Inflation in der Türkei auf 20-Jahres-Hoch

Ein Obststand auf dem Ortakcilar-Straßenmarkt in Istanbul (Symbolfoto). Die Inflation in der Türkei hat im Januar mit fast 50 Prozent den höchsten Stand seit Beginn der Ära von Recep Tayyip Erdogan erreicht.

Ein Obststand auf dem Ortakcilar-Straßenmarkt in Istanbul (Symbolfoto). Die Inflation in der Türkei hat im Januar mit fast 50 Prozent den höchsten Stand seit Beginn der Ära von Recep Tayyip Erdogan erreicht.

Athen. Erst seit fünf Tagen leitet Erhan Cetinkaya das staatliche türkische Statistikamt Türkstat, und gleich zu Beginn seiner Amtszeit musste er am Donnerstag eine Hiobsbotschaft verkünden: Die Teuerung in der Türkei beschleunigt sich weiter. Im Januar erreichte die Inflation nach offiziellen Berechnungen 48,7 Prozent. Das ist der höchste Stand seit dem April 2002 und ein neuer Rekord, seit Erdogans islamisch-konservative Partei AKP Ende 2002 an die Regierung kam.

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Und die Türkstat-Daten sind womöglich nur die halbe Wahrheit. Die unabhängige Forschungsgruppe ENAG beziffert nach eigenen Berechnungen die Inflationsrate im Januar auf 114,8 Prozent. Auch viele Türkinnen und Türken misstrauen den offiziellen Daten. Die gefühlte Inflation ist viel höher. Allein in den vergangenen drei Monaten hat sich Speiseöl um 76 Prozent verteuert. Die Preise für Mehl sind im gleichen Zeitraum sogar um 86 Prozent gestiegen. Eier verteuerten sich um 66 Prozent, Milch um 47 Prozent.

Stark gestiegene Energiekosten weltweit

Zum Teil geht der jüngste Inflationsschub auf die weltweit stark gestiegenen Energiekosten zurück. Wegen des Verfalls der Lira, die im vergangenen Jahr gegenüber dem Dollar 44 Prozent ihres Werts verloren hat, schlagen die steigenden Gaspreise in der Türkei besonders stark zu Buche, denn das Land muss fast alle fossilen Energieträger importieren. Nach Berechnungen von Türkstat stiegen die Energiekosten im Januar im Jahresvergleich um fast 74 Prozent. Die Stromtarife verteuerten sich im Januar sogar um bis zu 130 Prozent.

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Als die eigentliche Ursache für die hohe Inflation sehen die meisten Fachleute aber die Politik von Staatschef Erdogan. Er ist ein erklärter Gegner hoher Zinsen und vertritt die unorthodoxe Ansicht, die Inflation ließe sich am wirksamsten mit Zinssenkungen bekämpfen. Auf Druck Erdogans senkte die türkische Zentralbank den Leitzins seit September 2021 um 5 Prozentpunkte. Er liegt mit 14 Prozent inzwischen weit unter der Inflationsrate.

Erdogan hatte weitere Zinssenkungen angekündigt

Erst am vergangenen Samstag hatte der Präsident weitere Zinssenkungen angekündigt: „Wir werden die Zinsen weiter heruntersetzen, wie wir es schon bisher getan haben, dann wird auch die Inflation weiter fallen“, sagte er im nordtürkischen Giresun. Erdogans ständige Eingriffe in die Geldpolitik untergraben das Vertrauen der Investoren in die Unabhängigkeit der Notenbank. Sie ziehen deshalb Kapital aus der Türkei ab. Das beschleunigt den Lira-Verfall. Die Abwertung feuert wiederum die Inflation weiter an – ein Teufelskreis.

Die rasant steigenden Preise sind ein Dauerthema in den sozialen Medien. Ein Video zeigt, wie ein Verbraucher einen Karton mit sechs Eiern in seinem Safe einschließt. In einem anderen satirischen Clip ist zu sehen, wie ein Käufer triumphierend zwei Kanister Speiseöl aus einem Supermarkt trägt, als hätte er einen Jackpot im Lotto gewonnen. Die meisten Menschen können darüber allerdings nicht lachen, denn für viele sind selbst Grundnahrungsmittel unerschwinglich geworden.

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Mit den steigenden Preisen fallen die Werte Erdogans in den Meinungsumfragen. Das Institut Metropoll meldete im Januar für den Präsidenten eine Zustimmungsquote von nur noch 38,6 Prozent. Spätestens im Frühjahr 2023 sind in der Türkei Parlaments- und Präsidentenwahlen fällig. Nach den derzeitigen Umfragen muss Erdogan befürchten, dann die Macht zu verlieren.

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