Vom Sofa aus zum Millionär?

Die Tricks und Maschen der Neobroker

Aktien – Börsen-App für Apple iOS.

Aktien – Börsen-App für Apple iOS.

Die typische spielsüchtige Person in Deutschland ist männlich, jung, arbeitslos und verzockt ihr Geld am Automaten. Mit dem üblichen Bild eines Aktionärs hat sie wenig gemein. Das überspitzte Bild eines Wertpapierhändlers ist eher Leonardo DiCaprio, wie er in „Wolf of Wallstreet“ mehr Geld verdient, als er ausgeben kann. Dennoch konsumieren sie beide praktisch die gleiche Droge, an dessen Ende eine Sucht droht.

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Börsenspekulationen können einen starken Sog ausüben, der Menschen in die Abhängigkeit treibt. Insbesondere beim Onlinedaytrading über sogenannte Neobroker. Mit schnellen An- und Verkäufen lockt ständig der Reiz großer Gewinne – im Prinzip das Gleiche wie beim Spielautomaten, der blinkt und klingelt, um das Weiterspielen anzuregen. Gefühle aus jüngster Kindheit werden befriedigt: Spielen macht Spaß – solange man gewinnt. Beim Gewinnen bekommen die Zockerinnen und Zocker einen regelrechten Kick: Adrenalin wird ausgeschüttet.

Unter anderem haben sie sich genau das Neobroker zum Geschäftsmodell gemacht. Die Online-Trading-Apps bieten Geldanlage für jedermann und Money-Influencer stellen Aktienhandel als Allheilmittel dar – eine Geldmaschine, die es nur anzuschalten gelte. Die Neobroker haben aber auch Schattenseiten: Es drohen Spekulationen, Kontrollverlust und Sucht. Wie auch eine Studie der Universität Hohenheim zeigt.

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Neobroker: Handeln für die Masse

Grundbaustein der Unternehmensstrategie der Neobroker ist es, so viele Menschen wie möglich auf ihre App zu locken. Sie machen es Neuankömmlingen, denen der Aktien- und Finanzmarkt sonst kompliziert und anspruchsvoll vorkam, spielend einfach mitzumischen. Die Anmeldung ist simpel, dauert nur wenige Minuten und bedarf nicht viel – ein niedrigschwelliger Eintritt mit Kalkül.

Das Handeln an der Börse soll so leicht dargestellt werden, dass jede und jeder glaubt, sie oder er könne mal eben Gewinne erzielen. Dabei werden gezielt Ängste angesprochen, von denen die Neobroker meinen, die Lösung durch finanzielle Unabhängigkeit zu sein. „Insbesondere in Zeiten von Niedrigzins, steigenden Inflationsraten und einer immer größer werdenden Rentenlücke sollte jeder die Möglichkeit haben, am ökonomischen Wachstum teilzuhaben“, schreibt Trade Republic auf seiner Website.

Krisen sorgen für Unsicherheit an der Börse in Frankfurt

Ökonomen befürchten deutlich mehr Unsicherheit – vor allem nach dem Rechtsruck bei der Wahl in Italien.

Wie verdienen Neobroker Geld?

Die Methoden der Anbieter sind dabei entgegen der eigentlichen Philosophie des Handels und basiert auf Masse. Normalerweise ist es das Ziel, mit dem Kaufen von Aktien, denen eine Wertsteigerung zugetraut wird, über lange Sicht Gewinne zu erzielen. Die Absichten der Neobroker sind es hingegen, die Nutzerinnen und Nutzer zu möglichst vielen An- und Verkäufen zu bringen. „Für die Abwicklung wird lediglich eine Fremdkostenpauschale von einem Euro pro Handelsgeschäft erhoben“, heißt es von Trade Republic. Natürlich wird dann der Umgang mit der App besonders leicht gemacht, um möglichst viele Menschen auf die Plattform zu ködern. Viele Menschen heißt viele Abwicklungen und das bedeutet viel Umsatz, auch wenn es jedes Mal nur ein Euro ist – Trade Republic hat laut eigenen Angaben über eine Million Nutzerinnen und Nutzer.

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ARCHIV - 14.07.2022, Niedersachsen, Unterlüß: Ein "Infanterist der Zukunft" steht neben einem Kampfpanzer Panther KF51 des Rüstungskonzerns Rheinmetall bei einer Führung durch das Rheinmetall-Werk Unterlüß anlässlich der Sommerreise des niedersächischen Wirtschaftsministers. Der Krieg in der Ukraine hat viele Menschen offener für eine Geldanlage in die Rüstungsindustrie gemacht. (zu dpa "Umfrage: Krieg verändert Haltung von Anlegern zur Rüstungsindustrie") Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Das Gegenteil von woke: Kohle machen mit Rüstungsaktien

Früher galten Rüstungsaktien bei Anlegern als unethisch. Doch Putins Krieg hat hier zu Veränderungen geführt: Laut einer Verifox-Umfrage hätte die Hälfte der Befragten kein Problem damit, ihr Geld mit Rüstungsaktien zu verdienen.

