Protest im Stadion

Die Ultras stellen sich ins Abseits

Foto: Kein Jubel, dafür aber Transparente: Ein Teil der 96-Anhänger forderte die Ablösung von Dirk Dufner und Martin Kind.

Kein Jubel, dafür aber Transparente: Ein Teil der 96-Anhänger forderte während des Spiels gegen den Hamburger SV die Ablösung von Dirk Dufner und Martin Kind.

Hannover. Ja, wo waren sie denn so schnell hin? Schiedsrichter Robert Hartmann hatte das Nordderby gerade abgepfiffen, auf dem Rasen lagen sich die 96-Spieler freudetrunken in den Armen, und während Zehntausende im weiten Rund des Stadions den Sieg über den Hamburger SV feierten, war er ruck, zuck leer: jener Zuschauerblock in der Nordkurve, in dem die Ultras Hannover ihre Stammplätze haben. Keine Spur mehr von denen, die sonst für sich in Anspruch nehmen, Gralshüter der guten Stimmung zu sein und der Mannschaft treu zur Seite zu stehen. Nicht nur dann, wenn es etwas zu feiern gibt wie am Sonnabend beim 2:1, sondern auch, wenn es nicht läuft, so wie in den Wochen zuvor.

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Statt selbst Lieder auf die „Roten“ zu singen, bekamen die Hardcore-Fans bei ihrem Abgang diesmal etwas zu hören. „Ultras raus!“ schallte es durchs Stadion, und dass die Rufe vor allem aus unmittelbarer Nähe, speziell aus dem Unterrang der Nordkurve kamen, verdeutlichte die ungewöhnliche Gemengelage, bei der es sich um mehr zu handeln scheint als um atmosphärische Störungen.

Zwischen den 96-Anhängern tut sich derzeit ein tiefer Graben auf, das gegenseitige Verständnis tendiert gegen null. Ausgerechnet zum wichtigen Spiel gegen Hamburg hatte die „organisierte Fanszene“, wie sie sich selbst bezeichnet, erklärt, sie werde die Unterstützung für die Mannschaft einstellen. Begründet wurde dies unter Hinweis auf das Derby bei Eintracht Braunschweig vor allem damit, die 96-Klubverantwortlichen hätten zu wenig mit den Belangen der Anhängerschaft im Sinn. Deshalb sei die Lust darauf vergangen, „Dienstleister bezüglich der Stimmung“ zu sein, wie die Ultras im Vorfeld des Spiels wissen ließen und sich damit bewusst ins Abseits stellten.

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Rund 400 Aktionsbefürworter saßen so 90 Minuten lang äußerlich reg- und teilnahmslos in ihrem Block. Keine Fahne wurde geschwenkt, kein Schal in die Höhe gehalten, kein Spielername beim Verlesen der Aufstellung laut wiederholt, keines der beiden 96-Tore auf erkennbare Weise bejubelt. Stattdessen gab es Transparente zu sehen – auch im Unterrang, wo die den Ultras nahestehende „Brigade Nord“ ihren Platz hat –, mit denen bekannte Feindbilder gepflegt wurden, vorneweg der Klubchef. „Alles Gute zum Geburtstag. Gemeinsam für den Klassenerhalt, 96 altes Haus. Mach Dir selber ein Geschenk: Schmeiß Kind und seine Schergen raus!“ Nicht nur vom Verein, der am Sonnabend 118 Jahre altgeworden ist, fühlen sich die Ultras und ihre Gesinnungsbrüder schlecht behandelt, auch Polizei und Presse wurden mit Schmähungen bedacht.

Das Kontrastprogramm zu den Ultras hatte es zu ihren Füßen gegeben. Dort zeigte der Aufruf zum Stimmungsboykott nur mäßigen Erfolg; die 96-Hymne „Alte Liebe“ war im Unterrang beim Anpfiff allgemeines Liedgut. Dass hier später geklatscht und angefeuert wurde, muss einige im Ultra-Block so geärgert haben, dass – wie Augenzeugen berichten – Bierbecher flogen. Auch kurze Rangeleien untereinander waren zu sehen. Nach einem 96-Sieg wohlgemerkt.

Von Norbert Fettback

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