Wird Deutschland von Virologen regiert?

Jens Spahn (CDU, v. r.), Bundesgesundheitsminister, Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, und Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, äußern sich Anfang März in der Bundespressekonferenz zur Ausbreitung des Coronavirus.

Jens Spahn (CDU, v. r.), Bundesgesundheitsminister, Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, und Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, äußern sich Anfang März in der Bundespressekonferenz zur Ausbreitung des Coronavirus.

Berlin. Deutschland scheint sich in eine Ärztedemokratie verwandelt zu haben. In der Corona-Pandemie sind es Virologen, Epidemiologen oder Lungenfachärzte, die mit ihren Erkenntnissen und Einschätzungen die Politik leiten.

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Lange stand diese im Ruf, sich über den Rat von Experten hinwegzusetzen. So hat die Regierungspolitik im Umgang mit der Klimakrise den einmütigen Dringlichkeitsappellen der Forscher zum Trotz bis heute kein resolutes Maßnahmenpaket zur CO₂-Reduzierung vorlegen können.

Doch angesichts der unmittelbaren Bedrohung durch die tödliche Covid-19-Krankheit setzen Politiker in Bund und Ländern auf einmal schier grenzenloses Vertrauen in das Urteil der Experten.

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Auch Unbehagen macht sich breit

Plötzlich nehmen Virologen an Besprechungsrunden im Kanzleramt und in Ministerien teil. Sie sind Dauergäste in TV-Talkshows. Die täglichen Pressekonferenzen des Robert-Koch-Instituts geben den Takt im politischen Berlin vor. Das Urteil der Fachleute war ausschlaggebend dafür, dass Schulen geschlossen und Kontaktsperren verhängt wurden, dass die Wirtschaft zum Stillstand gekommen ist.

Doch trotz des Vertrauens, das die Männer und Frauen in Weiß bei Politik und Bürgern genießen, macht sich da auch Unbehagen breit. Lässt sich die Politik gerade von der Wissenschaft entmündigen? In einer Zeit, in der die Forschung keine gesicherten Erkenntnisse vorzuweisen hat, sondern ihre Annahmen zum neuen, weitgehend unbekannten Corona-Virus selbst immerzu überprüfen, oft genug auch verwerfen muss? Annahmen, die sich mitunter widersprechen?

Christian Drosten, Chef der Virologie an der Berliner Charité, geht offensiv mit der Fehlbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnis um. Er und einige seiner Kollegen betonen, dass nicht sie über die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie entscheiden, sondern die Politik – auf Basis der Befunde aus den Laboren. Drosten, der es mit seinem täglichen NDR-Podcast zu großer Beliebtheit gebracht hat, hadert mit dem ihm zugeschriebenen Einfluss.

Die Entscheidungsmacht kann den Politikern niemand nehmen

Aber auch viele Politiker hadern dieser Tage mit der ihnen zufallenden Verantwortung. Auf den Zickzackkurs in Sachen Schulschließungen angesprochen, verwies etwa NRW-Ministerpräsident Armin Laschet jüngst auf das widersprüchliche Meinungsbild unter den Virologen. Als wolle er den Schwarzen Peter weiterreichen.

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Es ist wohl so: Forscher liefern Erkenntnisse, auf deren Grundlage Politiker Entscheidungen treffen. Die Entscheidungsmacht kann ihnen keiner nehmen. Ohnehin sollte die öffentliche Präsenz der Experten nicht mit Macht verwechselt werden. Aber beide Gruppen tragen große Verantwortung. Beide können ihr nur gerecht werden, wenn sie einen offenen Umgang mit der unvermeidbaren Vorläufigkeit ihrer Urteile pflegen. Und auch mit ihren Fehlern.

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