Wenn die Party (nicht) zurückkehrt

Wie geht es der Clubszene nach harten Pandemiejahren?

Party im Felsenkeller: Club-Betreiber in Leipzig bereiten sich auf den Freedom Day vor.

Party im Club: Während der harten Pandemiejahre undenkbar.

Berlin. Es liegt Musik in der Luft, als die Schlange vor dem Void Club langsam wächst. Es ist noch nicht Mitternacht, doch die Bässe des Clubs im Berliner Stadtteil Rummelsburg dringen bereits nach außen. Vor dem Gelände treffen sich die ersten Feierwütigen, plaudern, sitzen auf der Bordsteinkante, schmieden Pläne für die Nacht.

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Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Joris und John. Vor der Corona-Pandemie sei er häufig auf Partys gegangen, sagt John. Dann, als er gerade 18 wurde, kamen die Einschränkungen. „Wenn jetzt alles wieder öffnet, ist der Drang da, viele Sachen nachzuholen“, sagt er. „Aber natürlich ist da auch noch die Vorsicht.“

Joris stimmt zu – und erzählt von privaten Feiern, wo sich ein Konsens der Rücksichtnahme eingebürgert habe. Daran, dass der Sommer irgendwann enden wird und die Corona-Zahlen bereits jetzt wieder steigen, wollen die beiden jungen Berliner an diesem Abend nicht denken. „Ich blende es aus“, sagt John.

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Berlin hat das Feiern nicht verlernt

Drinnen im Club zucken die tanzenden Körper zu elektrischer Musik. Wer nicht wüsste, dass die Clubs der Hauptstadt geschlossen und wieder geöffnet, Regeln wie 2G+ eingeführt und dann wieder abgeschafft wurden, dass das Nachtleben zeitweise zum Erliegen gekommen war, würde es nicht merken. Die Party geht weiter. Maske trägt niemand, sie ist auch nicht Pflicht. Noch sind die Abstände groß zwischen den Tanzenden, doch die Nacht ist auch noch jung.

Die Partyhauptstadt Berlin, so scheint es an diesem Sommerabend, hat es nicht verlernt. An der Spree hört man Trommelmusik, an einer Straßenecke gibt ein Musiker seine Lieder zum Besten, in den Clubs laufen sich die DJs warm. Die Stadt kann wieder das tun, wofür sie berühmt ist: Sie singt, sie tanzt, sie vibriert.

Personal ist abgewandert

Und dennoch ist nicht einfach alles wie früher. Die Clubs kämpfen mit steigenden Preisen, mit Personalmangel, mit Nachschubproblemen für Technik und Tequila. 1,5 Millionen Menschen, vom Türsteher über die Barfrau bis zum Bühnenbauer, sind aus der Gastronomie- und Veranstaltungsbranche abgewandert, bei letzterer sind das 40 Prozent der Beschäftigten. Viele, die lange dabei waren, haben die Nacht gegen den Tag eingetauscht, verdienen ihr Geld jetzt im Einzelhandel mit Feierabend zu bürgerlichen Zeiten und freien Abenden mit der Familie.

Wer neu anfängt, kann sich die Bars und Clubs aussuchen und Bedingungen stellen: Mittlerweile wollen Thekenkräfte manchmal von sich aus eine zweite Probeschicht einlegen – um zu sehen, dass der Laden auch wirklich zu ihnen passt. Sie hätten ja noch andere Optionen.

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Und auch die Feiernden sind wählerischer geworden. Robin Schellenberg hat da einen guten Einblick. Er ist Mitgründer und Betreiber des Klunkerkranich auf dem Dach eines Einkaufszentrums in Neukölln, zudem legt er als DJ auf und sitzt im Vorstand der Clubcommission, dem Lobbyverband für die Berliner Nacht. Der Klunkerkranich läuft wieder gut, sagt er: An den Wochenenden stünden die Clubgänger bei ihm teilweise zwei Stunden an. Anderswo sei deutlich weniger los.

Weniger ausländische Partytouristen in Berlin

Das Party-Hopping ist vorbei, auch wegen der stark gestiegenen Eintrittspreise. Bis zu 70 Euro Eintritt werden aufgerufen – das war in Berlin lange undenkbar. „Die Leute gehen superspontan weg und entscheiden sich für einen Club am Abend“, berichtet Schellenberg. Es werden weniger DJs gebucht, die dafür längere Sets spielen. Einige sind ganz neu in der Branche – sie haben sich während der Corona-Jahre in den sozialen Netzwerken einen Namen gemacht und legen nun plötzlich im Berghain auf. Die ausländischen Partytouristen kommen zwar zurück, aber sie prägen die Nacht weniger als vor der Pandemie.

Eine Woche vor Ferienstart: Berliner Flughafen rechnet nicht mit Chaos

BER-Chefin Aletta von Massenbach versucht, die Reisenden zu beruhigen. Sie zeigt sich eine Woche vor dem Ferienstart in Berlin und Brandenburg optimistisch.

Doch die Berliner Nacht gab immer noch ein anderes Versprechen: Dass sie für jede und jeden da war, dass die Clubs safe spaces, also Schutzräume, für jede Ausprägung von Lebens- und Feierstil bieten, dass ein schmaler Geldbeutel (nicht überall) ein Ausschlussgrund ist. Das hat sich geändert: Wer jetzt wieder im Geschäft ist, muss verdienen.

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Corona-Sommerwelle sorgt für Risiko

Unbeschwert ist der Sommer also eigentlich nicht. Dazu kommt die Corona-Sommerwelle: Sie macht ein schlechtes Gewissen im Hinterkopf – und ist ein Risiko, das viele eingehen. Zu lange standen die Discokugeln still. Und wer weiß schon, was der Herbst bringen wird.

