Unmut in Russland

Wirkt sich der westliche Sanktionseifer kontraproduktiv aus?

Nicht nur Ikea hat seinen Betrieb in Russland bis auf Weiteres eingestellt.

Nicht nur Ikea hat seinen Betrieb in Russland bis auf Weiteres eingestellt.

Moskau. Dmitrij Sokolow ist wütend. Denn die Sanktionen des Westens gegen Russland als Antwort auf die militärische Eskalation in der Ukraine haben auch den dänischen Spielwarenriesen Lego dazu veranlasst, seine Lieferungen nach Russland einzustellen. Und dabei spielt Sokolows zehnjährige Tochter Aljona so gerne mit den bunten Plastikbausteinen des dänischen Spielwarenriesen: „Seit wann müssen Kinder für geopolitische Entwicklungen geradestehen“, fragt der 45-jährige Moskauer erbost, „so umstritten die auch sein mögen?“

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Auch Lydia ist aufgebracht. Die Russin studiert derzeit in Großbritannien und fühlt sich von dem Tweet eines jungen Amerikaners angegriffen, der fordert, alle russischen Studierenden aus den USA auszuweisen: „Ich bin aus Russland geflohen, um der Staatsmacht zu entkommen“, tweetete die 21-Jährige zurück, „mich auszuweisen würde einen riesigen Schatten auf mein Leben werfen und mich als Person zerstören.“

Westliche Strafmaßnahmen, die gar nicht sein müssten, lösen allem Anschein nach im Augenblick den größten Widerspruch in Russland aus. Was die Politik in Berlin, Paris und Washington beschlossen hat, muss die russische Bevölkerung als unausweichlich hinnehmen, doch kein Unternehmen oder keine Universität im Westen ist gezwungen, Russinnen und Russen Produkte oder Dienstleistungen zu verweigern. Gerade diese Form des Boykotts bringt die Menschen allerdings auf, wie Aleksej Ustanow beobachtet hat.

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Der Westen räumt den Asiaten das Feld

Der 34-Jährige gibt Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden in Moskau in den Fächern Physik und Mathematik Nachhilfe und kommt viel in Familien der Mittel- und unteren Oberschicht herum: „Die Sanktionen sind kontraproduktiv“, findet der Absolvent der renommierten Moskauer Staatlichen Universität, „denn sie versetzen die Menschen in Zorn gegen den Westen und nicht gegen Wladimir Putin, den die Strafmaßnahmen ja eigentlich treffen sollen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Die Menschen hielten das Verhalten der USA und der Europäer vor dem Hintergrund bisheriger westlicher Vorhaltungen für widersprüchlich. „Wenn es um den Klimawandel geht, predigen sie ständig, dass wir dieses globale Problem nur gemeinsam lösen können. Aber jetzt legen sie alle Berührungspunkte still.“

Viele russische Eltern bewunderten zum Beispiel Westeuropa und die USA und wollten, dass ihre Kinder dort studieren. Doch jetzt sei plötzlich völlig offen, ob russischen Studentinnen und Studenten noch Zugang zum westlichen Bildungssystem gewährt werde, obwohl sich viele von ihnen schon allen dortigen Testverfahren gestellt hätten: „Das wird dazu führen, dass unser akademischer Nachwuchs nach Asien ausweicht“, warnt Ustanow. „Die Nanyang University in Singapur ist gerade zur besten Ausbildungsstätte in den Ingenieurswissenschaften ausgerufen worden. Damit verhindert der Westen langfristig, dass er seine Werte unseren Studenten einpflanzt, die Russland nach ihrer Heimkehr im freiheitlichen Sinne positiv verändern könnten. Das ist doch dumm.“

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Auch auf dem russischen Warenmarkt räumte der Westen das Feld zugunsten asiatischer Wettbewerber – zumindest vorübergehend. Während die europäischen Modeketten H&M und Zara ihre Läden in Russland zuschlossen, gab das japanische Label Uniqlo bekannt, für russische Kunden weiterhin da zu sein und führte dafür sogar eine moralische Erwägung als Grund an: „Kleidung ist ein Grundbedürfnis“, sagte Firmenchef Tadaschi Janai der japanischen Tageszeitung „Nihon Keizai Shimbun“, „die Menschen in Russland haben dasselbe Recht so zu leben wie wir.“

Doch diese – womöglich scheinheilige Begründung – ließ sich nicht lange durchhalten. Nach massiver Kritik in den sozialen Medien zog sich Uniqlo aus dem Einzelhandel in Russland zurück.