Gamification als Suchttreiber

Wie viele Menschen in Deutschland genau vom Börsenhandel abhängig sind, ist unklar. „Es gibt eine hohe Dunkelziffer, weil es als Abhängigkeit noch gar nicht in der Öffentlichkeit bekannt oder definiert ist“, sagt Silke Quast, psychoanalytische Sozialtherapeutin zum Thema Sucht der Diakonie Hannover, im RND-Interview.

Das Handeln von 9000 Aktien, 300.000 Derivate, 50 Kryptowährungen wird von den Neobrokern so leicht dargestellt, dass unerfahrene Investorinnen und Investoren in Verlegenheit getrieben werden, sich selbst zu überschätzen, reaktionär zu handeln und zu spekulieren. Dazu kommt die extrem einfach zu handhabende Oberfläche der App. Eine sogenannte Gamification findet statt.

„Diese Eigenschaften eines großen Spieles und ein Verlust der Ernsthaftigkeit sind vorhanden. Es wird als ein Abenteuer wahrgenommen.“

Silke Quast

Psychoanalytische Sozialtherapeutin zum Thema Sucht der Diakonie Hannover

Darunter versteht man die Übertragung von spieltypischen Elementen und Vorgängen in spielfremden Zusammenhängen mit dem Ziel der Verhaltensänderung bei Anwenderinnen und Anwendern. „Diese Eigenschaften eines großen Spieles und ein Verlust der Ernsthaftigkeit sind vorhanden. Es wird als ein Abenteuer wahrgenommen“, so Quast. Die Mischung aus der spielerisch einfach zu bedienenden App und dem Handeln hochspekulativen Derivaten ist sehr gefährlich. Das Geld auf der App wird nicht mehr als richtiges Geld registriert. Der Bezug von der App zu realen Unternehmen schwindet.

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Der Brandbeschleuniger in der Hosentasche

Ein Treiber der Sucht sei laut Quast auch „die Möglichkeit, sich 24/7 damit zu beschäftigen“. Das habe sich auch schon durch andere Arten der Spielsucht bestätigt. „Es dauert bei einer Online-Glücksspielsucht zwei Jahre, bis sie sich manifestiert. Terrestrische Glücksspielsucht in Spielhallen oder Wettbüros dauert vier Jahre“, erklärt Quast. Grund dafür ist laut der Expertin, dass sich das Suchtpotenzial durch die ständige Bereitschaft von PC, Tablet oder Smartphone stärker und schneller entwickle.

„Fear of missing out“

Die „Fear of missing out“ (Fomo) ist ein Phänomen des digitalisierten 21. Jahrhundert. Fomo beschreibt die Angst, etwas zu verpassen – das lässt sich auch auf Neobroker projizieren. Viele Menschen, die sich noch nie mit dem Thema beschäftigt haben, steigen einzig mit in den Handel ein, weil es andere um sie herum machen und sie nichts verpassen wollen. Die Fomo geht aber auch weiter, sobald man in der Finanzwelt angekommen ist. Die Möglichkeit, jederzeit auf dem Handy nach seinen Investitionen zu schauen, ist verlockend und neue Entwicklungen wollen nicht verpasst werden. Das kann bei spekulativem Handel durchaus vor Verlusten schützen, treibt aber auch in eine Abhängigkeit und verleitet zu mehr An- und Verkäufen. Dabei handelt es sich nicht um ein direkt vom Neobroker gesteuertes Mittel, aber einer Erscheinung, die Menschen nah am Produkt hält.

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Mails und Pushnachrichten: „Dialog mit der Community“

„Aus den Augen, aus dem Sinn“: Das gefällt den Neobrokern gar nicht. Deswegen haben sie ihre Mittel und Wege, dem Nutzer und der Nutzerin ständig präsent zu sein. Trade Republic nennt es „Dialog mit der Community“. Pushnachrichten auf das Smartphone und E-Mails sollen an die App erinnern und fordern passiv dazu auf, aktiv zu werden. Inhaltlich wird dabei auf unter anderem auf besondere Angebote und große Verluste der eigenen Aktien hingewiesen. Der direkte Kontakt zum Nutzenden muss nicht unbedingt schlecht sein. Es können dadurch auch Verluste minimiert und wichtige Informationen verteilt werden. Allerdings verfolgen die Neobroker damit auch die Absicht, An- und Verkäufe zu provozieren und Geld zu verdienen.

Grenzenloses zocken: Onlinetrading kein offizielles Glücksspiel

Laut Quast besteht ein besonders hohes Risiko darin, dass man viel größere Mengen an Geld bewegen könne. „Die Gewinne sind exorbitant höher, aber zeitgleich auch die Verluste.“ Dabei bemängelt sie, dass es keine gesetzlichen Vorkehrungen zum Schutz der Nutzerinnen und Nutzer gebe, weil es nicht offizielle als Glücksspiel anerkannt sei. Einzahlsperren oder Höchsteinsätze gebe es nicht, wie es bei anerkannten Glücksspielen Pflicht sei.

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