Den Drang, jetzt viel nachzuholen, beobachtet auch Burkhard Kieker. „Die Leute haben gelernt, nichts mehr zu verschieben“, sagt der Geschäftsführer der Tourismusagentur Visit Berlin. „Die Mentalität ist, jetzt zu leben.“ Und er weiß, wovon er redet: Die Pandemiejahre haben dem Tourismus in der Hauptstadt spürbar zugesetzt.

August 2021: Clubgäste stehen Schlange, um bei einem Pilotprojekt zum Feiern unter Corona-Bedingungen mitzumachen.

August 2021: Clubgäste stehen Schlange, um bei einem Pilotprojekt zum Feiern unter Corona-Bedingungen mitzumachen.

Der „große Dampfer Berlin“, um es mit Kiekers Worten zu sagen, lag auf dem Trockenen. Wurden 2019 noch 34 Millionen Übernachtungen gezählt, waren es 2020 gerade einmal 12 Millionen. Ein Jahr später kletterte die Zahl mühselig auf 14 Millionen. Auch für 2022 liegen bereits erste Daten vor: Von Januar bis April wurden rund 5,9 Millionen Übernachtungen in der Hauptstadt verzeichnet.

2000 Veranstaltungen in Berlin jeden Tag

Jetzt aber soll es wieder losgehen: Der große Dampfer Berlin, sagt Kieker, sei wieder in Fahrt. Er rechnet damit, dass sich Kultur und Tourismus, die zu den „wichtigsten Wirtschaftsfaktoren“ Berlins gehören, bis 2023 oder spätestens 2024 wieder so erholt haben, dass sie das Vorkrisenniveau erreichen. Vor der Pandemie habe es in Berlin 2000 bis 3000 Veranstaltungen gegeben – jeden Tag. „Angefangen von den Symphonikern bis zum Tango im Hinterhof“, führt Kieker im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) aus.

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Und die Zahlen nähern sich diesem Niveau wieder an: Aktuell fänden etwa 2000 Veranstaltungen am Tag statt, sagt er. Natürlich kommt Berlin dabei das Sommerwetter zugute: Die warmen Temperaturen locken Besucher auf Freiluftkonzerte, in die Biergärten, auf die Dachterrassen der Stadt.

Was nicht mehr passieren sollte, ist ein Lockdown.

Burkhard Kieker,

Geschäftsführer der Tourismusagentur Visit Berlin

Und auch drinnen geht das Leben wieder weiter: Seitdem der Berliner Senat im Frühjahr die Maskenpflicht und andere Corona-Einschränkungen aufgehoben hat, strömen wieder zahlreiche Feierwütige in die Clubs und Bars der Stadt. Darunter natürlich auch Touristen: Etwa 15 Prozent der Berlin-Besucher würden wegen der Clubs und des Nachtlebens in die Hauptstadt reisen, sagt Kieker.

„Aber das sind Leute, die natürlich auch noch andere Dinge machen.“ Doch beim Tourismus gibt es auch spürbare Veränderungen: Aktuell, führt Kieker aus, kämen 65 Prozent der Besucherinnen und Besucher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die übrigen 35 Prozent seien aus anderen Ländern. „Das war mal 50/50″, sagt er. Beim Ausland seien vor allem europäische Länder wie Spanien, aber auch die USA stark vertreten.

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Clubs müssen sich für den Herbst aufstellen

Und sie kommen auch, um in den Berliner Clubs die Nacht zum Tag zu machen. Berghain, Klunkerkranich, Kater Blau: „Die Clubkultur ist nach wie vor ein ganz starker Magnet“, sagt Kieker. Sie habe die gleiche Anziehungskraft und sei so interessant und vielfältig wie vor der Pandemie. Noch weiß allerdings niemand, wie der Herbst aussehen wird. „Es ist eine große Unsicherheit da“, resümiert Kieker, der selbst von einer „Glaskugel“ spricht, was Zukunftsaussichten angeht. Eine Sache will er allerdings auf jeden Fall vermeiden: „Was nicht mehr passieren sollte, ist ein Lockdown.“

Zwei Damoklesschwerter hängen in diesen Monaten über den Clubs: die Angst vor Rückforderungen gewährter Corona-Hilfen und die unsichere Aussicht auf die kältere Jahreszeit. Die Clubcommission in der Corona-Pandemie hat eine langfristige Lösung gefordert, um bei neuen Wellen Schließungen zu verhindern. Die Lösungen für den Herbst seien da, erklärte die Vorsitzende Pamela Schobeß. „Wer allerdings meint, nur auf Abstand und Masken im Kulturbereich zu setzen, der nimmt auch wieder Schließungen in Kauf. Das wäre leichtfertig und eine Katastrophe für die Berliner Spielstätten.“

Clubcommission verweist auf Pilotprojekt

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In den ersten Wochen der Öffnung im März galten noch 2G- oder 2G-plus-Regelungen, bis dann alle Regeln fielen und zurzeit nur noch eine schwache Erinnerung sind. Aber die Test- und Impfnachweise könnten einigermaßen problemlos wieder abgefragt werden. „Bevor die Läden wieder zugemacht werden, sollte es wieder eine Teststrategie geben“, fordert auch Robin Schellenberg. Kurz und knapp fügt er an: „Lieber so als zu.“

Vorerst aber geht die Party weiter, zweifelsohne. Auch im Void Club scheint es, als habe es ein Tanzverbot nie gegeben. Die Musik ist schrill, die Feiernden tanzen, als wäre nie etwas gewesen. Dass nach dem Sommer auch der Herbst kommt, und mit ihm vielleicht wieder Beschränkungen, scheint hier weit entfernt. Berlin hat sich wieder warmgelaufen. Und der Sommer hat gerade erst begonnen.

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