater Ecclesiae. Seit Monaten schon können Besucher allerdings nur noch mit Mühe verstehen, was der „Emeritus“ sagt. Eine Delegation eines großen deutschen Lebensmittelherstellers beklagte etwa, dass Gänswein die Worte des Papstes mittlerweile „übersetzen“ müsse. Es sei für einen normalen Zuhörer nicht mehr verständlich, was der Papst sage. „Joseph Ratzinger kann sich etwa dreißig Minuten konzentrieren, dabei fallen ihm immer wieder mal die Augen zu, aber er versteht alles. Er liest und schreibt noch, informiert sich über neue theologische Bücher und bestellt sie auch. Es gibt keinen Zweifel, dass er versteht, was um ihn herum geschieht“, sagte ein Besucher, der im Dezember bei Ratzinger war, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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Sagte Ratzinger also bewusst die Unwahrheit über die Missbrauchsfälle in seinem alten Bistum? Und besann er sich erst, als das Münchner Gutachten Fakten auf den Tisch legte, darauf, die Wahrheit zu sagen? Oder drängten die Berater um Gänswein und dessen enge Freunde aus der Santa-Croce-Universität, die zur Personalprälatur Opus Dei gehört, den ehemaligen Papst, die Unwahrheit zu sagen? Und ruderten sie – erschrocken darüber, erwischt worden zu sein – mit späteren Erklärungen zurück?

Dass Papst Franziskus seinem Vorgänger beistehen könnte, gilt im Vatikan als äußert unwahrscheinlich. Wer den geringsten Zweifel daran hatte, dass das Verhältnis zwischen Papst Franziskus und seinem zurückgetretenen Vorgänger seit Jahren vollkommen zerrüttet ist, konnte sich vor wenigen Monaten vom Gegenteil überzeugen. Ein bestens gelaunter Papst hatte zwei Journalisten des päpstlichen Pressecorps eine Auszeichnung verliehen. Franziskus scherzte, nahm sich viel Zeit, schien bester Dinge zu sein. Unmittelbar darauf sollte er den Joseph-Ratzinger-Preis verleihen. Die versammelten Preisträger sahen einen Papst, dessen Laune sich blitzartig und unübersehbar so verschlechterte, dass von einer fröhlichen Preisverleihung nicht mehr die Rede sein konnte. Franziskus ging geradezu ruppig mit den Ratzinger-Freunden um.

Andreas Englisch kennt den Vatikan wie kaum ein zweiter deutscher Journalist. Zuletzt sind die Bücher „Der Pakt gegen den Papst“ und „Mein geheimes Rom“ von ihm im Bertelsmann-Verlag erschienen.

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