Russen stehen mehrheitlich offenbar hinter Putin

Der fernöstliche Anbieter schloss sich damit westlichen Moralvorstellungen an, die im Ernstfall eben bedeuten, den Verlust von Umsatz und Gewinn hinzunehmen: „Unser Verständnis von Corporate Social Responsibility besagt, dass Firmen ihre Reputation nicht dadurch beschädigen dürfen, indem sie Regierungen unterstützen, die Menschrechtsverletzungen begehen“, sagt Theocharis Grigoriadis, Ökonom am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Der Abzug der Firmen sei allerdings auch die ganz nüchterne Entscheidung, mögliche Schäden durch den westlichen Angriff auf das russische Finanzsystem zu verhindern.

Neben moralischen Überlegungen sollen die westlichen Sanktionen Wladimir Putin unter Druck setzen. Doch das scheint im Augenblick nicht der Fall zu sein: Die Zustimmungswerte des Präsidenten sind in Russland offenbar eher gestiegen, auch wenn das in der westlichen Öffentlichkeit bisweilen unterzugehen scheint. Die blickt gerne auf die mutige Protestaktion der TV-Journalistin Marina Ovsyannikova im Staatsfernsehen oder den „stürmischen Applaus“ von Passagieren nach der Putin-kritischen Durchsage eines russischen Piloten nach der Landung im türkischen Badeort Antalya, die in den Medien und den sozialen Netzwerken zu Recht als Belege für die Standhaftigkeit der russischen Zivilgesellschaft gefeiert werden.

Anfang März bildeten sich lange Schlangen in Russlands Ikea-Filialen, nachdem der Konzern angekündigt hatte, den Betrieb erst einmal auszusetzen.

Anfang März bildeten sich lange Schlangen in Russlands Ikea-Filialen, nachdem der Konzern angekündigt hatte, den Betrieb erst einmal auszusetzen.

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Doch diese Einzelaktionen spiegeln allem Anschein nach nicht die aktuelle Stimmung in der russischen Bevölkerung wider. Die „Stiftung Öffentliche Meinung“ gab Anfang März das Ergebnis einer Umfrage bekannt, wonach 71 Prozent der Befragten Vertrauen in die Arbeit von Wladimir Putin zum Ausdruck gebracht hätten. Am 22. Februar – zwei Tage vor Beginn dessen, was in Russland als „militärische Spezialaktion“ in der Ukraine bezeichnet wird – habe der Wert noch bei 64 Prozent gelegen.

Was passiert, wenn die Emotionen abkühlen?

Die Aussagen der Stiftung sind mit Vorsicht zu genießen, denn sie ist kremlnah. Doch auch das Levada-Zentrum, das einzige unabhängige Meinungsforschungsinstitut Russlands, ermittelte im Februar einen Zustimmungswert von 71 Prozent für Putin, was aus Sicht Levadas ebenfalls einen Anstieg gegenüber vorherigen Umfragen darstellt.

Russische Expertinnen und Experten sind unterschiedlicher Auffassung darüber, wie diese Umfragewerte zu interpretieren sind. Oleg Iwanow, Leiter des „Zentrums für die Beilegung sozialer Konflikte“, geht so weit zu sagen, dass der von den Meinungsforschern konstatierte Zuspruch für den Präsidenten eine Gegenreaktion auf die westlichen Sanktionen darstellt: „Die USA und ihre europäischen Partner verstehen die Mentalität des russischen Volkes nicht“, sagte er der Tageszeitung „Moskowskaja Gaseta“. „Sie glauben, dass Strafmaßnahmen die Russen dazu bringen könnten, ihre derzeitige Regierung auszutauschen, aber genau das Gegenteil wird eintreten. Ausländische Sanktionen scharen das Volk nur um die Figur des amtierenden Präsidenten, weil sie die wahre Haltung der westlichen Welt gegenüber Russland zeigen.“

Aleksej Firsow, Gründer der russischen Denkfabrik „Platforma“, glaubt allerdings, dass es noch zu früh ist, die Auswirkungen der westlichen Sanktionen auf die Haltung der Russinnen und Russen einzuschätzen: „Dieser anfängliche Zuspruch für Putin in den Umfragen war zu erwarten und noch nicht aussagekräftig“, sagte er der „Moskowskaja Gaseta“. „Viel entscheidender wird sein, wie sich die Situation weiterentwickelt, wenn die Emotionen abkühlen, die Geschehnisse in der Ukraine zunehmend zum Alltag gehören, und der Lebensstandard sinkt.“

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Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels haben wir dargestellt, dass Uniqlo noch immer auf dem russischen Markt aktiv sei. Das war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht mehr richtig. Wir haben das im Text korrigiert.

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