Vladimir Pinjuh

„Als ich noch ein Kind war...“

Vladimir Pinju heute: „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“.

Vladimir Pinju heute: „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“.

Von Heinz-Gerd Arning
Pinjuh wuchs als Jüngstes von vier Kindern auf. Die Familie wohnte in Derventa im heutigen Bosnien. Vater Nikola war Bahnhofsvorsteher, Mutter Antonija Hausfrau. Direkt neben dem Bahnhof lag die Wohnung der Familie. Pinjuh erinnert sich an einen amerikanischen Bombenangriff auf deutsche Stellungen, in deren Verlauf ein Munitionszug explodierte. Jeder versuchte, sich in Sicherheit zu bringen. "Mama, lebst du noch, ich lebe noch", so hat er gerufen damals, als kleines Kind mit dem Anblick des plötzlichen Todes von gerade noch lebenden Bekannten konfrontiert.

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1944 kam die Einschulung, alle Klassen zusammengewürfelt. Nach dem Krieg änderte sich das schnell, Schulreformen wurden umgesetzt, Pinjuh erreichte zunächst die Mittlere Reife. Sportunterricht gab es auch, angesichts der schweren Lage in der Nachkriegszeit beschränkte sich das auf Gymnastik und Turnen.

Ein Holzbrett, über zwei Fässer gelegt und ein weiteres Brett als Netzersatz, fertig war die Tischtennisplatte. Die Schläger waren einfache Küchenbretter. „Es hat an allem gefehlt, aber wir waren genügsam“, erinnert sich Pinjuh. Eine besondere Herausforderung bildete der Ball. „77-mal mit Aceton geflickt, der sprang wie eine Kartoffel“, erinnert sich Pinjuh schmunzelnd. Fußball wurde auch gespielt, auf der Straße, mit einem ähnlich einfachen Ball wie die Tischtennisspieler. Pinjuh blieb seinem Sport treu. „Die Liebe zum Tischtennis war stärker“, sagt der spätere jugoslawische Bundesligaspieler.

Bevor es so weit war, zog die Familie 1951 nach Opatija. Dort besuchte Pinjuh das Wirtschaftsgymnasium bis zum Abitur in 1957. Nebenher verdiente er sich Geld als Liftboy in einem Hotel am Meer. Das Trinkgeld sei manchmal mehr gewesen als die Pension seines Vaters, so Pinjuh. Es folgte der Militärdienst und ein abgebrochenes Ökonomiestudium.

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Sportlich veränderte sich das Leben am neuen Wohnort erheblich. Zum ersten Mal erhielt Pinjuh die Möglichkeit, in einem Verein zu spielen. Vor allem war die Ausstattung im „Stolui Tenis Klub Opatija“ eine andere, weitaus bessere als die gewohnte. „Den Verein gibt es heute noch, sie haben 2010 60-jähriges Jubiläum gefeiert“, sagt Pinjuh. Jetzt ging es im Training ans Eingemachte, der Feinschliff zum richtigen, kompletten Spieler stand im Vordergrund.

Trainiert wurde auch in den Schulferien, von morgens sechs Uhr bis zehn Uhr, abends von 18 Uhr bis 22 Uhr, wegen der großen Hitze tagsüber.

Der Erfolg ließ nicht auf sich warten, Pinjuh spielte in der jugoslawischen Bundesliga. „Damals die stärkste Liga Europas“, meint Pinjuh stolz. Dann kam die Militärzeit, die Karriere wurde für drei Jahre unterbrochen. Ihre Fortsetzung fand die sportliche Laufbahn allerdings nicht mehr in der Heimat, sondern in Deutschland.

1962 kam Pinjuh in Rinteln an. Er sah seine berufliche Zukunft in der Tourismusindustrie, Opatija war mit 60 bis 70 Hotels voll darauf ausgerichtet. In Deutschland wollte Pinjuh entsprechende Sprachkenntnisse erwerben. Ein bis zwei Jahre wollte er bleiben, aber das Leben wollte es anders. "Ich hatte Pech und lernte meine Frau kennen, dass verfolgt mich heute noch", erzählt Pinjuh lachend. Und wie es ihn verfolgt, mit seiner Hannelore feiert Vladimir Pinjuh in zwei Jahren Goldene Hochzeit.
Als einer der ersten jugoslawischen Gastarbeiter in Rinteln begann er bei der Firma Weserwaben (jetzt Weserbauelemente). Schnell kam die Erkenntnis, dass er Anschluss an die Gesellschaft suchen müsse. Das war weniger schwierig als gedacht, sein Sport half ihm, schnell die Brücke in die Gesellschaft zu schlagen. In der Turnhalle an der Breiten Straße überzeugte Pinjuh die Rintelner Tischtennisspieler schnell von seinen Fähigkeiten.

Von da an liefen sportliche und berufliche Karriere erfolgreich parallel. Neun Kreismeistertitel erspielte sich Pinjuh, zahlreiche Doppel und gemischte Doppel-Titel kamen hinzu. Dreimal wurde Pinjuh Vizemeister bei den Bezirksmeisterschaften. Beruflich ging es nach zwei Jahren bei der Rintelner Volksbank zum BHW. Zwölf Jahre arbeitete Pinjuh in der Kreditabteilung, 1978 machte er sich als Versicherungsmakler selbstständig. Bis 2009 übte Pinjuh den Beruf aus.

Das Tischtennis lässt Pinjuh bis heute nicht los. In der Klasse Senioren Ü70 wurde er mit Dr. Volker Rübberdt und Friedhelm Hoppe Mannschafts-Niedersachsenmeister. „Damit haben wir uns die Qualifikation erworben, an den deutschen Meisterschaften in Regensburg teilzunehmen“, sagt Pinjuh. Rückblickend auf sein Leben resümiert der 75-Jährige: „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden“.

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