Das Prestige lockt

Dienstwagen und ihr Privileg: die stille Macht am Automarkt

Dienstfahrzeuge von Politikern stehen im Regierungsviertel in einer Reihe.

Dienstfahrzeuge von Politikern stehen im Regierungsviertel in einer Reihe.

Wenn es an die Firmenwagen geht, wird es für die Autoindustrie ernst. Mehr als ein Drittel aller neuen Autos in Deutschland sind nach Angaben des Branchenverbands VDA Firmenwagen – insgesamt rund 980.000 Fahrzeuge im Jahr 2021. „Wegen der starken Autoindustrie haben sie hier eine größere Bedeutung als in anderen Ländern“, sagte Ferdinand Dudenhöffer, Chef des Duisburger Center Automotive Research (CAR), dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND).

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Die aktuelle Diskussion um die Dienstwagen­besteuerung sieht er deshalb mit gemischten Gefühlen: „Firmenwagen und Dienstwagen sind von hoher Bedeutung für unsere Volkswirtschaft“, sagt Dudenhöffer und spricht von einer „Neiddebatte“.

Luxuskarossen als Firmenwagen versprechen hohe Gewinne

Tatsächlich reicht das Spektrum der Firmenautos vom Kleinwagen im Pflege­dienst bis zur Luxuskarosse für das Topmanagement. Die erste Kategorie bringt den Herstellern hohe und vor allem stabile Stückzahlen. Die anderen versprechen hohe Gewinne – denn dort sind die Dienstwagen­fahrer unterwegs.

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„User-Chooser“ nennt man sie in der Branche, der englische Begriff meint „Nutzer und Auswählende“ in einer Person. Viele von ihnen achten akribisch darauf, ihr Firmenbudget auszuschöpfen – und geben in der Regel mehr aus, als sie es privat täten. Die deutschen Premiummarken haben sich darauf eingestellt wie niemand sonst. Nach VDA-Angaben haben deutsche Hersteller bei Dienstwagen einen Marktanteil von 82 Prozent, während er im Gesamt­markt bei 68 Prozent liege. Modelle wie Audi A4, BMW 3er und Mercedes ­C-Klas­se gehen zu weit mehr als der Hälfte an Firmen. Dudenhöffer verweist darauf, dass gerade diese Autos – im Gegensatz zu günstigeren Alternativen – in Deutschland gebaut würden.

dpatopbilder - 01.09.2022, Berlin: Eine Berliner Aral-Tankstelle an der Holzmarktstraße weist gegen 2 Uhr morgens bereits erhöhte Preise aus, bei denen nur noch Autogas unter 2 Euro liegt. In der Nacht vom 31. August auf den 1. September endete eine vorübergehende Senkung der Energiesteuer auf das von der EU vorgegebene Mindestmaß. Sie galt seit 1. Juni, um Verbraucher angesichts hoher Energiepreise zu entlasten. Mit dem Auslaufen der Maßnahme könnte Tanken wieder deutlich teurer werden. Foto: Christoph Soeder/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Spritpreise im Zeitverlauf: Was hat der Tankrabatt gebracht – und wo war Tanken am günstigsten?

Nach wochenlangen Preisrückgängen sind Diesel, E10 und Super seit Mitte August wieder stetig teurer geworden. Der Preissprung zum Ende des Tankrabatts kommt nun noch obendrauf. Insbesondere der Dieselpreis geht durch die Decke.

Was passiert mit der pauschalen Besteuerung von Dienstwagen?

Möglich macht es die pauschale Besteuerung von Dienstwagen: Ein Prozent des Listenpreises muss monatlich als geldwerter Vorteil versteuert werden, wenn man das Auto auch privat nutzen darf – egal, wie viel man tatsächlich damit fährt. Für ­E-Au­tos und Hybride ist es ein halbes Prozent. Damit fährt man oft nicht einmal günstiger als im Privatwagen, aber viele Arbeitgeber zahlen außerdem den Sprit. Und das Prestige lockt. So ist die Preisklasse von 40.000 bis 60.000 Euro, die sich privat nur wenige leisten, auf deutschen Straßen stark vertreten.

Damit verbunden ist allerdings auch eine stärkere Motorisierung. Mehr als 160 PS hat der durchschnittliche Neuwagen aktuell unter der Haube. Was das mit Dienstwagen zu tun hat, zeigt das Jahr 2009: In der Finanzkrise herrschte Rezession, die Firmen verschoben ihre Käufe, aber Privatleute bekamen die Abwrackprämie und gingen zum Händler. Für ein paar Monate verschoben sich die Gewichte von den Dienst- zu den Privatwagen – und die durchschnittliche Motorleistung der Neuwagen rutschte auf 118 PS. Im Jahr darauf lag sie wieder bei gut 130 PS.

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Umweltschützerinnen und Umweltschützer fordern die Abschaffung des Privilegs

So fordern Umweltschützerinnen und -schützer seit Jahren die Abschaffung des sogenannten Dienstwagen­privilegs bei der Steuer. Finanzminister Christian Lindner hält den Begriff für „linkes Framing“, also einen verfälschenden Kampfbegriff. Die Pauschal­besteuerung sei vor allem eine Vereinfachung. Das Umweltbundesamt hat dagegen für das Jahr 2018 eine Subventionierung von 3,1 Milliarden Euro ausgerechnet.

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Dudenhöffer sieht Reform­möglichkeiten, warnt aber vor einem Kahlschlag: „Wir würden den Autobauern und ihren Beschäftigten wehtun.“ Der nordrhein-westfälische Gesundheits­minister Karl-Josef Laumann sieht zudem einen sozialen Aspekt: „Zum Beispiel, wenn ambulante Pflegedienste ihren Mitarbeitern ermöglichen, Dienstwagen – in der Regel Kleinwagen – auch privat zu nutzen.“ Für diese Pflegekräfte besonders im ländlichen Raum sei der Dienstwagen eine große Entlastung, sagte der CDU-Politiker dem „Spiegel“.

Der VDA argumentiert auch mit der Technik. „Dienstwagen sind ein ganz wichtiger Treiber, um moderne, sichere und saubere Autos auf den Straßen zu haben“, sagte Verbands­präsidentin Hildegard Müller dem RND. Das sei gerade für die Umstellung auf Elektro­mobilität entscheidend.

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