Kommentar zum Flughafenchaos

Zwei Jahre gepennt. Danke für nichts, liebe Reisebranche

So hatten sich die Deutschen die erste Reise nach Corona nicht vorgestellt: Hunderte Flüge mussten diesen Sommer annulliert werden.

Wer hätte es ahnen können? Wer hätte ahnen können, dass nach zweieinhalb Jahren Pandemie, nach unzähligen Lockdowns, Homeoffice und Home­schooling und unzähligen abgesagten Veranstaltungen die Menschen Lust auf Urlaub haben? Wer hätte ahnen können, dass die große Reisewelle nach den ersten Lockerungen kommt, dass es die Menschen nach neuen Eindrücken, Sonne, Strand und Rauskommen dürstet?

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Nun – so ungefähr jeder.

Schon im vergangenen Jahr zeigten Hoch­rechnungen der Reisebranche, dass 2022 wieder so viel gereist werden wird wie 2019, also vor der Pandemie. Seit Monaten berichten Airlines, Reise­veranstalter und Destinationen über Buchungen in Rekordzahl. Doch Konsequenzen zogen sie nicht, weder die Airlines noch die Reiseveranstalter noch die Flughäfen. Anstatt das Angebot den verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anzupassen, konnten munter weiter Flüge gebucht werden, auch wenn die Kapazitäten längst erschöpft waren. Anstatt Menschen die Chance zu geben, sich neue Urlaubszeiten und neue Urlaubs­destinationen auszusuchen, dominierte die Gier, möglichst viele Reisen zu verkaufen. Irgendwie wird es schon gehen. Jetzt stellt sich heraus: Nein, es geht nicht irgendwie.

Chaos zum Ferienbeginn: lange Warteschlangen am Düsseldorfer Flughafen

Hunderte Flugpassagiere warten auf ihre Abfertigung. Und einigen wurde sogar kurzfristig der Flug annulliert.

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Flughäfen und Airlines wussten um die Situation – und verkauften trotzdem weiter Reisen

Das, was schon an Pfingsten zu sehen war und im Sommer seinen Höhepunkt finden wird, war vorhersehbar. Es war vorhersehbar, dass Flughäfen und Airlines kapitulieren müssen ob der großen Anfrage bei gleichzeitigen Personal­engpässen. Denn sie wussten, wie viele Tickets sie verkauft hatten, sie wussten, wie viele Menschen in diesen Tagen an die Flughäfen strömen würden. Und sie müssen wissen, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Doch statt Ausgelassenheit und Urlaubsfreude nach zweieinhalb Jahren, in denen viele weder viel Tageslicht, noch viele Freunde gesehen haben, schickt sich nun der dritte Sommer an, für mehr Frust als Freude zu sorgen. Dieser Frust entlädt sich bereits, etwa, wenn sich, wie in Düsseldorf geschehen, Menschen an der Sicherheits­kontrolle oder gar auf dem Rollfeld prügeln, um noch rechtzeitig den Urlaubsflieger zu erreichen.

Frust statt Urlaubsfreude: Dieses Chaos war vorhersehbar

Allein die Lufthansa-Gruppe streicht mehr als 3000 Flüge im Juli und August, der Flughafen Schiphol in Amsterdam muss in den beiden Hoch­sommer­monaten bis zu 30.000 Passagierinnen und Passagiere täglich stehen lassen, wenn die Airlines keine Flüge vorab und von sich aus streichen. Die Szenen in Europa ähneln einander, ob Hannover oder London, Oslo oder Brüssel.

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Nicht immer entlädt sich der Frust direkt, aber er ist da, vor allem bei jenen, die durch die Corona-Pandemie ohnehin am Limit sind. Es sind Menschen, die tagelang ohne Gepäck am Urlaubsort auskommen müssen (oder deren Gepäck gar komplett verschwindet), Menschen, die auf Mallorca, in Hurghada oder London festsitzen, weil Flüge annulliert werden. So hat man sich den ersten größeren Urlaub nach Corona nicht vorgestellt.

Doch während die Corona-Pandemie unvorhersehbar war, unplanbar, ist das Flughafenchaos in diesem Sommer hausgemacht.

Sommerurlaub in Europa größtenteils ohne Corona-Maßnahmen möglich

Die Sommerferien stehen vor der Tür – und damit wieder die Frage, welche Corona-Bestimmungen bei der Einreise in verschiedene Urlaubsziele gelten.

Zwei Jahre Corona – Tourismusneustart ohne Konzept

Zwei Jahre hatte die Tourismusbranche Zeit, sich Konzepte zu überlegen. Zwei Jahre schon weiß sie um den Personalstand in allen Bereichen – vom Bodenpersonal am Flughafen über die Crew an Bord bis hin zu Mitarbeitenden in Hotels und Gastro. Seit zwei Jahren geht man von der großen Reisewelle nach Corona aus, seit vergangenem Jahr ist klar, dass diese Reisewelle 2022 kommen wird, und doch scheint es so, als seien nun alle überrascht. Oops, die Sommerferien kommen aber auch immer so plötzlich.

Die Gesellschaft hat zwei Jahre gelitten. Menschen waren krank, Menschen starben. Kinder mussten daheim betreut werden, nebenher Homeoffice. Ausgleich für den stressigen Alltag gab es kaum. Dafür vielleicht den Traum von der Leichtigkeit, vom ersten unbeschwerten Urlaub nach Corona, der half, diese schwierige Zeit zu überstehen. Es wurde gespart für die erste Reise – schon früh zeigte sich, dass die Deutschen bereit sind, mehr Geld für den ersten Urlaub nach Corona auszugeben.

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Für viele Menschen dürfte das Flugchaos nun ein großer Dämpfer sein. Statt Vorfreude auf den Urlaub und Entspannung im Urlaub ist da nur noch Hoffen und Bangen: Hoffen, dass der Flug geht, Bangen, dass man rechtzeitig an Bord kommt, Hoffen, dass man am Zielflughafen sein Gepäck hat, Bangen, dass man nicht am Urlaubsort strandet.

Airlines müssen schnell und offen kommunizieren – damit Reisende neue Pläne machen können

Doch was nun, da die Sommerferien in Nordrhein-Westfalen starten, und so schnell kein Personal auffindbar ist? Nun wäre es nur fair, mit offenen Karten zu spielen – und schnell zu kommunizieren. Entscheidungen, welche Flüge über den gesamten Sommer ausfallen, müssen unmittelbar getroffen werden. Die Reisenden müssen unverzüglich informiert werden, ob ihre Flüge stattfinden oder nicht. Das gezahlte Geld für die Flugtickets oder die Pauschalreise muss umgehend erstattet werden.

Damit würden die Airlines ihren Kundinnen und Kunden immerhin die Chance geben, sich bei den ausgefallenen Ferien alternative Wege zu suchen, etwa mit Zug oder Auto anzureisen. Der Frust ist ohnehin da, aber mit Offenheit würde wenigstens das Hoffen und Bangen wegfallen, die Menschen könnten eher entspannen und sich vielleicht doch noch auf ihren Sommerurlaub freuen.

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