Schwere Vorwürfe gegen Konzerne

Whistleblower-Bericht veröffentlicht: Betreibt Australien mit seiner Kohle Etikettenschwindel?

Ein Kohleberg in der Nähe von Muswellbrook im Hunter Valley, Australien.

Ein Kohleberg in der Nähe von Muswellbrook im Hunter Valley, Australien.

Sydney. Auf der Seite des Minerals Councils of Australia stehen die salbungsvollen Worte: „Emissionen mit australischer Kohle senken.“ Der frühere australische Premierminister Scott Morrison brachte einst ein Stück Kohle ins Parlament, um stolz das „schwarze Gold“ Australiens zu bewerben. Und selbst der amtierende Regierungschef Anthony Albanese, der das Land eigentlich zu deutlich ehrgeizigeren Emissionszielen verpflichtet hat, preist gern die australische „Qualitätskohle“ an. Letzteres ist das Narrativ der australischen Kohleindustrie, die argumentiert, dass die globalen Treibhaus­gas­emissionen steigen würden, wenn ausländische Kunden Kohle aus einem anderen Land beziehen müssten. Schließlich seien Australiens Kohleexporte qualitativ hochwertiger und würden weniger Emissionen verursachen.

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Laut dem parteilosen Abgeordneten Andrew Wilkie ist all das jedoch eine große Lüge. Wilkie hat vergangene Woche vor dem australischen Parlament schwere Anschuldigungen gegen Australiens Kohleexporteure erhoben. Er bezog sich dabei auf „Tausende von Dokumenten“, die er von einem Whistleblower – anscheinend einem leitenden Angestellten eines Kohleunternehmens – erhalten haben will. Er warf den Bergwerksfirmen vor, die Qualität der australischen Kohle mit falschen Laborergebnissen aufzuhübschen.

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Als Beispiel nannte er einen Bericht, der in einer früheren Version noch einen höheren Wassergehalt enthielt als in der Endversion. Mehr Feuchtigkeit führt dazu, dass die Kohle weniger effizient verbrennt. Damit Verantwortliche im Ausland solche Diskrepanzen ignorieren und Exporte nicht ablehnen, sollen laut Wilkie Bestechungsgelder geflossen sein. Letztendlich gehe es den australischen Kohleexporteuren rein darum, die eigenen Gewinne zu steigern, so der Politiker.

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Behörden haben bisher nicht reagiert

„Der Betrug ist Umwelt­vandalismus“, sagte Wilkie vor dem australischen Parlament. Er mache „das ganze Gerede von Netto-null-Emissionen bis 2050 zu einer Fiktion“. Wilkie merkte zudem an, dass die frühere Regierung, das zuständige Ministerium, die Polizei sowie die Aufsichtsbehörde – die Australian Securities and Investment Commission (Asic) – bereits seit Längerem informiert seien. Doch bisher habe niemand etwas unternommen. Selbst als sich eines der Testlabore im Jahr 2020 selbst anzeigte und eingestand, Kohlezertifikate gefälscht zu haben, endete dies ohne Strafe vonseiten der Behörden.

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Die Kohle, über deren Qualität falsche Angaben gemacht worden sein soll, soll nach Japan, Südkorea, Indien und bis 2020 nach China gegangen sein. Letztere Lieferungen pausieren derzeit, nachdem Peking nach diplomatischen Spannungen den Handel mit Australien einschränkte. Ob dieser nach einem positiven Treffen zwischen Chinas Staatschef Xi Jinping und dem australischen Premier Albanese wieder aufgenommen wird, ist derzeit noch Spekulation. Die aktuellen Betrugsvorwürfe werden sicher auch in China mit Interesse verfolgt.

Großkonzerne auf der Anklagebank

Laut Wilkie sind etliche Großkonzerne in die Betrugsvorwürfe verwickelt. Der Parlamentarier nannte die australische Macquarie Bank sowie die Bergbaufirmen Terracom, Anglo American, Peabody und Glencore. Auf Anfrage reagierte als einziger der Schweizer Rohstoffkonzern: Glencore habe Wilkies Äußerungen zur Kenntnis genommen, hieß es in einem Statement. Und weiter: Der Konzern sei „in keinerlei Untersuchungen oder Verfahren involviert, die mit dieser Sache in Verbindung stehen“. Peabody wie auch Anglo American stritten die Vorwürfe gegenüber australischen Medien ab.

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Tim Buckley, Direktor des Thinktanks Climate Energy Finance, der selbst auch die bei Gericht eingereichten Dokumente eingesehen hat, ist davon überzeugt, dass die Vorwürfe Hand und Fuß haben. Er sei sich sicher, dass tatsächlich „Betrug, Täuschung, Diebstahl und Bestechung“ im Spiel seien, sagte er. Die Frage sei nun, wie weit dies reiche. Das Ganze sei eine „nationale Schande“ für Australien.

Buckley gestand jedoch auch ein, dass sich die Vergehen nicht einfach nachweisen lassen. Die Kohleindustrie sei äußerst geschickt vorgegangen. Die Daten seien nur minimal, „mal ein Prozent hier und dort“, angepasst worden und die Gelder seien nicht direkt, sondern über viele Umwege, wie beispielsweise einen „Urlaub erster Klasse nach New York“, geflossen.

„Zweifelhafte Wirtschaftsmodelle“

Buckley hofft, dass eine offizielle Untersuchung die Wahrheit ans Tageslicht bringen kann und die Beteiligten zumindest Geldstrafen erhalten. Er verwies dabei auf die hohen Summen, die Glencore bereits in Großbritannien und den USA zahlen musste, nachdem man dem Konzern umfangreiche Schmiergeldzahlungen und damit Korruption und Marktmanipulation nachweisen konnte.

Der Thinktank Australia Institute verwies in einer E‑Mail zudem darauf, dass die Bergbauindustrie in Australien seit Langem mit „zweifelhaften Wirtschaftsmodellen“ und „glatten Lügen“ arbeite, beispielsweise um die Anzahl der Arbeitsplätze, die sie schaffe, oder die Höhe der Steuern, die sie zahle, zu schönen.

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Immerhin hat die Parlamentsrede Wilkies nun aber Bewegung in die Sache gebracht: Die Bundesministerin für Ressourcen, Madeleine King, bestätigte, dass die Regierung den Berichten nachgehe und Informationen sowohl von der Aufsichtsbehörde Asic als auch dem Ministerium für Industrie angefordert habe. Man wolle „Australiens Ruf als zuverlässiger und wettbewerbsfähiger Lieferant hochwertiger metallurgischer und thermischer Kohle wahren“, so die Ministerin. Sollte die Regierung nach der Auswertung der angeforderten Informationen keine offizielle Untersuchung einleiten, will der Parlamentarier Wilkie im nächsten Schritt Dokumente des Whistleblowers öffentlich machen.

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