Handball/ Sven Seegers

Querschnittsgelähmt und der Weg zurück

Ursache war eine für einen Sportler eigentlich banale Sache.

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 Während eines Ausfluges wollte Seegers ein Geländer überspringen. Kein Problem soweit, nur diesmal blieb er mit einem Fuß am Geländer hängen. Seegers prallte mit dem Kopf voran auf den Boden auf, das Rückenmark im Halswirbelbereich wurde gestaucht und verdreht. Mit brutalen Folgen: Im Bruchteil einer Sekunde wurde aus dem knapp 1,90 Meter großen und 92 Kilogramm schweren Mittelmann des Oberligisten MTV Großenheidorn ein unbeweglicher und hilfloser Mensch.

 „Oh Scheiße, was ist jetzt passiert“, an diesen ersten Gedanken erinnert sich Seegers, als er feststellte, dass er bewegungsunfähig war. Es dauerte einige Minuten, bis seine Kameraden die Tragweite des Vorfalls richtig einordneten. Dann folgte das ganze bekannte Szenario, erst der Rettungswagen, bald darauf der Rettungshubschrauber. Seegers wurde in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) transportiert.

 In Hannover folgte die Diagnose: Der dritte und vierte Halswirbel waren verdreht mit direktem mechanischen Einfluss auf das Rückenmark. Die Spezialisten der MHH operierten Seegers, der unterhalb des Kopfes gelähmt war. Durch eine eingesetzte Platte sowie ein Knochenstück aus dem Becken wurde der betroffene Bereich stabilisiert.

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 Parallel bemühten sich die Ärzte, für Seegers einen Platz im Berufsgenossenschaftlichen Krankenhaus Boberg in Hamburg zu bekommen. Dort befindet sich das vielleicht beste Zentrum für solche Verletzungen in Deutschland. Fünf Tage nach dem Unfall wurde Seegers per Hubschrauber nach Hamburg transportiert. Die Prognosen waren klar und doch wieder nicht.

 Entweder ein Pflegefall oder es kommt etwas zurück, so wie es jetzt steht bleibt es nicht, so wie es war, wird es nicht wieder – ein harter Bissen, der da von Seegers und seiner Familie und Freundin geschluckt werden musste. In Hamburg kommt Seegers ein wenig zur Ruhe, die Notwendigkeit, sich mit dem Thema „Querschnittslähmung“ auseinanderzusetzen drängt sich ins Bewusstsein. „Das erschlägt dich total“, erinnert sich Seegers.

 Von einem Tag auf den anderen aus dem normalen Leben gerissen, vom austrainierten Mittelmann zu einem Menschen, allein nicht in der Lage, die juckende Nase zu kratzen. „Das ist ein Gefühl, das kann man nicht beschreiben“, sagt Seegers. Immer auf Hilfe angewiesen zu sein, das sei vor allem am Anfang schwer gewesen. „Das ist der Horror“, beschreibt er die Gefühlslage. Vor allem die Ungewissheit wie es ausgehen würde macht zu schaffen.

 Hilfe kommt von einem Psychologen, dem Krankenhauspfarrer, den Eltern und der Freundin. „Dir gehen so viele Sachen durch den Kopf, kannst nachts nicht schlafen, weil du denkst, du erstickst“, blickt Seegers zurück. Die Unterstützung war groß, vor allem von seiner Mannschaft aus Großenheidorn, dem heimatlichen Umfeld. Betreuer Dieter Mahrarens kassierte das Trikot mit der Nummer neun ein, Seegers blieb bis heute der Mannschaftskapitän „El Capitano“.

 „Diese Unterstützung war für mich ein Zeichen, dass ich den Leuten was schuldig war“, meint Seegers. Die ersten Wochen sahen nicht gut aus, es kam nichts zurück. Dann passierte es doch, plötzlich ließ sich der linke Fuß bewegen, jeder kleine Fortschritt wurde aufgeschrieben. Dazu gehörte das Spüren der Thrombosespritzen im Bein oder das Anspringen der Muskulatur in den Fingern. „Du bist über jeden kleinen Fortschritt froh“, sagt Seegers. Je mehr Funktionalität zurückkam, desto größer wurde der Ehrgeiz, Seegers begann richtig zu beißen.

 Er übersprang den Punkt, der als erreichbar erwartet wurde. „Ich habe immer gesagt, mehr Therapien, jetzt komm, da geht noch mehr“, erläutert er den Antriebswillen. Die Therapeuten des Krankenhauses unterstützten Seegers hervorragend. Da gab es noch ein Ziel, das wollte er unbedingt erreichen: Das erste Saisonspiel der Mannschaft zu sehen.

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 In der Halle flossen Tränen, als „El Capitano“ auf eigenen Beinen, damals noch ungelenk wirkend, nach fünf Monaten im Krankenhaus tatsächlich zum Spiel erschien. Seegers feierte auf dem Parkett mit seinen Kameraden den ersten Sieg.

 Handball auf dem Niveau der Oberliga wird wohl nicht mehr möglich sein. Aber das Traineramt würde ihn schon reizen, so Seegers. Die Zeit im Hamburger Krankenhaus haben die Sicht der Dinge verändert. „Da hat man gesehen, was die Pflegerinnen und Pfleger für einen hammerharten Job haben. Vor den Leuten habe ich allergrößten Respekt“, bekundet er den Dank für die Hilfe, ohne die der Weg zurück nicht zu beschreiten war.

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