Forderung nach Ausweitung der Kurzarbeit

Chemieproduktion seit Jahresbeginn um 10 Prozent gesunken

Industrieanlagen des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz): Unter dem Druck der Energiekosten fordert die Chemieindustrie Entlastungen beim Strompreis.

Industrieanlagen des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz): Unter dem Druck der Energiekosten fordert die Chemieindustrie Entlastungen beim Strompreis.

Berlin. Angesichts der Energiekrise ist die deutsche Chemieindustrie so pessimistisch wie seit 30 Jahren nicht mehr. Die Geschäftserwartungen für die kommenden Monate sanken im August auf minus 55 Punkte, berichtet das Münchner Ifo-Institut in dieser Woche. Das sei der schlechteste Wert seit 1991.

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„Die Lage ist dramatisch. Seit Jahresbeginn ist die Chemieproduktion um 10 Prozent gesunken“, sagte Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), am Freitag gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Die Talsohle sei noch nicht erreicht. „Mit zunehmender Dauer der Energiekrise dürfte es bei vielen Unternehmen an die Substanz gehen“, betonte der Verbandschef.

Branchenverband: Gasumlage muss nachgebessert werden

Vor diesem Hintergrund fordert der VCI, dass das Programm der Bundesregierung zur Energiekostendämpfung verlängert und inhaltlich angepasst wird. „In der jetzigen Form bringt es vor allem Unternehmen in den Chemieparks nichts“, erläuterte Große Entrup. Bei der geplanten Gasumlage müsse ebenfalls nachgebessert werden. „Die betroffenen Gasimporteure sollten gezielt aus dem Bundeshaushalt unterstützt werden“, sagte der Verbandschef.

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Zudem müssten die „staatliche Belastungen und Umlagen auf den Strompreis auf den Prüfstand“. „Die Stromsteuer muss auf das EU-Mindestmaß gesenkt werden“, forderte Große Entrup. Er warnte: „Wir sind pessimistisch, dass die Energiekosten kurzfristig entscheidend sinken. Daher braucht es zeitnahe Lösungen, Unterstützung und finanzielle Entlastung für die betroffenen Unternehmen, damit es nicht zu Insolvenzen, Abwanderung und Arbeitsplatzverlusten kommt.“

Chefredakteurin der Leipziger Volkszeitung Hannah Suppa und Ressortleiter Wirtschaft des RedaktionsNetzwerk Deutschland Andreas Niesmann im Gespräch mit VNG-Vorstand Ulf Heitmüller, am 31.08.2022 in Leipzig.

VNG-Chef Ulf Heitmüller: „Unser Wohl und Wehe hängt stark von der Gasumlage ab“

Ulf Heitmüller ist Vorstandschef des Leipziger Gas­handels­unternehmens VNG. Im Interview erklärt er, warum das Unternehmen trotz des gut verdienenden Mehrheits­eigentümers EnBW auf die Gasumlage angewiesen ist, warum die Frage mit den Vorstandsboni längst geklärt ist und wie die Kommunikation mit den russischen Geschäfts­partnern läuft. Außerdem gibt er einen Ausblick darauf, wann die Krise enden könnte.

Der VCI vertritt die Interessen von rund 1900 Unternehmen aus der chemisch-pharmazeutischen Industrie. 2021 setzten die Mitgliedsunternehmen rund 220 Milliarden Euro um und beschäftigten mehr als 530.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Industriegewerkschaft fordert Ausweitung der Kurzarbeit

Der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), Michael Vassiliadis, plädiert angesichts der dramatischen Energiekosten für eine Ausweitung der Kurzarbeiterregelung. „Die Bundesregierung muss auch dort Kurzarbeit ermöglichen, wo die hohen Gaspreise zu Produktionsstillegungen zwingen“, sagte Vassiliadis dem RND. Bislang sei eine vom Markt induzierte Kurzarbeit wegen zu hoher Preise und mangelnder Rentabilität nicht erlaubt. „Das kann in dieser Ausnahmesituation nicht so bleiben“, sagte der Gewerkschaftschef.

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Am Donnerstag hatte ein Sprecher der SKW Stickstoffwerke Piesteritz (Sachsen-Anhalt) bereits von drohender Kurzarbeit berichtet. In dem Werk, das zu den größten Düngemittelherstellern Deutschlands gehört, stünden die Ammoniakanlagen bereits still. Wegen der Gaskrise liege mittlerweile ein kompletter Produktionsstopp vor. SKW müsse monatlich voraussichtlich 30 Millionen Euro Gasumlage zahlen. Das sei finanziell nicht zu stemmen, so der Sprecher. Die Mitarbeiter hätten kein Verständnis, dass die Politik so mit der Industrie spiele.

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Vor dem Hintergrund der hohen Gas- und Lebensmittelpreise schlägt die IG BCE auch ein tarifliches Entlastungsgeld für die Beschäftigten vor. Gewerkschaftschef Vassiliadis versteht darunter eine befristete Zulage, die die Arbeitgeber finanzieren und die der Staat steuer- und abgabenfrei stellt. „Das tarifliche Entlastungsgeld könnte analog zur geplanten Mehrwertsteuersenkung beim Gas und zur Gasumlage von Oktober 2022 bis März 2024, also für anderthalb Jahre, gezahlt werden“, sagte Vassiliadis.

„Der Staat könnte für die Steuerfreiheit ähnlich wie einst beim Corona-Bonus eine Obergrenze festlegen“, sagte Vassiliadis. Die Verhandlungen über die konkrete Höhe des tariflichen Entlastungsgelds müssten dann die Tarifparteien führen.

Die IG BCE ist in einem Dutzend Branchen mit mehr als 1,1 Millionen Beschäftigten aktiv. Auch die Glas-, Keramik- oder Papierindustrie würde von den explodieren Gaspreisen „mit voller Wucht getroffen“, sagte Vassiliadis. Hier mache man sich um die industriellen Wertschöpfungsketten und um die Beschäftigten Sorgen.

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